Walter Gropius

1919–1928 Direktor des Bauhauses

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Porträt Walter Gropius, Foto: E. Bieber, c. 1928.

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Der gebürtige Berliner stammte aus großbürgerlichen Verhältnissen. Sein Großonkel war der Architekt Martin Gropius, ein Schüler Karl Friedrich Schinkels. Das bekannteste Werk von Martin Gropius war das Königliche Kunstgewerbemuseum in Berlin, das heute seinen Namen trägt. Walter Gropius' Herkunft und Werdegang prädestinierten ihn dazu, schon als junger Mann zu den Vordenkern einer neuen Architektengeneration zu gehören. Nach dem Abbruch seines Architekturstudiums in München und Berlin trat Gropius 1907 in das Büro des angesehenen Architekten und Industriedesigners Peter Behrens ein. Behrens war bis Kriegsausbruch Chefdesigner der AEG-Produkte aus dem Großunternehmen der Familie Rathenau. Auch andere später ebenfalls berühmt gewordene Architekten begannen in Behrens' Büro ihre Karrieren wie Ludwig Mies van der Rohe und Le Corbusier. Im selben Jahr wurde Gropius Mitglied des Deutschen Werkbundes, in dem Künstler, Industrielle und Kulturpolitiker an der Synthese von Kunst und industriellen Fertigungsmethoden arbeiteten.

Wie sehr Gropius im Mittelpunkt der Gesellschaft stand, zeigt seine Hochzeit mit der skandalumwitterten Alma Mahler im Jahr 1915. Ein Jahr später kam die gemeinsame Tochter Alma Manon (1916–1935) zur Welt. Schon 1920 wurde die Ehe geschieden. Drei Jahre später heiratete Gropius die Buchhändlerin Ilse Frank, mit der er bis zu seinem Lebensende verheiratet blieb. Gropius, der im Ersten Weltkrieg an der Westfront diente und diesen Krieg für eine Katastrophe hielt, schloss sich 1918 der „Novembergruppe“ an, die die Impulse der Novemberrevolution in die Kunst aufnehmen wollte. Auch Ludwig Mies van der Rohe gehörte zu dieser Gruppierung. Bis 1919 leitete Gropius den „Arbeitsrat für Kunst“, der sich selbst als Anti-Akademie deutscher Künstler verstand. Er wurde Korrespondent des von Bruno Taut initiierten geheimen Briefwechsels „Die Gläserne Kette“, deren Teilnehmer die „Auflösung der bisherigen Grundlagen“ der Architektur und das „Verschwinden der Persönlichkeit“ des Künstlers forderten.

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Fagus-Werk, Alfeld an der Leine, Architektur: Walter Gropius und Adolf Meyer / Foto: Hans Wagner, ab 1911.

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Diese Widerspenstigkeit von Gropius gegenüber der traditionellen Baukunst – von ihm spöttisch „Salonkunst“ genannt - und ihrer Verfahren, die er publizistisch immer wieder geäußert hatte, konnte er mit der Bauhaus-Gründung in die Tat umsetzen. 1919 wurde Gropius auf Vorschlag des belgischen Architekten Henry Clement van de Veldes als dessen Nachfolger zum Direktor der Großherzoglich-Sächsischen Hochschule für Bildende Kunst im thüringischen Weimar ernannt und gab der neuen Schule den Namen „Staatliches Bauhaus in Weimar“. In seinem Manifest, einem vierseitigen Flugblatt, auf dessen Titelseite der berühmte Holzdruck „Kathedrale“ von Lyonel Feininger abgebildet war, erklärte Gropius die Idee des Bauhauses. Sein Ziel war die Errichtung des „Baus der Zukunft“ als Gesamtkunstwerk.

Neuartig war vor allem die dualistische Ausbildung in den Werkstätten, in denen ein Handwerker als Werkmeister und ein Künstler als Formmeister die Ausbildung gemeinsam leiteten. Die handwerkliche Arbeit wurde als ideale Einheit von künstlerischer Gestaltung und materieller Produktion begriffen. Das von Gropius entworfene Schema der Lehre sollte mit einem Vorkurs begonnen werden und kulminierte im Bau. Bezogen auf Bauprojekte konnten diese nur als Gesamtkunstwerk definiert werden. Entwurf und Ausführung von Haus Sommerfeld in Berlin von Walter Gropius und Adolf Meyer im Jahr 1921 zeugen von dieser Haltung. Der Entwurf wurde zwar die Architektur betreffend von Gropius entwickelt, integrierte aber Arbeiten von Bauhausstudierenden, sodass von einem Gemeinschaftsprojekt des Bauhauses gesprochen werden kann.

Für Gropius war das Bauhaus ein intellektuelles Labor, in dem zwar einerseits die traditionelle Einteilung in Lehrling und Meister aufrechterhalten wurde, andererseits aber die Gattungen völlig neu miteinander verbunden wurden. Das Ergebnis dieser Lehre stand nicht von vornherein fest, sondern sollte im Geist des Forschens und Experimentierens – Gropius nannte dies Wesensforschung – erst erfunden werden, quer durch alle Disziplinen hindurch vom Hochhaus bis zum Tee-Ei. Der Bau der Zukunft – für Gropius war es das Gesamtkunstwerk.

Gropius blieb auch als Direktor politisch und künstlerisch aktiv. 1922 wurde auf dem Weimarer Hauptfriedhof sein in rechten Kreisen umstrittenes „Denkmal der Märzgefallenen“ des Kapp-Putsches von 1920 enthüllt. Legendär ist auch das von Gropius entworfene und eingerichtete Direktorenzimmer des Bauhauses in Weimar.

Klassik Stiftung Weimar / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Arbeitsmodell zum Denkmal der Märzgefallenen in Weimar, Walter Gropius, 1921.

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Nachdem Gropius 1926 das Bauhausgebäude in Dessau enworfen hatte, beschäftigte er sich intensiv mit dem Massenwohnbau als Lösung der städtebaulichen und sozialen Probleme und trat für die Rationalisierung des Baugewerbes ein. Er entwarf zahlreiche Wohnprojekte wie die Meisterhäuser in Dessau-Roßlau (1925–1926), die Siedlung Dessau-Törten (1926–1931) und die Wohnblocks der Siemensstadt in Berlin (1929–1930).

Im Jahr 1928 übergab Walter Gropius, entnervt von erneuten kommunalpolitischen Querelen um das Bauhaus, das Amt des Direktors an den Schweizer Architekten und Urbanisten Hannes Meyer, den Gropius als Leiter der neugegründeten Architekturklasse ein Jahr zuvor ans Bauhaus geholt hatte. Als Meyer 1930 auf Betreiben der Stadt Dessau und nicht zuletzt auch von Gropius selbst entlassen wurde, weil er die kommunistische Radikalisierung der Bauhaus-Studenten nicht unterbinden konnte, schlug Gropius den Architekten Ludwig Mies van der Rohe als dritten Direktor der Schule vor.

1934 emigrierte Gropius ein Jahr nach der Zwangsschließung des Bauhauses durch die Nationalsozialisten an seinem letzten Standort in Berlin nach England und 1937 weiter in die Vereinigten Staaten von Amerika nach Cambridge. Dort arbeitete er als Professor für Architektur an der Graduate School of Design der Harvard University. Seit 1938 war er dort Leiter der Architektur-Abteilung. Im selben Jahr organisierte er die Ausstellung „Bauhaus 1919–1928“ in New York. Von 1938–1941 arbeitete Gropius in einem gemeinsamen Büro mit Marcel Breuer. Im Jahr 1944 erhielt Gropius die amerikanische Staatsbürgerschaft.

1946 gründete Gropius die Gruppe The Architects Collaborative, Inc. (TAC) als Vereinigung junger Architekten, die für ihn zugleich ein Manifest seines lebenslangen Glaubens an die Bedeutung der Teamarbeit war, wie er sie im Bauhaus erfolgreich eingeführt hatte. Das TAC existierte noch bis 1995. Ein Werk dieses Büros ist das Graduate Center der Harvard University in Cambridge (1949–1950).

In seinen letzten Lebensjahren war Gropius wieder häufig in Berlin tätig, wo er unter anderem 1957 im Rahmen der Interbau einen neungeschossigen Wohnblock im Hansaviertel errichtete. 1964/65 fertigte Gropius den Entwurf für das Bauhaus-Archiv in Darmstadt, der erst nach seinem Tod 1969 in abgewandelter Form von 1976–1979 in Berlin realisiert wurde.

Gropius war über seine Amtszeit als Bauhaus-Direktor von 1919 bis 1928 hinaus die prägende Autorität für diese Schule. Auch nach der Schließung der Institution durch die Nationalsozialisten hat er zeitlebens weiter für die Anerkennung und Verbreitung der Bauhaus-Idee gearbeitet. Als Walter Gropius 1969 als amerikanischer Staatsbürger in Boston starb, war der Begriff „Bauhaus“ mindestens so bekannt wie der Name seines Erfinders.

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Einsendung zum Wettbewerb für ein Bürogebäude der Chicago Tribune, Entwurf: Walter Gropius und Adolf Meyer, 1922.
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Haus Sommerfeld, Berlin. Architektur: Walter Gropius und Adolf Meyer, 1920–1922 / Foto: Carl Rogge.
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Das Bauhausgebäude in Dessau von Nordwesten, Architektur: Walter Gropius / Foto: Lucia Moholy, 1926.
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Meisterhäuser in Dessau, Doppelhaus Kandinsky / Klee, Nordwestseite, Architektur: Walter Gropius / Foto: Lucia Moholy, 1926.
Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Die Siedlung Dessau Törten mit dem Gebäude des Konsumvereins, Architektur: Walter Gropius, um 1928.
  1. Literatur:
  2. Müller, Ulrich (2004): Raum, Bewegung und Zeit im Werk von Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe, Berlin.
  3. Nerdinger, Winfried (1993): Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus, München.
  4. Probst, Hartmut & Christian Schädlich (1985): Walter Gropius, Bd. 1–3, Berlin.
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