Heinrich Neuy

1930–1932 Studierender am Bauhaus

HeinrichNeuyBauhausMuseum, Steinfurt-Borghorst / © HeinrichNeuyBauhausMuseum, Steinfurt-Borghorst
Studierenden-Ausweis, Heinrich Neuy, Bauhaus Dessau, 1930, Foto: Fritz Kuhr.

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Heinrich Neuy wurde am 27. Juli 1911 in Kevelaer am Niederrhein geboren. Von 1925 bis 1928 absolvierte er eine Tischlerlehre in der väterlichen Werkstatt. Ermuntert durch den Landschaftsmaler Josef Pauels, begann er zu dieser Zeit mit gegenständlichen Architektur-, Landschafts- und Portraitstudien. Nach dem Lehrabschluss besuchte Neuy bis 1930 die Handwerker- und Kunstgewerbeschule in Krefeld. Im Sinne der Schule zeichnen sich seine ersten Möbel- und Inneneinrichtungsentwürfe durch strenge Funktionalität und gestalterischer Klarheit aus.

Bauhaus-Archiv Berlin / © Hedwig Seegers
Optische Täuschung: Ornamentglas, imitiert durch bearbeitetes Silberpapier unter klarer Fensterglasscheibe, Stanniolpapier unter Glasscheibe, Autor: Heinrich Neuy, Bauhaus Dessau, 1930.

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Beeindruckt durch einen Besuch der Ausstellung „10 Jahre Bauhaus“ im Folkwang Museum Essen, schrieb sich Heinrich Neuy zum Sommer-Semester 1930 am Bauhaus Dessau ein. Hier studierte der 19-jährige zunächst Werklehre bei Josef Albers, künstlerische Gestaltung, abstrakte Formelemente und analytisches Zeichnen bei Wassily Kandinsky, und von Joost Schmidt ließ er sich in Schrift und Aktzeichnen einweisen. Nach der Grundlehre entschied sich Neuy für die Bau/Ausbau-Abteilung, u. a. mit Fächern und Seminaren in Architektur bei Mies van der Rohe, Städtebau bei Ludwig Hilbersheimer, Ausbau bei Lilly Reich, Farbe bei Hinnerk Scheper und Psychologie bei Karlfried Graf von Dürckheim. Im März 1932 ließ er sich für ein praktisches Semester beurlauben, kehrte danach aber wegen der sich abzeichnenden politischen Situation nicht ans Bauhaus zurück.

Bauhaus-Archiv Berlin / © Hedwig Seegers
Farbkreis Schwarz, Blau, Gelb und Weiß, aus dem Vorkurs bei Wassily Kandinsky, Autor: Heinrich Neuy, Bauhaus Dessau, 1930.

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Stattdessen setzte Neuy seine Tischlerausbildung in der väterlichen Werkstatt fort und wurde Tischlermeister. Er heiratete 1937 und übernahm die Tischlerei seines Schwiegervaters in Borghorst, wo er ein Geschäft für Möbel und Kunsthandwerk einrichtete. Neben privaten Auftraggebern erhielt er öffentliche Aufträge der Stadt Borghorst.

Bauhaus-Archiv Berlin. © Hedwig Seegers
„Zusammenhang gleichartiger Gegenstände“, Zeichnung aus dem Vorkurs Wassily Kandinsky, Autor: Heinrich Neuy, Bauhaus Dessau, 1930.

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Von 1940 bis 1944 diente Heinrich Neuy bei der Luftwaffe, geriet in Kriegsgefangenschaft und war in verschiedenen Lagern in den USA inhaftiert. Während dieser Zeit führte er verschiedene Gestaltungsaufgaben für die Lagerleitungen aus, skizzierte Portraits seiner Kameraden und legte ein Skizzenbuch mit Architektur- und Städtebauentwürfen an. 1946 wurde er nach England überstellt und erhielt dank der Hilfe eines schottischen Militärarztes in einem Lazarett die Möglichkeit und die Mittel, sich wieder mit abstrakter Malerei zu befassen.

Im Oktober 1946 kehrte Neuy nach Borghorst zurück, wo er seinen Tischlereibetrieb und das Geschäft für Möbel und Kunsthandwerk weiterbetrieb. Er begann erneut mit der Lehrlingsausbildung. Dabei engagierte er sich in einem pädagogisch ganzheitlichen Sinne, nahm zahlreiche Mädchen zur Tischler-Ausbildung an und sah eine besondere Herausforderung darin, sozial auffälligen Jugendlichen neue Orientierungen zu bieten. Erst 1989, im Alter von 78 Jahren, beendete er die Tätigkeit als Ausbilder mit der Übergabe der Tischlerei an seinen Enkel. Im selben Jahr eröffnete Heinrich Neuy eine Galerie in seiner alten und umgebauten Tischlereiwerkstatt, wo er sich nun ganz seinem bildnerischen Schaffen widmen konnte. 1991 verlieh ihm die Stadt Steinfurt den Kulturpreis, 1996 ehrte ihn der Kreis Steinfurt mit dieser Auszeichnung. Seit 2001 trägt eine Schule in Borghorst seinen Namen. Am 24. März 2003 starb Heinrich Neuy in Steinfurt-Borghorst.

Bauhaus-Archiv Berlin / © Hedwig Seegers
Materialstudie mit Holzspänen aus dem Vorkurs von Josef Albers, Autor: Heinrich Neuy.

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1960 begann Heinrich Neuy wieder mit seiner Auststellungstätigkeit und hatte zahlreiche Beteiligungen und Einzelausstellungen in Deutschland, sowie in Amsterdam, Helsinki, Minsk, Tokio, sowie Gruppenausstellungen mit dem Bauhaus-Archiv. 1994 wurde am Bauhaus Dessau und in Münster die Retrospektive „Heinrich Neuy, Malerei und Grafik” gezeigt.

2011 eröffnete die Heinrich Neuy Stiftung nach mehrjähriger Restaurierung und Erweiterung des Stiftskurienhauses aus dem Jahre 1668 in Steinfurt-Borghorst das HeinrichNeuyBauhausMuseum. Das Museum fühlt sich der Gestaltungslehre des Bauhauses verpflichtet. Gezeigt werden Entwürfe und Arbeiten aus den Bereichen Kunst, Design und Architektur. In wechselnden Einzel- und Gemeinschaftsausstellungen werden vorrangig Arbeiten von Heinrich Neuy und anderen Bauhausschülern und Bauhauslehrern vorgestellt.

Text: Burckhard Kieselbach

Bauhaus-Archiv Berlin / © Hedwig Seegers
„Hauptspannungen in Farbe übersetzt“, Arbeit aus dem Unterricht Kandinsky, Autor: Heinrich Neuy, Bauhaus Dessau, 1930.
  1. Literatur:
  2. Friedrich, Werner (2001): Heinrich Neuy, Steinfurt.
  3. Rittmann, Annegret (1994): heinrich neuy, Dessau.
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