Judit Kárász

1930–1932 Studierende am Bauhaus

Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt
Porträt Judit Kárász mit einem Unbekannten, Foto: Judit Kárász (?), 1931, Neuabzug 1986.

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Judit Kárász wurde am 21. Mai 1912 in Szeged (Ungarn) geboren. Nach einem halbjährigen Studium der Fotografie am L'École de la Photographie in Paris (1930), wo sie ihre bei einem Fotografen in Süd-Ungarn erworbenen Grundkenntnisse erweiterte, setzte Kárász ihr Studium zum Wintersemester 1930–1931 am Bauhaus fort. Zunächst besuchte sie hier den obligatorischen Vorkurs unter der Leitung von Josef Albers. Danach immatrikulierte sich Kárász in der Fotoklasse von Walter Peterhans, wo sie als bereits ausgebildete Fotografin eine Weiterbildung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten erfuhr. Unter Peterhans' Einfluss entstanden Materialstudien und technische Experimente (wie die Doppelbelichtung eines Portraits der Weberin Otti Berger vor dem Dessauer Bauhausgebäude, das Kárász zugeschrieben wird) wie wir sie heute auch von anderen Schülern der Fotoklasse am Bauhaus kennen.

Die gerade erst Zwanzigjährige gehörte am Bauhaus zu der jüngsten Generation, die sich anstatt mit utopischen Träumen und gesellschaftlicher Neuordnung primär mit der Realität befassten, ohne ästhetische Dogmen. In ihren Fotografien strebte diese Generation, zu der neben Kárász zum Beispiel auch Irena Blühová und Albert Hennig zählten, nach neuartigen Kompositionen in Momentaufnahmen und mit sozialkritischem Blick.

Mit Eintritt ins Bauhaus engagierte sich Kárász aktiv in der Kostufra (Kommunistische Studentenfraktion). Aufgrund ihrer offenen politischen Aktivitäten (sie wurde beim Drucken von Propagandamaterial erwischt), und hiermit verbundenen permanenten Auseinandersetzungen mit den rechts-nationalen Kräften in Dessau, wurde Kárász zusammen mit anderen Bauhäuslern im März 1932 des Bauhauses und des Landes Sachsen-Anhalt verwiesen.

Der Weg der jungen Fotografin führte sie zunächst in die Metropole Berlin, zu diesem Zeitpunkt ein zentraler Treffpunkt freidenkender Künstler und Intellektueller. Zunächst fand Kárász hier eine Anstellung als Laborassistentin bei der renommierten Deutschen Photoagentur (DEPHOT), wo sie unter anderem mit Endre Friedmann, der sich unter dem Pseudonym Robert Capa bald weltweit einen Namen als Reportage- und Kriegsfotograf machte, zusammenarbeitete. Immer wieder reiste sie durch Deutschland und hielt mit ihrer Leica unter anderem eine Vielzahl von Großstadtfotos fest, die zum Beispiel den Bau von groß angelegten Straßen, Gerüste und Brücken zeigten – Themen, die insbesondere Fotografen aus den mitteleuropäischen Agrarländern (wie Ungarn und der Slowakei) nahezu überwältigten.

Kárász kehrte zwischen 1931 und 1933 in regelmäßigen Abständen zurück zu ihrer Mutter in die Heimat Szeged. Hier lernte sie junge ungarische Soziografen kennen, die objektive Beobachtungen ihres unmittelbaren Umfelds durchführten und nach Zusammenhängen in den gesellschaftlichen Verhältnissen suchten. 1932–1933 wurde Kárász Mitglied des „Kollegs der Szegediner Jugend“ (Teil der ungarischen „Dorf-Erkundungs-Bewegung“). In diesem Rahmen produzierte sie Fotoreportagen über ländliche Regionen in Süd-Ungarn und wurde zu einer der bedeutendsten und populärsten Protagonistinnen der ungarischen Dokumentarfotografie: Zur Ausstellung „15 km aus der Stadt zum Ackerhof“ im August 1933 (eine Soziofoto-Ausstellung) widmete man Judit Kárász schon einen ganzen Sonderraum. Es waren Fotografien typischer Figuren der Region um Szeged – arme Kinder, erschöpfte Bauern, Jahrmarktaufnahmen, die vom Vollpanorama bis zu eng gewähltem Bildausschnitt changieren, stets durchkomponiert. Im Kontrast hierzu zeigte Kárász herausgeputzte Hochzeitsgäste und Prozessionsteilnehmer. Mit ihren Serien vermied Kárász in sich individuelle „Kunstwerke“ zu schaffen.

Nach kurzen Aufenthalten in Bad Harzburg und Köln suchte die jüdische Sozialfotografin Kárász aufgrund des erstarkenden Nationalsozialismus Asyl in Dänemark, kurz in Kopenhagen, dann auf der Insel Bornholm. Dort lebte sie mit dem deutschen Schriftsteller und Orgelbauer Hans Henny Jahnn (mit dem sie eine langjährige turbulente Affäre hatte) und seiner Familie erst auf „Bondegård“ in Rutsker und während des Krieges im nahe gelegenen Haus „Granly“. Ihre fotografischen Aufnahmen beschränkten sich während dieser Zeit fast ausschließlich auf private Momente. Lediglich einen Artikel von Jahnn über „Die Insel Bornholm“, der 1941 in der Zeitschrift Atlantis erschien, illustrierte Kárász mit eigenen Fotografien unter den Namen „Jahnn und Türckfoto“ (zu dieser Zeit war es undenkbar, unter jüdischem Namen zu publizieren). Um die dänische Staatsbürgerschaft zu erlangen heiratete Kárász 1939 den Kunstmaler Hans Helving, eine Zweckheirat. Nach der russischen Besetzung der Insel Bornholm zog Kárász im Herbst 1945 nach Kopenhagen, wo sie 1948–1949 in „Kirsten und John's Handweberei“ unter dem Namen Touraine arbeitete.

Im Dezember 1949 kehrte sie aus politischer Überzeugung in die Heimat Ungarn zurück. 1950 bis 1968 arbeitete die ehemalige Bauhäuslerin als Fotografin am Kunstgewerbemuseum in Budapest, für das sie in fast zwanzig Jahren Tausende von Fotos von Interieurs und Kunstwerken aufnahm und an zahlreichen Fotopublikationen mitwirkte.

Am 30. Mai 1977 starb Judit Kárász in Budapest. Bis zu ihrer Retrospektive in Budapest im Jahr 1988 war Kárász als einst bedeutende Dokumentarfotografin fast gänzlich in Vergessenheit geraten. 1994 veranstaltete das Bornholms Kunstmuseum eine Ausstellung über ihre Fotos aus den Jahren 1930 bis 1945, zu der eine kleine Begleitpublikation erschien.

[AG 2016]

  1. Literatur:
  2. Bornholms Kunstmuseum (1994): Judit Kárász. Fotografien von 1930 bis 1945, Bornholm.
  3. Gaßner, Hubertus (1986): WechselWirkungen. Ungarische Avantgarde in der Weimarer Republik, Marburg, S. 574.
  4. Iparmüveszeti Múzeum (1987): Judit Kárász (1912–1977). fotoi, Budapest.
  5. Nádas, Péter (2005): Seelenverwandt/Kindred Spirits. Ungarische Fotografen/Hungarian Photograpgers 1914–2003, Berlin.
  6. Nagytétényi Kastélymuzeum (1976): Európai bútorok a 15.–17. században, Budapest.
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