Ré Soupault

1921–1925 Studierende am Bauhaus

Manfred Metzner, Nachlass Ré Soupault / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Selbstporträt, Foto: Ré Soupault, Hammamet, 1939.

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Ré Soupault wurde als Meta Erna Niemeyer am 29. Oktober 1901 in Bublitz/Pommern (heute Bobolice / Polen) geboren. Nach dem Ersten Weltkrieg suchte die Jugendliche gedankliche Freiheit und Zuflucht aus der Enge der Familie im Schachspiel, Klavierspiel und der „Wandervogel-Bewegung". Ihre Zeichenlehrerin war für sie der einzige Lichtblick, „die einzig vernünftige Person“ [1]. Sie zeigte der jungen Frau das Bauhaus-Manifest von Walter Gropius. Der darin propagierte Zusammenhalt von Künstlern und Handwerkern in einer gleichberechtigten Gemeinschaft, die gemeinsam an einer Zukunft bauen, spiegelte ihr eigenes Verlangen nach einem neuen Weltbild wider. Schnell beschloss sie: „Da wollte ich mitmachen.“ [2] 1921 war es dann schließlich soweit: Meta Erna Niemeyer bewarb sich mit ihren Arbeiten am Bauhaus in Weimar und wurde angenommen. Hier lernte sie Otto Umbehr kennen, der später als Fotograf „Umbo“ in die Geschichte der Fotoavantgarde einging und mit dem Niemeyer bis an ihr Lebensende befreundet war.

Von der Farb- und Formenlehre Johannes Ittens tief beeindruckt belegte Niemeyer dessen Vorkurs gleich zweimal. Die persische Mazdaznan-Lehre, nach der Itten und andere Bauhäusler leben, interessiert die junge Frau so sehr, dass sie nebenbei zwei Semester Sanskrit in Jena studierte. Zweimal pro Woche fuhr sie mit dem Rad von Weimar nach Jena und zurück. Aus diesem Studium heraus entwickelte sie ihr Lebensmotto:„Die Habsucht ist die Ursache allen Übels (lobhah papasya karanam).“ [3] Auf einem Teppichwebstuhl am Bauhaus knüpfte sie die Sanskrit-Weisheiten in abstrakte Farbkompositionen.

Manfred Metzner, Nachlass Ré Soupault / © VG Bild-Kunst Bonn 2016
Selbstporträt, Foto: Ré Soupault, Tunis, 1939.

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Während eines Besuches in Berlin traf sie den ehemaligen Bauhäusler Werner Graeff wieder, der sie mit dem schwedischen Experimentalfilmmacher Viking Eggeling bekannt machte. Nach ihrer Teilnahme an der ersten großen Bauhausausstellung in Weimar im Jahr 1923 – die Teilnahme war für jeden Bauhäusler eine „Ehrensache“ und sie malte einige Bilder „ganz schnell, nur um nicht mit leeren Händen zu kommen“ [4] – wurde Niemeyer Eggelings Assistentin. Fasziniert von Eggelings Begeisterung für sein Projekt stellte sie für den kranken und mittellosen Filmemacher in einjähriger Arbeit den Film „Diagonal-Sinfonie“ fertig. 

Mit Kurt Schwitters, dem sie ihren Namen „Ré“ zu verdanken hat, ging sie schließlich nach Hannover. Als das Bauhaus 1925 nach Dessau umzog und sich weiterentwickelte hin zum Funktionalismus beschloss Ré nicht mehr ans Bauhaus zurückzukehren und in Berlin zu bleiben. Bereits in Weimar hatte sie 1922 den Dadaisten Hans Richter kennengelernt, den sie in Berlin wiedertraf. Sie heirateten 1926; ihre gemeinsame Wohnung wurde zum Treffpunkt der Avantgardisten, unter ihnen Fernand Léger, Man Ray, Werner Graeff, Paul Hindemith und Mies van der Rohe. Unter dem Pseudonym Renate Green schrieb und zeichnete Ré Richter beim Scherl-Verlag für das Magazin „Sport im Bild“. 1927 zerbrach die Ehe mit Hans Richter; 1931 ließen sie sich scheiden.

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Schon 1929 zog Ré Richter als Korrespondentin für den Scherl-Verlag nach Paris um. Im Café Dôme am Montparnasse traf sie sich täglich mit der Pariser und Berliner Bohème: „Jeder kam dort wenigsten einmal am Tag vorbei. So war ich da jeden Tag mit Man Ray, Kiki [de Montparnasse], [Tsuguharu] Foujita, [Alberto] Giacometti, Léger, [André] Kertész.“ [5] Auf einer Geburtstagsfeier für Kiki traf Ré Richter den amerikanischen Millionär Arthur Wheeler, mit dem sie 1931 die Modefirma „Ré Sport“ gründete. Für den renommierten Pariser Modemacher Paul Poiret hatte sie noch vor ihrer Heirat mit Hans Richter den ersten Hosenrock entworfen. Ihre zukünftige Mode sollte sich an sportlicher Alltagsmode für die zeitgenössische moderne Frau wenden, die sich schick und gleichzeitig praktisch und bequem kleiden wollte. Man Ray fotografierte die erste Kollektion von zwanzig Modellen. Mit ihrem Verwandlungskleid revolutionierte Ré Richter die Modewelt. Idee war, mit wenigen Handgriffen schnell und leicht ein Bürokleid in ein Abendkleid umzuwandeln und mit einigen Accessoires aufzupeppen. Nach dem plötzlichen Tod Wheelers blieb die finanzielle Unterstützung aus und Ré Richter musste 1934 ihr Geschäft schließen.

1933 lernte sie auf einem Empfang in der Russischen Botschaft in Paris den Surrealisten Philippe Soupault kennen. Soupault hatte sich gerade von seiner zweiten Ehefrau scheiden lassen und Ré Richter hatte ihr Geschäft aufgegeben, sodass sie sich beide in der Schwebe befanden und beschlossen auf gemeinsame Reportagereise zu gehen. Die Fotografien, die begleitend zu den Reportagetexten von Philippe Soupault erscheinen sollten, fertigte Ré Richter selbst mit ihrer 6x6 Rolleiflex an. In den folgenden Jahren unternahmen die beiden weitere Reportagereisen nach Deutschland, in die Schweiz, nach England, Skandinavien und nach Tunesien. 1937 heirateten sie. 1943 siedelten Ré und Philippe Soupault nach New York um. Hier trafen sie viele ihrer europäischen Freunde wieder, darunter Kurt Weill, Fernand Léger, André Masson, Herbert Bayer, Hans Richter und Marcel Breuer. Nach Kriegsende trennte sich das Ehepaar Soupault; er kehrte zurück nach Europa, sie blieb in New York und schrieb für ihr Auskommen Reise-Reportagen für den International Digest und das Travel-Magazine.

Manfred Metzner, Nachlass Ré Soupault / © VG Bild-Kunst Bonn 2016
Selbstporträt, Foto: Ré Soupault, Buenos Aires, 31. Januar 1944 (im Hintergrund: Gisèle Freund und Jacques Rémy).

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1946 kehrte auch Ré zurück nach Paris; hier schlug sie eine Laufbahn als Übersetzerin ein. Zwei Jahre darauf siedelte sie über nach Basel. 1950 erstand Ré Soupault auf dem Schwarzmarkt eine Rolleiflex, mit der sie in Flüchtlingslagern ihre letzten Reportagefotografien anfertigte. 1954 erschien ihr bedeutendstes Übersetzungswerk: „Das Gesamtwerk“ des Comte de Lautréamont, das bis zu diesem Zeitpunkt als unübersetzbar galt. 1955 ging Ré Soupault endgültig nach Paris zurück. Bis Ende der 1980er-Jahre verfasste sie Rundfunk-Essays. Zu Philippe Soupault hielt sie über die Jahre den Kontakt. Zusammen mit ihm publizierte sie in Frankreich „Märchen aus fünf Kontinenten“, das, in viele Sprache übersetzt, bis heute lieferbar ist. 1967 drehten die beiden einen Film über Wassily Kandinsky. Anfang der 1970er-Jahre zogen Ré und Philippe Soupault wieder in ein Haus und lebten in zwei getrennten Wohnungen.

Ab Ende der 1980er-Jahre tauchten die alten Negative aus den Dreißiger und Vierziger Jahren wieder auf und wurden sukzessive als Bildbände veröffentlicht. Gleichzeitig folgten Ausstellungen der Fotografien von Ré Soupaults Reisen sowie zahlreiche fotografische Selbstbildnisse. Ré Soupault starb am 12. März 1996 in Versailles.

[AG 2015]

  1. [1] Manfred Metzner (2011): Ré Soupault. Vom Bauhaus in die Welt, S. 9–23, in: Inge Herold, Ulrike Lorenz & Manfred Metzner (Hrsg.): Ré Soupault. Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Heidelberg, hier: S. 9.
  2. [2] Ebd.
  3. [3] Manfred Metzner (2009): Ré Soupault. Bauhaus – die heroischen Jahre von Weimar, Heidelberg, S. 38.
  4. [4] Ebd., S. 46.
  5. [5] Herold, Lorenz & Metzner, Heidelberg (2011), S. 12.
  1. Literatur:
  2. Herold, Inge et al. (2011): Ré Soupault. Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Heidelberg.
  3. Hörner, Unda (2010): Scharfsichtige Frauen. Fotografinnen der 20er und 30er-Jahre in Paris, Berlin.
  4. Metzner, Manfred (1994): Ré Soupault. Paris 1934–1938, Heidelberg.
  5. Metzner, Manfred (1996): Ré Soupault. Tunesien 1936–1940, Heidelberg.
  6. Metzner, Manfred (2001): Ré Soupault. Frauenportraits aus dem 'Quartier résérvé' in Tunis, Heidelberg.
  7. Soupault, Ré (2003): Philippe Soupault. Portraits. Fotografien 1934–1944, mit einem Essay von Philippe Soupault, Heidelberg.
  8. Metzner, Manfred (2007): Ré Soupault. Die Fotografin der magischen Sekunde. Im Zentrum der Klassischen Moderne zwischen Berlin und Paris. Fotografien, Berlin.
  9. Metzner, Manfred (2009): Ré Soupault. Das Bauhaus. Die heroischen Jahre von Weimar, Heidelberg.
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