Wera Meyer-Waldeck

1927–1932 Studierende am Bauhaus

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Wera Meyer-Waldeck in der Tischlerei am Bauhaus Dessau, Foto: Gertrud Arndt, 1930.

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„ich war durch erziehung, schule und akademieluft geistig und psychisch so verkalkt, daß ich eines sehr lebendigen organismus bedurfte, um mich von dieser steifheit zu befreien. Deshalb kam ich ans bauhaus. hier fand ich lebendige und gesunde menschen und viel aktivität und vitalität.“ 
Wera Meyer-Waldeck, in: bauhaus, 1928, 2. Jg., H. 4, Dessau, S. 18.

Wera Meyer-Waldeck wurde am 6. Mai 1906 in Dresden geboren. Durch die berufliche Laufbahn ihrer Eltern wuchs sie mit ihren Geschwistern bis zum 8. Lebensjahr in Alexandrien auf. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wanderte die Familie in die Schweiz aus; danach kehrt Wera Meyer-Waldeck in ihre Geburtsstadt Dresden zurück. Hier studierte sie von 1921 bis 1924 an der Frauenschule Dresden und machte ihren Abschluss als Kindergärtnerin und Hortnerin. Darauf folgte ein dreijähriges Grafik-Studium an der Akademie Dresden.

Am 20. April 1927 schrieb sich Meyer-Waldeck an der Hochschule für Gestaltung, am Bauhaus in Dessau ein. Hier suchte sie das moderne Leben und einen modernen pädagogischen Ansatz, der ihrem Wesen entsprach. Bei Josef Albers und László Moholy-Nagy lernte sie im Vorkurs den Umgang mit unterschiedlichen Materialien. Der Unterricht beeinflusste ihre Denkweise tiefgreifend und sie war sicher, „[…] wenn es am bauhaus nichts weiter gäbe als diesen vorkurs, so würde das menschlich und künstlerisch soviel bedeuten, daß es sich schon allein darum lohnte, [ans Bauhaus zu kommen].“ Neben dem Vorkurs nahm Meyer-Waldeck am Unterricht von Wassily Kandinsky und Paul Klee teil.

Bauhaus-Archiv Berlin / © Dr. Helga Arnold (Waldeck) / VG Bild-Kunst, Bonn 2016 (Brandt) / unbekannt (Thonet)
Modell Schreibtisch, Arbeitsplatz im Wohn-und Arbeitszimmer der Kursteilnehmer der ADGB-Bundesschule, Bernau, Schreibtisch: Wera Meyer-Waldeck / Tischleuchte: Marianne Brandt / Stuhl: Thonet / Foto: unbekannt, 1930.

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Ab dem Wintersemester 1927 studierte die junge Bauhäuslerin bei Marcel Breuer in der Tischlerei. Hier entstanden Entwürfe für einen Kinderhocker, einen Liegestuhl, einen Tee- sowie einen Klapptisch. Im Sommer 1928 besuchte sie den „gastkurs städtebau“ bei dem niederländischen Architekten Mart Stam. Ab dem Wintersemester 1928–1929 war sie außerdem Schülerin bei Klee, lernte bei Schlemmer und in der Bau-/Ausbauabteilung unter Hannes Meyer. Im Frühjahr 1929 unterschrieb Meyer-Waldek einen Lehrvertrag für die Tischlerei bei Karl Bökenheide; das Bauhaus hatte ihr zudem „zum Erwerb beruflicher Praxis eine Mitarbeit im Büro Meyer“ angeraten. Im Wintersemester 1929–1930 arbeitete die vielseitige Meyer-Waldeck an den Planungen zur Schule des ADGB in Bernau bei Berlin mit. Der Großteil der Möblierung und des Innenausbaus stammen von Meyer-Waldeck. In ihrem Diplomzeugnis wurde ihr auch die Mitarbeit an den Projekten „Wohnung Piscator, Berlin“ (Entwurf und Ausführung), Arbeitsamt Dessau (Innenausstattung), sowie der Möblierung des Hauses Hahn in Dessau attestiert.

Als ihr Vater im Mai 1930 starb, reiste Meyer-Waldeck zu ihrer Familie in die Schweiz. Sie unterbrach aufgrund dieses Ereignisses und einer Krankheit das Studium am Bauhaus für ein Jahr. Als sie im Mai 1931 zurückkehrte, hatte nun Ludwig Mies van der Rohe die Leitung der Schule übernommen. Meyer-Waldeck studierte nun bei Ludwig Hilberseimer und van der Rohe und in der Wandmalerei bei Alfred Arndt. Fast vier Jahre lang war sie nun im Möbelbereich tätig gewesen; schließlich erhielt sie ihren Gesellenbrief. 1932 schloss Meyer-Waldeck ihr Studium mit dem Bauhaus-Diplom und einer Abschlussarbeit über eine „Achtklassige Volksschule und Kindergarten” ab.

Nach dem Abschluss kehrte sie vorerst in die Schweiz zurück, bis sie 1934 in Dessau als Zeichnerin bei den Junkers-Werken im Flugzeugbau eine Arbeit aufnahm. Ab 1937 war sie bei der Obersten Bauleitung der Reichsautobahn angestellt und gestaltete Brücken, Rasthäuser und Bürobauten. Von 1939 bis 1941 arbeitete die Architektin bei der Reichsbahnbaudirektion in Berlin. Danach bekam sie eine Stelle bei der Berg- und Hüttenwerksgesellschaft Karwin-Thzynietz. Hier leitete sie das 14-köpfige Planungsbüro, das sämtliche Baumaßnahmen der acht umliegenden Kohlegruben konzipierte. Am 1. April 1945 ging Meyer-Waldeck zurück nach Dresden. Auf Vermittlung des Kunstkritikers Will Grohmann bekam sie eine Anstellung als Dozentin für Innenausbau an der Staatlichen Hochschule für Werkkunst in Dresden. Da die Studenten sie nicht akzeptierten, wurde ihr Vertrag jedoch 1948 wieder aufgelöst. Meyer-Waldeck ließ sich dann im hessischen Walldorf nieder, wo sie Flüchtlingsmöbel entwarf.

Mit ihrem Beitritt zum Deutschen Werkbund eröffnete sich für Meyer-Waldeck ein neuer Lebensabschnitt. Auf der Werkbund-Ausstellung „Neues Wohnen“ 1949 in Köln war sie eine der Organisatoren und Gestalter. Sie zeigte eigene Entwürfe und eine Kindergarten-Mustereinrichtung. In den Folgejahren trat nun der berufliche Erfolg ein – erst als Innenarchitektin, und schließlich auch als Architektin. Meyer-Waldeck wurde freie Mitarbeiterin bei Hans Schwippert, einem der bedeutendsten deutschen Architekten der Nachkriegszeit. Für ihn arbeitete sie u.a. am Innenausbau des Bundestags, zweier Ministerien und des Bundeskanzleramts mit. Außerdem baute die Architektin und Innenarchitektin z.B. ein Kölner Hotel und ein Bonner Teppichgeschäft um. 1951 beteiligte sie sich an der Ausstellung „So wohnen“. Für die Interbau Berlin 1957 mit dem Titel „Das Wohnen in der Stadt von Morgen“ entwarf Meyer-Waldeck mit der Architektin Hilde Weström Wohnungstypen, die konkrete Einrichtungsvorschläge für die Besucher sein sollten. Auf der Weltausstellung in Brüssel 1958 war Meyer-Waldeck für die Ausstellungsarchitektur der Abteilung „Der persönliche Bedarf“ im Deutschen Pavillon Werantwortlich. Während der 1950er-Jahre publizierte sie außerdem zahlreiche Fachbeiträge. Ihr letztes Projekt ist ein Bonner Studentinnenwohnheim aus dem Jahr 1962. Wera Meyer-Waldeck starb am 25. April 1964 in Bonn in Folge einer Diabeteserkrankung.

[AG 2016]

  1. Literatur:
  2. Bauer, Corinna Isabel (2003): Bauhaus- und Tessenow-Schülerinnen. Genderaspekte im Spannungsverhältnis von Tradition und Moderne, Kassel.
  3. Dörhofer, Kerstin (2004): Pionierinnen in der Architektur. Eine Baugeschichte der Moderne, Bad Langensalza.
  4. Hervás, Josenia (2019): Wera Meyer-Waldeck, in: Otto, Elizsabeth & Rössler, Patrick (2019): bauhaus women. A global perspective, Great Britain (PDF)
  5. Maasberg, Ute & Regina Prinz (2005): Die Neuen kommen! Weibliche Avantgarde in der Architektur der zwanziger Jahre, Hamburg.
  6. Meyer-Waldeck, Wera (1928): interview mit bauhäuslern, in: bauhaus. zeitschrift für gestaltung, 2. Jg., H. 4, Dessau, S. 18f.
  7. Union Internationale des Femmes Architectes Sektion Bundesrepublik e.V. (1987): Zur Geschichte der Architektinnen und Designerinnen im 20. Jahrhundert. Eine erste Zusammenstellung, Berlin.
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