Laubenganghäuser, Dessau-Törten

Hannes Meyer und Bauabteilung Bauhaus Dessau, 1929–1930

Bauhaus-Archiv Berlin / Stiftung Bauhaus Dessau (Meyer)
Erweiterung der Siedlung Dessau-Törten, Laubenganghaus, Entwurf: Hannes Meyer und Bauabteilung Bauhaus Dessau, 1929–30.

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1928 wird Hannes Meyer als neuer Direktor des Bauhauses von der Stadt Dessau mit der Planung für die Erweiterung der Siedlung Dessau-Törten betraut, die in den Jahren 1926 und 1928/29 von seinem Vorgänger Walter Gropius und dessen privaten Baubüro in drei Bauabschnitten errichtet worden war. Das Projekt für die Siedlungserweiterung wird zur ersten kollektiven Aufgabe der Bauabteilung unter Hannes Meyer und ein pädagogischer Versuch, „die Baulehre ins praktische Werk zu verlegen“. „Unter beratender Mitwirkung des Meisters“ arbeiten u.a. Hans Volger, Hubert Hoffmann, Bela Scheffler, Konrad Püschel und Philipp Tolziner kollektiv an diesem Projekt – vom Entwurf, über die Bauleitung bis hin zur Abrechnung.

Auf Basis detaillierter Analysen entsteht ein Entwurf für eine Siedlung in Mischbebauung mit drei- und viergeschossigen Laubenganghäusern sowie Einfamilienhäusern. Hannes Meyer beschreibt die Aufgabe als einen „Versuch, zwei Bevölkerungsschichten auf einem Siedlungsgebiet durch urbanistische Maßnahmen bewusst zu vermischen: Kleinbürger in (...) Einfamilienhäuser(n) mit Kleingarten“ und „Proletarier in dreigeschossigen Laubenganghäusern“. Durch die Bauabteilung des Bauhauses werden in der Folge fünf dreigeschossige Laubenganghäuser realisiert.

Bauhaus-Archiv Berlin
Erweiterung der Siedlung Dessau-Törten, Bauabschnitt 1930, Laubenganghaus Typ a. Grundrisse Wohn- und Kellergeschoss, Fassadenabwicklung, Querschnitt, Erläuterungen zur Wohnfläche und den Baukosten, 1929–30, Entwurf: Hannes Meyer und Bauabteilung Bauhaus Dessau.

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Jedes der Laubenganghäuser beherbergt 18 Kleinstwohnungen, die mit Etagenheizung, Küche, Bad und WC ausgestattet sind. Für eine optimale Besonnung sind alle Wohnräume nach Süden orientiert, während der Zugang und die Nebenräume nach Norden liegen. Die sechs Wohnungen einer Etage werden an der Nordfassade über einen Laubengang erschlossen. Dieser ist über einen freistehenden Treppenturm erreichbar. Meyer sieht in dem Typ des Laubenganghauses den Versuch, „die nachteile des herkömmlichen miethauses zu beheben“, da alle Wohnungen „wie bei der ebenerdigen reihenhauswohnung“ vom Laubengang aus zugänglich sind, auf dem sich Bewohner „in aller öffentlichkeit wie auf einem bürgersteig“ treffen. Der Bauhäusler Philipp Tolziner, der die örtliche Bauleitung übernahm, erinnert sich, dass die offenen Laubengänge von den Bewohnern später als Balkone genutzt wurden, da die ursprünglich geplanten Südbalkone „aus Kostengründen nicht ausgeführt werden“ konnten. Zudem besitzt jedes der Häuser als Freifläche einen Gartenhof mit Kinderspielplatz und ein gemeinschaftlich genutztes Waschhaus. 

Die Fertigstellung der Laubenganghäuser fällt in die Zeit der Entlassung Hannes Meyers im Sommer 1930. Im Oktober desselben Jahres werden die Arbeiten zur Erweiterung der Siedlung fortgesetzt – jedoch ist das Bauhaus, das nun unter der Leitung des neuen Direktors Mies van der Rohe steht, nicht mehr daran beteiligt. Anstelle der viergeschossigen Laubenganghäuser werden 1931 nach Plänen von Richard Paulick mehrgeschossige Wohnbauten errichtet, die über herkömmliche Treppenhäuser erschlossen waren. Ab 1935 folgen Siedlungswohnhäuser.

Doch auch wenn die Bauabteilung des Bauhauses letztlich nur fünf Laubenganghäuser und damit nur einen kleinen Teil ihrer ursprünglichen Planung realisieren konnte, so ist ihre zugrundeliegende Bebauungsplanung in die Anlage der Siedlung eingeschrieben. Die bauliche Ausführung der späteren Bauten folgt indes einer anderen Architektursprache. 

Seit 2017 zählen die fünf Laubenganghäuser aus der Ära Hannes Meyer zum UNESCO Welterbe Bauhaus.

(NO 2018)

  1. Literatur:
  2. Bauhaus-Archiv Berlin, Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt am Main (Hg. 1989): Hannes Meyer 1889–1954. Architekt, Urbanist, Lehrer, Berlin.
  3. Winkler, Klaus-Jürgen (1989): Der Architekt Hannes Meyer. Anschauungen und Werk, hg. v. Sektion Architektur, Hochschule für Architektur und Bauwesen Weimar, Berlin.

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