Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London
„Bedienerin am Bauhaus“, Irena Blühová, 1931–1932, Reproduktion.

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Als Irena Blühová ans Bauhaus in Dessau kommt, eröffnen sich ihr zwei konträre Welten: Auf der einen Seite das weltoffene, avantgardistische Bauhaus, auf der Anderen Arbeiter aus den Junkers-Werken, in deren Wohnsiedlung die Studentin eine Mansarde bezieht. Blühovás Hang zur Sozialfotografie, wie sie neben ihr nur wenige Andere am Bauhaus betrieben (z.B. Erich Comeriner, Albert Hennig und Judit Kárász), professionalisiert sich. Während sie vor ihrer Zeit am Bauhaus mit urteilsfreiem Blick mal eine Schar Kinder, mal eine alte Frau, mal eine Bauernfamilie oder ein Bettlerehepaar mit der Fotolinse fokussiert, konzentriert sich Blühová am Bauhaus auf die Portraitaufnahme – wohl ein Einfluss des Lehrers Walter Peterhans. Das gelungenste dieser Beispiele ist das Bildnis einer „Bedienerin am Bauhaus“ (einer Putzfrau): Ihr Blickwinkel setzt in der Untersicht an; der Oberkörper ist stark angeschnitten und verläuft in schräger Diagonale durch die untere Bildhälfte. Kopf- und Halspartie ragen von rechts oben nach links unten. Hierdurch erzielt die Fotografin zwei konträr verlaufende Bilddiagonalen, die ein spannungsvolles Portrait entstehen lassen. Die Portraitierte selbst scheint die Fotografin nicht zu bemerken. Ihre müden Augen schauen sehnsuchtsvoll aus dem Foto heraus; Augenringe und spröde Lippen betonen die körperliche Anstrengung, die ihre Arbeit mit sich bringt. Es ist heute nicht mehr nachvollziehbar, ob die Bedienerin Blühová bewusst Modell stand oder ob es sich hier um ein aus der Situation entstandenes Bild handelt. Dieses Foto unterscheidet sich maßgeblich von den anderen Sozialfotografien, die Blühová vor und nach ihrer Zeit am Bauhaus anfertigte: Es ist ein psychologisches Portrait, das den arbeitenden Mensch und sein Gefühlsleben ins Zentrum rückt. Lediglich durch den Titel der Fotografie wird klar, welchen Beruf die Portraitierte ausübt. 

[AG 2015]

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