Selbstportrait vor dem Toilettenspiegel im Dessauer Meisterhaus

Ise Gropius, um 1926–1927

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Selbstportrait vor dem Toilettenspiegel im Dessauer Meisterhaus / Foto: Ise Gropius, um 1926–1927.

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Ise Gropius' gezielt moderner Blick zeigt sich auch in erhaltenen Fotografien. Eine Vielzahl der Fotos sind heute nicht mehr eindeutig ihr oder ihrem Mann zuzuordnen, da sie auf gemeinsamen Reisen entstanden und von ihnen dahingehend nicht beschriftet wurden. Nur die Selbstbildnisse sind eindeutig aus ihrer Hand. 1926–1927 lichtet sie sich mit nur einer Aufnahme acht Mal aus unterschiedlichen Blickwinkeln im Toilettenspiegel ihres Dessauer Meisterhauses ab. Mit ihrem linken Arm umschließt die junge, abwesend schauende Frau die Kamera. Vom realen Modell sieht der Betrachter lediglich diesen Arm. Erst in den Spiegelbildern lässt sich Identität und Position der Fotografierenden erkennen. Der sie umgebende Raum ist durch die Spiegel-Brechungen fast bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. (Quelle: bauhaus-online.de)

Diese eigenen künstlerischen Experimente der „Frau Bauhaus“ sind vielleicht weniger bekannt – im Gegensatz zu ihrem unermüdlichen Einsatz für die Ideen des Bauhauses, das Neue Bauen und das Neue Wohnen. Die radikal neue Art zu wohnen, war an eine große Bildungsarbeit geknüpft, denn viele Hausfrauen konnten sich damals nur schwer die Annehmlichkeiten der modernen Haushaltsführung mitsamt ihrer neuen Apparaturen vorstellen, geschweige denn einen Haushalt ohne Kohlenschmutz und die damit verbundene scheinbar nie enden wollende Putzarbeit. Bereitwillig öffnete Ise Gropius hier die Türen des Direktorenhauses in Dessau und gewährte Einblicke in ihr durch und durch modernes Heim. Ein Beispiel dafür ist der Film „Wie wohnen wir gesund und wirtschaftlich“, der 1926 durch die Humboldt Film GmbH unter der Regie von Ernst Jahn entstanden ist. Als Dame des Hauses demonstriert Ise Gropius darin das Haus mit seiner modernen Ausstattung, die Küche, die Bauhaus-Möbel und -Lampen bis hin zum Bauhaus-Tee-Ei, mit dem sie im Wohnzimmer den Nachmittags-Tee für zwei Freundinnen zubereitet.

Aber auch Kritikern stand das Dessauer Direktorenhaus offen. So besuchten am 16. Oktober 1926 Vertreterinnen des örtlichen Hausfrauenvereins die Meisterhäuser, um sich dort selbst ein Bild von der hauswirtschaftlichen Einrichtung zu machen. Anerkennend stellten die skeptischen Besucherinnen in einem Artikel der Dessauer Zeitung heraus, dass Frau Gropius selbst an ihrem Heim mitgedacht und mitgebaut habe. „Die liebenswürdige Dame des Hauses hatte die Güte, uns viele praktische Hausgeräte vorzuführen, die sie eigenhändig erprobt und zweckentsprechend, also empfehlenswert gefunden hat.“

Ises Führung hat die 30 kritischen Hausfrauen offenbar überzeugt, denn anerkennend endete deren Artikel mit dem Resümee: „Viel öde Arbeit sinkt dann auf ein Minimum. (...) Du wirst dir und den Deinen ein leichteres Leben bauen. Das haben uns diese neuen Häuser gelehrt, wo Künstler und Künstlerinnen schaffen, nicht um zu gefallen, sondern um zu zeigen und zu helfen“.

[AG 2015]

  1. Literatur:
  2. Schmidt-Goffrau, „Ein Gang durch die Meisterhäuser. Der Besuch der Hausfrauen“ in: Leben am Bauhaus. Die Meisterhäuser in Dessau, München 1993, S. 108–109.
  3. Bittner, Regina und Krasny, Elke für die Stiftung Bauhaus Dessau (2016): Auf Reserve: Haushalten! Historische Modelle und aktuelle Positionen aus dem Bauhaus, Dessau/Leipzig.

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