Vom 4. bis zum 8. Oktober reist die Ausstellung „bauhaus imaginista: Corresponding With“ nach Japan, genauer ins National Museum of Modern Art in Kyoto. Mit Yuko Ikeda, der Kuratorin der Ausstellung, und Dr. Helena Čapková (Curatorial Research) sprachen wir über das universelle Bildungsprinzip des Bauhauses und seine Bedeutung für Japan und Indien.

Yuko Ikeda, Helena Čapková, die Ausstellung „bauhaus imaginista – Corresponding with“ zeichnet Verbindungen zwischen dem Bauhaus, Indien und Japan nach – wie kann man diese Verbindungen am besten zusammenfassen?

Yuko Ikeda: Die in dieser Ausstellung vorgeschlagene Verbindung von Bauhaus, Indien und Japan verfolgt den universellen Wert des im Bauhaus entwickelten Bildungsprinzips. Aufgrund dieser Universalität kann das Bildungsprinzip, das nicht nur im Bauhaus Manifest ideal formuliert worden ist, sondern auch im praktischen Curriculum und in der Theorie auftaucht, auf die Kunst- und Designausbildung in Japan und Indien angewendet werden – selbstverständlich angepasst an die eigenen sozialen und kulturellen Anforderungen.

Helena Čapková: Das Ausstellungskonzept rückt die pädagogischen Prinzipien des Bauhauses in den Vordergrund und verwendet sie als Schlüsselstelle, um Parallelen zwischen den drei Schulen an verschiedenen Orten zu zeigen: Bauhaus in Deutschland, Kala Bhavan in Indien und die School of New Architecture and Design in Japan. Die Kunstwerke, Archivmaterialien, Fotografien und pädagogischen Werkzeuge heben Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede in der Art und Weise hervor, in der diese progressive Designausbildung in Indien und in Japan interpretiert wurde.

Was bedeutet die Teilnahme an bauhaus imaginista für das National Museum of Modern Art in Kyoto, welche Art von Besucher erwarten Sie?

Yuko Ikeda: Das Nationalmuseum für moderne Kunst in Kyoto ist eines der führenden Museen in Japan, das sich seit seiner Gründung auf die Designbewegung konzentriert. Wir hatten einige wichtige Design- oder Architekturausstellungen, wie über Frank Lloyd Wright, Bruno Taut, Johannes Itten, Hermann Muthesius und den Deutschen Werkbund. Außerdem praktizieren wir nach Möglichkeit hybride, transkulturelle Ausstellungskonzepte. In diesem Sinne passt das bauhaus imaginista sehr gut zu unserem Museum.

Der japanische Architekt Renshichiro Kawakita führte Elemente des Bauhauses mit unterschiedlichsten Einflüssen, unter anderem der Moderne-Bewegung in Japan oder des lokalen Handwerks, zusammen. Wie lassen sich diese Einflüsse heute in einer Ausstellung destillieren?

Yuko Ikeda: Seit der Meiji Restauration 1868 wurden die Reformbewegungen der Kunst- und Designpädagogik – unter anderem vertreten durch fortschrittliche Bildungsmethoden in der South Kensington School in London oder der Wiener Kunstgewerbeschule –  in Japan eingeführt und in neu eröffneten Kunst- und Designschulen akzeptiert. Die Verwaltungen in Schulen und auch die Behörden versuchten diesen Einfluss mit der traditionellen japanischen Methode in der Kunstpädagogik und dem lokalen Handwerk zu verbinden. In diesem historischen Kontext versuchte Kawakita eine universellere Gestaltungslehre unter dem Einfluss des Bauhauses zu entwickeln, die sich auf das gesamte Feld von Kunst und Design anwenden lässt. Dies bezieht sich vor allem auf Personen, die sich mit ihrer künstlerischen Kreativität an einer sozialen Entwicklung beteiligen möchten, und Kunstlehrer, die die Kreativität von Kindern als elementare soziale Kraft entwickeln möchten. Zu diesem Zweck organisierte Kawakita das Institute of Life Construction (später Schule für neue Architektur und Design) und veröffentlichte das Buch „Kosei Kyoiku Taikei“ (Handbuch für den Unterricht durch Bau). Wir konzentrieren uns in dieser Ausstellung auf diese beiden Themen.

Helena Čapková: Das kuratorische Team wählte eine Vielzahl von Printmedien aus, um den vielfältigen Kontext zu dokumentieren, der nicht nur das Bauhaus betrifft, sondern auch andere und in der Tat verschiedene Ideen, die in Japan übersetzt wurden und in den 1920er und 1930er Jahren einem breiten Publikum zugänglich waren. Dieser Informationsreichtum sowie Kunst und Design, in Zeitschriften reproduzierte Avantgarde-Werke und der Einfluss auf ihre Leser sind nicht zu unterschätzen. Die Annäherung von Kawakita an das Bauhaus im Besonderen und an die andere zeitgenössische euroamerikanische avantgardistische Kultur im Allgemeinen wird in unserer Ausstellung in Form einer Ausstellung von Kawakitas Magazin „Architektur und Design, I See All“ gezeigt. Diese Zeitschrift stellte die Plattform für all seine Visionen, Übersetzungen und Ideen dar.

Wie Sie schon erwähnen, war es Kawakita, der 1931 das Seikatsu Kosei Kenkyusho, das Research Institute of Life Construction, gründete. Inwieweit vertrat das Institut die Ansätze des Bauhausgedankens und führte sie bis heute weiter fort?

Nadalal Bose Anleitung für Wandmalereien, frühe 1930er-Jahre Wandmalerei in Kala Bhavan, Santiniketan, Indien / © Nandalal Bose
Nadalal Bose Anleitung für Wandmalereien, frühe 1930er-Jahre Wandmalerei in Kala Bhavan, Santiniketan, Indien / © Nandalal Bose

Helena Čapková: Das Institut war eine kurzlebige, experimentelle Umgebung, in der erforscht wurde, wie die Ideen zeitgenössischer Avantgarde im Ausland in Japan und im Prozess der Gestaltung des modernen japanischen Designs genutzt werden können. Es war auch eine Plattform, um diese Ideen einem größeren Publikum zu vermitteln, das Publikationen organisierte, Vorträge und Seminare produzierte. Die Schule, die sich daraus entwickelte, wurde dann manchmal auch als „japanisches Bauhaus“ bezeichnet. Sie war klein, bildete aber einige Schlüsselfiguren des modernen japanischen Designs aus, wie den Textil- und Modedesigner, Theoretiker und Journalisten Yoko Kuwasawa. Die Kuwasawa Design School (KDS) wurde 1954 gegründet und entwickelte sich zu einem Zentrum für Bauhaus-Bildung. Bis heute hat sie die Top-Designer in Japan inspiriert und ausgebildet. Die KDS ist jedoch nur ein Beispiel dafür, wie das Bauhaus-Erbe bis heute Bestand hat. Einige andere Architektur-, Kunst- und Designschulen teilen dieses Vermächtnis ebenfalls.

Yuko Ikeda: Der wichtige Punkt ist eben, dass das Research Institute of Life Construction keine Schule war. Es war eine Organisation zur Förderung des von Kawakita und seinen Mitarbeitern entwickelten Bildungsprinzips durch Ausstellungen, Vorträge, Workshops und so weiter. Erst daraus entstand dann 1932 die institutionelle Form, die Schule für neue Architektur und Design. Diese Schule war jedoch sehr klein und kann nicht mit den authentischen Kunst- und Designschulen wie die der Tokyo School of Fine Arts, der High School of Industry und Design und andere verglichen werden. Kawakitas Bildungsprinzip, das an seiner Schule gelehrt wurde, erweiterte sich durch seine Veröffentlichung und nicht durch die Schule selbst.

Vielen Dank für das Gespräch. 

[CG 2018; Übersetzung EW]