Während der Rekonstruktion des berühmten „9-Evenings“-Festivals des Josef-Albers-Schülers Robert Rauschenberg in Schweden errichtete der marokkanische Performancekünstler Radouan Mriziga Strukturen in der Luft und zeichnete geometrische Muster auf den Boden. Die Chefredakteurin der schwedischen Zeitschrift DANS hat sich für uns vor Ort mit dem Tänzer über seine Arbeit unterhalten.

Der Choreograf Radouan Mriziga hat eine unabhängige Bewegungssprache entwickelt, die die Beziehung des Körpers zur ihn umgebenden Kultur zum Gegenstand hat. / Foto: Radouan Mriziga
Der Choreograf Radouan Mriziga hat eine unabhängige Bewegungssprache entwickelt, die die Beziehung des Körpers zur ihn umgebenden Kultur zum Gegenstand hat. / Foto: Radouan Mriziga "55" ©Beniamin Boar

Obwohl das Festival „HERE: 10 Evenings“ in den malerischen Gebieten des nördlichen Bohusäns an Orten wie den schwedischen Koster-Inseln, Strömstad und Vitlycke stattfand, wurde es von einem äußerst urbanen und technologisch innovativen Festival inspiriert: dem 1966 in New York veranstalteten Festival „9 Evenings“. Avantgardistische Akteure wie Robert Rauschenberg, John Cage und Deborah Hay waren damals unter den Teilnehmern. Sie zeigten technisch fortschrittliche Werke, beispielsweise unter Verwendung von militärischer Infrarottechnologie, Fernbedienung und interaktiven Sounds, die mit den Darstellern synchronliefen – alles dank der Zusammenarbeit mit den modernsten Technikern ihrer Zeit.

Einige der Künstler bei „HERE: 10 Evenings“ wie Heine Avdal und Yukiko Shinozaki mit ihrer Gruppe Field Works verwendeten ebenfalls außergewöhnliche und zukunftsweisende Klang- und Lichteffekte. Radouan Mriziga aber wählte eine viel einfachere Lösung für sein Stück „55“: Er führte sein Solo in natürlichem Licht auf, dabei wurden kleine Musikstücke, die er selbst komponiert hatte, von einem einfachen Tonbandgerät abgespielt. Mithilfe von Kreide und Klebebändern ließ er das faszinierende Muster seiner 55 Minuten dauernden Szenografie auf dem Boden erwachsen. Seine gut geplante und präzise ausgeführte Choreografie ist ein atemberaubendes Erlebnis für den Zuschauer. Sie verrät Mrizigas Verankerung in einer Kultur, die Meisterin abstrakter Muster ist, und transportiert sie zugleich in eine hochmoderne Formensprache.

Indem Mriziga seine Bewegungen auf den Boden überträgt, lässt er sichtbar werden, dass die meisten natürlichen Dinge in Zahlen ausgedrückt und die meisten mathematischen Gleichungen in visuelle Zeichnungen übertragen werden können. Das alte Messsystem, das unserem eigenen Körper zugeschrieben wird, existiert noch in der angelsächsischen Kultur, wo die Körperlänge in „Fuß“ gemessen wird. In früheren Zeiten wurde auch in Schweden Wassertiefe mit „Umarmungen von Tiefe“ (famnars djup) angegeben.

Am Tag nach der Show nimmt sich Mriziga etwas Zeit für einen Spaziergang in der Umgebung von Vitlycke. Wir wandern zu den berühmten Felszeichnungen aus der Bronzezeit in einem nahegelegenen Wald. Als Kind begann sich Mriziga, der aus Marrakesch stammt, mit Hip-Hop und Aikido auseinanderzusetzen, sein Lieblingsfach war Geometrie. „Ich wusste nichts von zeitgenössischem Tanz, bis ich 14 Jahre alt war“, erinnert sich Mriziga. „Dann fand ich heraus, dass es Workshops für diese Art von Kunst gab.“

Der Tanz vereinte viele Dinge, die ihm wichtig waren: Körper, Muskeln – und Hirn. „Zuerst habe ich nur an einzelnen Klassen teilgenommen, aber als ich 18 war, entschied ich mich, ernsthaft Tanz zu studieren.“ Mriziga ging nach Tunesien und besuchte seine erste Schule für zeitgeössischen Tanz in Tunis. Hier traf er viele exzellente Lehrer aus Frankreich und aus der ganzen arabischen Welt. „Ich lernte einige Leute kennen, die für mein Leben und meine künstlerische Entwicklung sehr wichtig sind, wie Jacques Garros und John Massee.“

In seinem Werk „55“ webt Mriziga spinnengleich ein Netz seiner Bewegungsabläufe auf den blanken Boden. / Foto: Radouan Mriziga
In seinem Werk „55“ webt Mriziga spinnengleich ein Netz seiner Bewegungsabläufe auf den blanken Boden. / Foto: Radouan Mriziga "55" ©Beniamin Boar

Beim Besuch Garros’ in Bordeaux hörte er von einem Vorsprechen für P.A.R.T.S., eine Schule für zeitgenössischen Tanz in Marseille, wo er auch tatsächlich angenommen wurde. „Während der Jahre bei P.A.R.T.S. und auch schon vorher habe ich damit begonnen, eigene Werke zu entwickeln“, erinnert er sich. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst als Tänzer mit verschiedenen Choreografen. „Zu jener Zeit fing es an, in mir zu arbeiten“, erzählt der Tänzer. „Du siehst die Dinge auf deine Art, aber du führst sie immer noch auf die Weise von anderen aus.“

Mittlerweile haben wir die Felszeichnungen in Vitlycke erreicht. Er hält inne, um die mystischen Dramen auf dem glatten großen Stein zu bewundern: die Boote, die verschiedenen Tiere, Männer, Soldaten, Fußstapfen, aber nur sehr wenigen Frauen. Grabfunde hier im Norden haben bestätigt, dass es häufig zu Kontakten mit dem übrigen Europa gekommen ist. Die Boote auf den Zeichnungen weisen eine erstaunliche Ähnlichkeit mit mediterranen Booten aus der gleichen Zeit auf. Mriziga erklärt, dass sich sein Wirken ebenfalls aus zwei verschiedenen Kulturen speist: der marokkanischen ebenso wie der der Berber, die sich selbst Imazighen nennen. Radouan Mriziga scheint einen konstanten Ideenfluss zu haben. Er bleibt seinem Konzept treu, und auch wenn seine Arbeiten eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, unterscheiden sie sich doch deutlich. Immer verwendet er Nummern als Titel: „Ich wollte das Problem mit der Übersetzung der Titel umgehen“, erklärt er.

„55“, das er in Vitlycke gezeigt hat, untersucht den menschlichen Körper im Raum. Dieses Stück ist der erste Teil einer Trilogie. Der zweite Teil, der „3600“ heißt, dauert 3.600 Sekunden, also eine Stunde. Die dritte Arbeit seiner Trilogie, „77“, übersetzt diesen Ansatz in ein völlig anderes Setting: Sieben verschiedene Künstler teilen sich eine Bühne, darunter ein irakischer Musiker, der ein traditionelles Instrument spielt.

„Eine neue Performance ist für mich wie ein Motor, um zu lernen, wie man Dinge macht. So lerne ich zum Beispiel etwas über Beleuchtung, immer natürlich mit der Hilfe von Menschen, die mehr darüber wissen.“ Mriziga sieht nach seiner Uhr. Wir machen uns auf den Weg zurück zum Festivalgelände. „Eigentlich verwende ich in meiner Arbeit uralte kulturelle Quellen aus der ganzen Welt. Auch wenn ich diese mit meinem jetzigen Körper zum Ausdruck bringe: So modern ist moderner Tanz eigentlich gar nicht.“ Für Mriziga ist der menschliche Körper selbst eine zeitlose Wahrheit: „Es ist wichtig, zum Ursprung vorzudringen, die der menschliche Körper mit all seiner Komplexität hat. Und alle Wunder, die der Mensch erschaffen kann: Das ist meine Form des Humanismus.“

Auch wenn er selbst im Zentrum seiner Arbeit steht, macht er sich nicht gern zum Mittelpunktseines Werkes. Mrizigas Arbeiten konzentrieren sich darauf, die Gegenstände seiner Neugier mit dem Mittel der Bewegung und der Komplexität des Körpers zu erforschen. „Es mag romantisch klingen, aber das ist mir sehr wichtig“, fügt er hinzu. „Tanz ist eine Kunst, die wir rein nennen können, weil sie von dem ureigensten Werkzeug ausgeht, das wir zur Verfügung haben. Vor der Sprache kommt die Bewegung.“

Die Art und Weise, wie Radouan Mriziga zugleich von der Natur und der menschlichen Entwicklung inspiriert wird, könnte man in der Tat mit den Methoden des Black Mountain College während der Zeit von Josef Albers vergleichen. Aufführungen wie „55“ auf dem Festival „HERE:10 Evenings“ schlagen so einen erfolgreichen Bogen zu den Anfängen des modernen Tanzes, ohne seine Transformation zu einem Werkzeug zeitgenössischer Kunst zu ignorieren.

Mriziga protestiert nicht so sehr gegen die ihn umgebende Kultur wie Rauschenberg und seine Gefährten bei „9 Evenings“. Eher versucht er, wie viele von uns heute, diese Kultur zu umarmen.

 

[AW 2017]