Aufklärung, Französische Revolution und Industrialisierung veränderten fast alle Lebensbereiche der Gesellschaft. Seither gilt die Fähigkeit des Menschen, zu denken und zu handeln, als Garant einer besseren Zukunft. Doch an die Stelle einer nie da gewesenen technischen und gesellschaftlichen Erneuerung trat auch eine fatale Selbstüberschätzung, meint der Autor von „Modernity as Experience and Interpretation“, Peter Wagner.

Ed Atkins (geb. 1982) ist einer der bekanntesten Künstler seiner Generation. Seine künstlerischen Ausdrucksformen sind HD-Videos und Texte, die die Konventionen des Bewegtbilds wie der Literatur hinterfragen und untergraben./ Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels
Ed Atkins (geb. 1982) ist einer der bekanntesten Künstler seiner Generation. Seine künstlerischen Ausdrucksformen sind HD-Videos und Texte, die die Konventionen des Bewegtbilds wie der Literatur hinterfragen und untergraben./ Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels

Wir leben in der Moderne. So behauptet es nicht nur der Volksmund, sondern auch die Sozialwissenschaften. Was aber soll das bedeuten? Bei näherem Hinsehen erscheint die Aussage entweder inhaltsleer oder irreführend. Allgemein bedeutet der Begriff „modern“ nichts anderes als „gegenwärtig“. In diesem Sinne sind alle heute Lebenden „modern“, und wir brauchen dies nicht zu unterstreichen. Auf Gesellschaften bezogen benutzt man den Begriff „modern“ meist in Bezug auf ihre Institutionen: demokratische Politik, neutrale, regelgebundene Verwaltung, Marktwirtschaft, autonome Wissenschaft und Kunst. In diesem Sinne erscheinen heute viele – wenn auch keineswegs alle – Gesellschaften als modern. Die Ähnlichkeit in der Form aber lässt nicht selten die Unterschiede in der Praxis übersehen. Oder in anderen Worten: Der Geist, der viele Institutionen belebt, steht oft in krassem Widerspruch zu den Prinzipien, die sie anleiten sollten. Um dies zu erkennen, braucht man nicht weit zu reisen. Es ist ergiebiger, die Moderne als eine Haltung zu verstehen, der Welt und dem eigenen In-der-Welt-Sein gegenüber.

Als Immanuel Kant im Jahre 1784 vom „Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ sprach, forderte er das Entstehen einer neuen Haltung und nicht den Aufbau „moderner“ Strukturen und Institutionen. Die Aufklärung, die Französische Revolution und die industrielle Revolution brachten einen Umbruch im gesellschaftlichen Bewusstsein mit sich, der weitaus bedeutsamer für das Verständnis der Moderne ist als die – zunächst vergleichsweise moderaten – politischen Neuerungen. Diese neue Haltung zur Welt ist später oft als triumphal bezeichnet worden. Die Moderne wurde gleichgesetzt mit der Fähigkeit der Menschen, die Welt nach ihrem Willen neu und besser zu gestalten. Ihr Glaubenssatz lautete: Sobald die Menschen anfangen werden, von ihrer Freiheit und ihrem Verstand umfassend Gebrauch zu machen, steht der Beherrschung der Natur, anderer Menschen und auch des eigenen Selbst nichts mehr entgegen. Individuelle Freiheit und instrumentelle Vernunft machen in dieser Sicht die moderne Haltung aus, deren Verbreitung die Menschheit auf einen Pfad stetigen Fortschritts bringen würde. Dabei wird häufig übersehen, dass es auch eine skeptische, zweifelnde Haltung der Moderne gibt. Als Bartolomé de Las Casas den Begriff der allgemeinen Menschenrechte entwickelte, geschah dies, weil die im Auftrag der spanischen Krone reisenden Seefahrer ein Problem geschaffen hatten. Ihr unerwartetes Aufeinandertreffen mit den Einwohnern Amerikas warf die Frage auf, wie mit diesen Wesen umzugehen sei. Wenn man ihr Menschsein anerkennen würde, so Las Casas’ neue Argumentation, bedeute dies unmittelbar, dass sie Rechte haben würden, die nicht verletzt werden dürften.

Las Casas war ein Vordenker der Moderne wie René Descartes und Thomas Hobbes, deren Platz in der politischen Philosophie der Moderne aber viel weniger umstritten ist. Die Gemeinsamkeit von allen dreien besteht darin, dass sie von grundlegenden und anscheinend unlösbaren Problemen in einer Art umgetrieben wurden, die als absolut neuartig angesehen wurden. Was für Las Casas die Begegnung mit dem unbekannten Anderen war, war für Descartes und Hobbes die Zerstörung der kosmologischen Sicherheit, die bis dahin aus der Einheit der christlichen Kirche in Europa gespeist worden war. Die Reformation und die Religionskriege hatten solche „Gewissheiten“ zerstört. Die Kirchenspaltung war der Hintergrund für Descartes’ radikalen Zweifel, der nicht einmal vor den Absichten des mutmaßlichen Schöpfers haltmachte. Es bleibt einer der prägnantesten Ausdrücke einer modernen Haltung, wie Descartes diese Skepsis in Zuversicht umzuwandeln trachtete. Der Zuversicht nämlich, dass sich das Erkenntnis suchende Subjekt die Welt aus dem Zweifel heraus neu zu erschaffen vermag.  


Atkins’ Videoinstallation „Ribbons“ wurde 2014 in der Londoner Serpentine Sackler Gallery das erste Mal gezeigt. Sie beschäftigt sich mit der ambivalenten Beziehung zwischen realen und virtuellen Gegenständen in realen und virtuellen Umständen. / Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels
Atkins’ Videoinstallation „Ribbons“ wurde 2014 in der Londoner Serpentine Sackler Gallery das erste Mal gezeigt. Sie beschäftigt sich mit der ambivalenten Beziehung zwischen realen und virtuellen Gegenständen in realen und virtuellen Umständen. / Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels

Mit anderen Worten: Die Moderne wurde aus dem Zweifel geboren, aber die Menschen neigen dazu, den Zweifel wieder zu einer triumphierenden neuen Gewissheit werden zu lassen. Dieser Vorgang sollte sich in der Geschichte unter veränderten Umständen mehrfach wiederholen. Wo Descartes sichere Erkenntnis suchte, stellten für Hobbes Frieden und Ordnung das Problem dar. Wie für Descartes – und in anderer Weise auch für Las Casas – waren der einzelne Mensch und dessen Verstandesbegabung die einzige Quelle, aus der neue Hoffnung geschöpft werden konnte, nachdem alte, solidarische Garanten des Friedens mit den Kriegszügen unglaubwürdig geworden waren. Descartes und Hobbes werden oft als Begründer der (politischen) Philosophie der Moderne in der Geschichte unaufhaltsamen Fortschritts angesehen. Angemessener aber wäre es, ihr radikales und kritisches Denken aus der dringenden Notwendigkeit heraus zu verstehen, für neue Probleme neue Lösungen zu finden. Zweifel war dabei für sie eine unabdingbare Methode. Die Anwendung dieser Methode eröffnete neue Pfade des Denkens, aber sie war als solche keine Quelle neuer Gewissheit – schon gar nicht der triumphierenden Gewissheit, Antworten gefunden zu haben, die allen früheren Antworten überlegen sein würden.

Eine solche triumphierende Haltung verstärkt sich erst im 19. Jahrhundert, das weitgehend als Periode des Durchbruchs der Moderne angesehen wird. Die seit 1851 regelmäßig abgehaltenen Weltausstellungen etwa sind Ausdruck der Erwartung eines anhaltenden Fortschritts, der die Lebensbedingungen der Menschen stetig verbessern würde. Diese Annahme zeigt sich auch in der Ausstellungsarchitektur: Vom Crystal Palace in London 1851 bis zum Grand Palais in Paris 1900 trachtete jeder Bau danach, über alles hinauszugehen, was bis dahin maximal möglich schien. In diesem Kontext entstand in den aufkommenden Sozialwissenschaften auch die These, dass es bei der Revolution der Moderne weniger um eine Haltung zur Welt ginge als vielmehr um die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen. Sieht man näher hin, erkennt man, warum dem so war.

Die europäischen Gesellschaften des 19. Jahrhunderts waren kaum auf der Freiheit des vernunftbegabten Individuums errichtet worden, auf die Kant und die anderen Aufklärungsphilosophen ihre Hoffnungen gesetzt hatten. Die hierarchischen sozialen Strukturen des „Alten Regimes“ waren nach den Revolutionen weitgehend intakt geblieben. Es war eher der Aufstieg Europas zur Weltherrschaft, die politisch- ökonomische Entkopplung Europas – und in der Folge Nordamerikas – vom Rest der Welt, der den Hintergrund für den Triumphalismus bildete. Der Zuwachs an Reichtum und Macht war vielen ein Anzeichen dafür, dass man in Europa Dinge besser und richtiger gemacht hatte als anderswo. Selbst skeptische Beobachter – wie etwa Max Weber – sahen einen „Rationalismus“ am Werk, der westliche Gesellschaften radikal umgestaltete. (Es sei hier nur kurz angemerkt, dass sich die postkoloniale Kritik der Moderne, die sich seit den 1960er-Jahren entwickelte, oft viel zu einseitig auf die triumphale europäische Selbstsicht bezieht und diese als einzig mögliche Haltung der Moderne auffasst.) Weber jedoch erkannte zugleich, dass das „stahlharte Gehäuse“ des „modernen Kapitalismus“ wenig Raum für persönliche Selbstverwirklichung ließ. Die Haltung, der Geist, der die Moderne erst hervorbrachte, ist „aus diesem Gehäuse entwichen“ – so sprach Weber von dem, was wir als eine „Paradoxie der Moderne“ bezeichnen kennen.

„Ribbons“ beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie wir Informationen wahrnehmen,  filtern und kommunizieren. Atkins’ Videos verbinden übereinandergelegte Bilder mit unvollständigen oder unterbrochenen Elementen von gesprochenen Wörtern, Gesang und Grafiken. /Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels
„Ribbons“ beschäftigt sich mit der Art und Weise, wie wir Informationen wahrnehmen, filtern und kommunizieren. Atkins’ Videos verbinden übereinandergelegte Bilder mit unvollständigen oder unterbrochenen Elementen von gesprochenen Wörtern, Gesang und Grafiken. /Bild: © Ed Atkins, Ribbons, 2014; Courtesy the artist Galerie Isabella Bortolozzi, Berlin, Cabinet Gallery, London, Gavin Brown’s Enterprise, New York, Rome, Dépendance Gallery, Brussels

Im geschichtlichen Rückblick können wir sagen, dass die europäischen Eliten des 19. Jahrhunderts von ihrem geistlosen Triumph in eine Sackgasse geführt wurden. Die Moderne als ein „institutionelles Design“ zu verstehen, mit dem man sich über die Natur und andere Menschen erheben und diese unterwerfen könne, hatte sich als ein gigantisches Missverständnis erwiesen. Der Erste Weltkrieg machte dies offenkundig. Seine Erfahrung griff so tief, dass Modernität von Grund auf neu gedacht werden musste. Europa, das sich selbstgefällig als „modern“ verstanden hatte, stürzte sich in jenes lang anhaltende Gemetzel, das nicht nur das Militär, sondern die gesamte Gesellschaft einbezog. Die Notwendigkeit des Neudenkens ergab sich also – wie schon im 16. und 17. Jahrhundert – nicht in einem Moment des Triumphs, sondern im Augenblick größter Verzweiflung. Nicht die Angst, sondern die bereits eingetretene Katastrophe war der Anlass für neues Denken. Der gemeinsame Ausgangspunkt der zahlreichen – künstlerischen, intellektuellen, politischen und wirtschaftlichen – Initiativen der Zwischenkriegszeit bestand darin, sich vom Europa des 19. Jahrhunderts, von der Last der Vergangenheit und der Tradition, zu befreien. In vielen künstlerischen Bereichen – etwa der Malerei, der Literatur, der Architektur – führte dies zu einer derartigen Explosion von Kreativität und Innovation, dass heute der Begriff „modern“ für die Werke einer Zeit gebraucht wird, die inzwischen längst der Vergangenheit angehört.

Die Situation am Ende des Ersten Weltkriegs unterschied sich von den vorhergehenden Momenten der Moderne durch die Radikalität des Bruchs. In vielen Bereichen kann man erst ab diesem Moment von einem radikalen Durchbruch der Moderne sprechen. Der Bruch betraf alle Aspekte der Gesellschaft – Ästhetik, Politik, Wirtschaft – und erstmals war die gesamte Bevölkerung in diese Umbruchserfahrung unmittelbar einbezogen. Eine solche Situation legte es nahe, in gleichem Maße umfassende Projekte zu entwerfen, die in die Zukunft weisen sollten. Eine wichtige Voraussetzung für diesen Durchbruch der Moderne war ein Verständnis dafür, warum sich die Verheißungen der neuen Zeit bislang nicht verwirklicht hatten. Die Debatten der Zwischenkriegszeit waren vielfältig und lassen sich nicht leicht zusammenfassen. Doch wenn man sich auf die Krisendiagnosen und die Antworten darauf konzentriert, werden vor dem Hintergrund der früheren Fortschrittserwartungen Konturen sichtbar, die sich auf die Freiheit und die Vernunftbegabung der Menschen gründeten.

Eine Lesart bestand darin, die „moderne“ Vernunft mit der rationalen Organisation des Lebens in Verbindung zu bringen, für die dann die industrielle Revolution als Beweis angesehen wurde. Das Problem dieser Sichtweise bestand darin, dass das Europa des 19. Jahrhunderts dem Rationalismus in Wirklichkeit nicht ausreichend Raum gegeben hatte. Auf der anderen Seite hatte sich die Erwartungshaltung nicht erfüllt, wonach die Verwirklichung von individueller Freiheit automatisch zu besseren Formen des Zusammenlebens führen würde. Dies hatte bei näherer Betrachtung zwei Gründe: Zum einen hatte das Europa des 19. Jahrhunderts den „Massen“ das Recht auf Freiheit verweigert, ohne dafür noch vertretbare Gründe angeben zu können; zum anderen schien der Eintritt der „Massen“ in die Gesellschaft, der bereits begonnen hatte, unweigerlich zu Verlusten persönlicher Freiheit zu führen.

Die Neuorientierung der Moderne sah als einzige Möglichkeit, die Fehler der Vergangenheit zu vermeiden, in einer vollständigen Rationalisierung des Lebens. Eine neue Verbindung von Funktion und Ästhetik spielte hier ebenso eine Rolle wie die Schaffung einer Gesellschaft, in der nicht mehr die einzelne Person, sondern das Kollektiv die Bedingungen der Selbstverwirklichung schafft – sei es die Nation, die Klasse oder eine Verbindung aus beiden. Teile dieser Auffassung lassen sich zwar nicht in allen Vorhaben der gesellschaftlichen Erneuerung der Zwischenkriegszeit finden, wohl aber in den meisten. Vor allem aber in denjenigen, die sich zeitweilig als dominierend erweisen sollten. Die europäische Zwischenkriegszeit gehört zu den historischen Perioden, die ihre Zeitgenossen als besonders unübersichtlich erlebten. Der Verlauf der Zeit aber erlaubt es, Unterscheidungen zu treffen, und eine dieser Unterscheidungen betrifft die unterschiedlichen Haltungen der Moderne, die in den einzelnen Vorhaben zum Ausdruck kamen. In ihnen lässt sich erkennen, dass einige der Projekte jener Zeit mit Absolutheitsanspruch entwickelt wurden, andere wiederum waren eher durch eine Radikalisierung der Nachdenklichkeit gekennzeichnet. Für einige der Protagonisten bestand gleichsam wie für Descartes die Herausforderung darin, aus dem Bruch mit wieder neuen Gewissheiten hervorzugehen. Für andere hieß es hingegen, einen Weg zu finden, beständig mit Ungewissheiten umzugehen.

In den krisengeschüttelten Zwischenkriegsjahren war das Verlangen nach neuer Gewissheit so groß, dass es am Ende nicht die Akzeptanz der Ungewissheit war, die dominant wurde. Zu dieser Zeit war das Scheitern des Europas des 19. Jahrhunderts Grund genug für einen vollständigen Bruch mit der Vergangenheit und die Sehnsucht nach einer völlig neuen Gesellschaft, die auch einen neuen Menschen hervorbringen sollte. Der Gedanke einer totalen Revolution kam auf. Er fand seine prägnantesten Ausdrücke im Faschismus, Nationalsozialismus und Stalinismus. Dort, wo sich diese Regime zeitweilig etablieren konnten, schuf die triumphierende Haltung der Moderne ein gesellschaftliches Gesamtkunstwerk auf der Grundlage eines kollektiven Voluntarismus. Diese Haltung war jedoch nicht auf Regime beschränkt, die wir seitdem totalitär nennen. So ist die Eugenik das beredte Zeugnis eines weitverbreiteten Wunsches, den Fortschritt bis hin zur Natur des Menschen anzuwenden. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ und später George Orwells „1984“ sind nicht etwa die Porträts existierender Totalitarismen, sondern Kritiken einer Tendenz der Zeit.  Aber es war erst die Erfahrung mit diesen Totalitarismen, die nach dem Zweiten Weltkrieg dazu führte, von den großen Ambitionen der Moderne Abschied zu nehmen – jedenfalls in Europa.

Die scheinbar konsolidierte Moderne der zweiten Nachkriegszeit war kein großes Projekt, sondern ein vager, zeitweilig tragfähiger Kompromiss zwischen liberalen, nationalen, sozialen und demokratischen Ideen. In Frankreich sprach man von den „dreißig glorreichen Jahren“, aber zugleich auch vom „Ende der Ideologien“. Mit der wirtschaftlichen und politischen Stabilisierung wuchs die Selbstgefälligkeit wieder, ohne allerdings erneut triumphalistisch zu werden. Dies waren wohl am ehesten die Jahre, in denen der Geist aus der Moderne entwichen schien. Nun konnte man modern sein, ohne eine Haltung zur Moderne zu haben – so hatte es zumindest den Anschein. Die späten 1960er-Jahre waren Zeuge einer aufflackernden Revolte gegen die Geist- und Projektlosigkeit der Moderne, doch erst, als die Flammen schnell erloschen, war dies für einige der Anlass, das Ende der Moderne zu verkünden. Mit dem Kollaps des sowjetischen Sozialismus einige Jahre später schien die einzige große Alternative zur westlichen Moderne – so wenig wünschenswert sie auch gewesen sein mag – verschwunden und das Ende der Geschichte erreicht zu sein.

Die krisenhaften Entwicklungen der letzten zwei Jahrzehnte haben die Glaubwürdigkeit dieser Annahme schwer erschüttert. Ob Finanzkrisen und wirtschaftliche Stagnation, zunehmende soziale Ungleichheit, die fühlbar werdenden Folgen des Klimawandels, Terrorismus oder der Verfall von Staatlichkeit – Probleme entstehen oder kehren wieder, und deren Folgen kumulieren sich, da es an echten Lösungen mangelt. Es mehren sich die Stimmen, die danach rufen, man müsse wieder für etwas einstehen, um die Errungenschaften, die man habe, aktiv zu verteidigen. Mit anderen Worten wird danach verlangt, wieder eine Haltung zur Moderne einzunehmen. Der schon zitierte Max Weber mutmaßte vor mehr als hundert Jahren, dass gegen die Geistlosigkeit der modernen Institutionen alte Ideale wiedergeboren werden oder neue Propheten aufsteigen könnten. Diese Worte sind weithin vergessen, und wenn an sie erinnert wird, kommen den meisten Beobachtern religiöser Fanatismus oder Versuchungen des Kollektivismus in den Kopf. Aber so sehr sie auch zu den größten Opponenten der westlichen Moderne stilisiert werden: Weder der Iran noch Kuba oder Venezuela und nicht mal der selbst ernannte „Islamische Staat“ stellen heute die größte Herausforderung dar. Das zentrale Problem sind vielmehr die Haltungen zur Moderne, die heute innerhalb der europäischen Gesellschaften aufkommen, und das nach Jahrzehnten, in denen eben gerade keine eindeutige Haltung bezogen worden war. Die von allen sichtbarste Haltung ist heute der Nationalpopulismus, der in der Tat eine Wiedergeburt alter Ideale darstellt und mit Abgrenzung und Ausschließung mobilisiert. Dabei werden nicht mal ansatzweise die Ursachen kritischer Entwicklungen in den Blick genommen.

In der Verbindung von ideologischem Individualismus und technischem Rationalismus spiegeln sich verzerrt die Aufklärungsideen von Freiheit und Vernunft wider. Auch in ihren heutigen Formen haben diese Auffassungen ihre Quelle in Krisen und Zweifeln – konkret: in der Krise des sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaates und in der ökologischen Krise. Aber wie schon in der Vergangenheit sind es solche Haltungen, die Zweifel an dogmatischen neuen Gewissheiten bekämpfen. Letztlich wurzeln diese in einer Hybris – einem Irrglauben an die Allmacht menschlichen Handelns – und sie werden abermals in einem Triumphalismus enden, der meist kurz vor der Katastrophe seinen Höhepunkt erreicht.

Die Moderne als Haltung betont die Denk- und Handlungsfähigkeit des Menschen. Die Menschen können nicht nur, sie müssen ihre Probleme selber lösen. Von anderswo sind keine Lösungen zu erwarten. In seinen Reflexionen über Immanuel Kants Essay „Was ist Aufklärung?“ schrieb Michel Foucault über seine Beobachtung, dass sich die aufklärerische Kritik zu lange und zu häufig auf die „Behauptung oder den leeren Traum der Freiheit“ eingelassen und damit zu fehlkonzipierten „Projekten“ geführt habe. Diese wollten „global und radikal sein“, ohne eine überzeugende Problemanalyse oder gar Zweifel an der eigenen Allmacht ins Feld zu führen.

Individualismus und Rationalismus sind Projekte, die auf eine lange Vergangenheit zurückblicken, heute aber planetarische Kraft erlangt haben. Dieser Kraft gegenüber erwachsen dumpfe Reaktionen, deren Folgen ebenso gravierend sein können. Um beidem entgegenzuwirken, gibt es nur eine Lösung: eine Radikalisierung der Nachdenklichkeit und eine Globalisierung der Verständigung über die dringlichsten Probleme unserer Zeit. „Il faut être absolument moderne.“ Rimbauds Forderung gilt weiter. Aber auf welche Weise, das müssen wir erst noch in Erfahrung bringen.  

 

[PW 2017]