Isabel Allende ist eine chilenisch-US-amerikanische Bestsellerautorin. In ihrem Werk wie mit ihrer Stiftung setzt sie sich für die Gleichberechtigung der Geschlechter ein. Fortschritt, so die Autorin, ist eine Frage der Emanzipation.

Unser Magazin beschäftigt sich mit der Haltung der Moderne. Sie arbeiten viel über die Selbstermächtigung von Frauen, ein wichtiges Kernthema der Modernisierung. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Emanzipation von Frauen und dem Fortschritt im Allgemeinen?

Auf jeden Fall. Wenn wir die Frauen befreien, dann befreien wir auch die Familie, folglich auch die Gemeinschaft und eventuell sogar das ganze Land. Die rückständigsten Länder in der Welt sind die Länder, in denen Frauen von Ausbeutung, Diskriminierung und allen Arten von Missbrauch betroffen sind. Hingegen dort, wo Frauen selbstbestimmt leben, geht es den Ländern gut. Deshalb habe ich diesem Ziel einen Teil des Lebens und meiner finanziellen Mittel meiner Stiftung gewidmet. Die Mission dieser Stiftung ist es, Frauen und Kindern zu helfen.

Gab es ein Schlüsselerlebnis in Ihrem Leben, das Sie dazu ermutigte, sich aktiv für Frauenrechte einzusetzen?

Ich muss eine sehr, sehr junge Frau gewesen sein, als ich realisierte, dass ich – anders als meine Mutter – kein Opfer sein wollte. Ich wollte so stark wie mein Großvater sein. Schon in jungen Jahren rebellierte ich gegen jede Form von Autorität, besonders männliche Autorität. Damit meine ich: meinen Großvater, meine Onkel, meinen Stiefvater, die Polizei und die Kirche. Eben jede Art von männlicher Autorität. In Chile war zu dieser Zeit jegliche Art von Autorität männlich, ein echtes Patriarchat. Ich war sehr aufmüpfig, ohne wirklich artikulieren zu können, warum ich so wütend war. Ich war ein wütendes Mädchen und ein sehr aufsässiger Teenager. Aufsässig im intellektuellen Sinne,ich habe nie Drogen genommen oder bin von zu Hause weggelaufen oder so etwas. Aber ich wollte ständig provozieren und diskutieren. Dann entdeckte ich den Feminismus: Ich entdeckte, dass ich gar nichts Neues erfand. Es gab bereits Fachbücher und es gab Feministinnen, die eine Sprache sprachen, die genau das ausdrückten, was ich empfand.

Sogar am Bauhaus, dessen Manifest versprach, Schüler unabhängig von ihrem Geschlecht zu fördern, war es sehr viel schwieriger für Frauen, als Gestalter wahrgenommen zu werden, als für ihre männlichen Kollegen. Was sind die größten Herausforderungen für Frauen im heutigen Arbeitsleben?

In den Vereinigten Staaten verdienen Frauen nur 77 Prozent von dem, was Männer in dem gleichen Job verdienen. Sie bekommen nicht die gleichen Chancen, Karriere zu machen. Sie müssen sich oft zwischen ihrer Familie und ihrer Karriere entscheiden. Und die Regierung, der Staat, die Gesellschaft stellten keine Hilfe für Frauen zur Verfügung. In Europa gibt es ein Jahr Elternzeit für die Mutter und den Vater, etwas Vergleichbares gibt es hier nicht. In einigen Bereichen der Gesellschaft, beispielsweise bei den Latinos, sind Frauen darüber hinaus häufig damit konfrontiert, dass sie gar keinen legalen Status haben. Diese Menschen konnten zu jeder Zeit verhaftet und ausgewiesen werden. Das bedeutet, dass sie nur die illegalen, schwarz bezahlten Jobs bekommen, was sehr zum Nachteil für diese Menschen ist. Wenn beispielsweise eines ihrer Kinder krank ist, müssen sie abwarten, bis es so krank ist, dass es in der Notaufnahme behandelt werden kann.

Sie leben in Kalifornien, sind aber in Chile aufgewachsen. Wie wurden Sie die Situation der Frauen in Südamerika beschreiben?

Innerhalb Lateinamerikas gibt es große Unterschiede zwischen dem Status von Frauen in einem Land im Vergleich zu einem anderen. In Chile sind wir in diesem Sinne sehr fortschrittlich. Wir haben eine Präsidentin, die Ärztin und Sozialistin ist– und es ist schon ihre zweite Amtszeit. Sie engagiert sich für die Familie und die Situation von Frauen. Das ist der Fokus ihrer Regierung. Es wurde also einiges erreicht. Trotzdem, immer wenn ich nach Chile komme, finde ich es sehr patriarchalisch. Es ist immer noch eine sehr männliche, chauvinistische Gesellschaft.

Alle reden über die chauvinistischen Tendenzen, die sich in der neuen US-amerikanischen Regierung abzeichnen – was muss sich in unserer Kultur, in unserem Wertesystem, in unserem Verhalten ändern, um die Situation von Frauen und Kindern in unserer sogenannten westlichen Welt zu andern?

Zuerst müssen wir das Narrativ verändern. Wir müssen uns darüber klarwerden, wie die Situation ist: Ich habe nur Enkelinnen und die wollen nicht Feministinnen genannt werden. Es gibt sogar Blogs und Social-Media-Gruppen, die Feminismus verachten. Diese Mädchen wissen nicht, dass sie privilegiert sind, dass sie von den Kämpfen, die ihre Mutter und Großmutter ausgetragen haben, profitieren, und dass 80 Prozent der Frauen auf der Welt nicht die gleichen Rechte haben. Sie mussten eigentlich für die anderen kämpfen, aber das sehen sie nicht so. Sie sehen auch nicht, dass sie alle Rechte wieder verlieren können, wenn sich den Umstand zum Schlechten verändern, wie etwa in Afghanistan. Dort gab es weibliche Arzte, weibliche Rechtsanwalte–und dann kamen die Taliban. Innerhalb von 24 Stunden verschwanden diese Frauen wieder in ihren Häusern oder unter den Burkas, und ohne einen Mann aus der Familie dürfen sie jetzt nicht mehr auf die Straße gehen. Die Dinge können sich sehr schnell ändern. Die ersten und verletzlichsten Opfer des Krieges sind immer Frauen und Kinder.

Sie sagen also, der Feminismus ist nicht mehr so stark, wie er einmal war. Vielleicht gibt es einfach neue Themen auf der Widerstandsagenda?

Ich weiß es nicht. Es gibt eine neue Generation von jungen Leuten, die ich oft treffe, die nur an ihre Arbeit denkt. Sie geht nicht auf die Straße und proklamiert irgendetwas. Die Einzigen, die heute für etwas kämpfen, sind die, die Differenzen im sozialen Geschlecht haben, wie etwa Lesben, Schwule oder Transgender. Diese Bewegung ist sehr stark und präsent, zumindest in den Vereinigten Staaten, in Lateinamerika nicht so sehr. In gewisser Weise sind sie heute das, was die sehr kämpferischen Feministinnen in meiner Generation waren.

Sie haben anfangs schon Ihre Stiftung erwähnt, die sich für Frauenrechte im Bereich Reproduktion, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Gewaltfreiheit einsetzt. Gibt es ein Projekt, das Sie ganz besonders wichtig finden?

Es gibt ein Projekt, das all das verkörpert, was wir versuchen. Lassen Sie mich die Geschichte dazu erzählen: Es gibt eine alte Lady, Olga Murray, die mit 60 Jahren als Touristin nach Nepal reiste. Sie wanderte in den Bergen und brach sich das Bein. Ein Sherpa trug sie in einem Korb auf seinem Rücken zurück ins Dorf. Zu dieser Zeit war eine Art Festival in dem Dorf: Es kamen Busse mit Menschen aus der Stadt, um kleine Mädchen – manche acht, manche sechs Jahre alt – von ihren Vätern abzukaufen. Später werden sie in die Stadt gebracht und dort als Hausmädchen verkauft. Ihnen steht ein Schicksal als Sklavinnen für zehn oder zwanzig Jahre bevor. Sie bekommen keine Ausbildung, werden wie Hunde behandelt, essen die Reste, die die Familie übriglasst, werden geschlagen und vergewaltigt. Olga hat allein mit der (daraufhin von ihr gegründeten) Nepal Youth Foundation um die 12.000 Mädchen vor häuslicher Zwangsarbeit gerettet. Momentan richtet sie Ernährungskliniken für hungernde Kinder in Nepal ein. Dieses Beispiel zeigt, was ein Mensch allein tun kann. Sie hat die Kultur im Land verändert, denn jetzt hat die Regierung es für illegal erklärt, Mädchen zum Zwecke der häuslichen Zwangsarbeit zu verkaufen. Darum glaube ich an das Grassroot Movement: Man beginnt an der Basis, und dann fangen die Dinge an, sich in Bewegung zu setzen.

Mit Blick auf das Erstarken von Populismus und Extremismus: Haben Sie den Eindruck, dass es auch in der sogenannten modernen Welt zu einem verringerten Bewusstsein für diese Dinge kommt?

Nein, das denke ich nicht. Wir machen Fortschritte. Sehen Sie, ich bin 75 Jahre alt. Ich bin mitten im Zweiten Weltkrieg aufgewachsen, als es keine Erklärung der Menschenrechte gab. Es war die Zeit des Holocausts und die Zeit, als wir Atombomben auf Japan geworfen haben. Keiner hat zu dieser Zeit über Frauen- und Kinderrechte gesprochen. Während meines gesamten Lebens habe ich gesehen, wie sich die Dinge zum Guten entwickelt haben, nicht zum Schlechten. Wir haben immer noch Kriege, wir haben immer noch Diskriminierung, wir haben Folter, wir haben Exekutionen, wir haben Terror–wir haben eine Menge Dinge. Aber heute sind mehr Menschen ausgebildet als zu der Zeit, als ich geboren wurde. Und mehr Menschen als vorher haben Zugang zu Ressourcen. Früher war eine gute Ausbildung nur für privilegierte Menschen möglich.

Weil Ihr Stiefvater Diplomat war, lebten Sie in ihrer Jugend in Beirut. Was halten Sie von der Theorie vom „Kampf der Kulturen“, die unsere Politiker heutzutage umtreibt, beginnend mit dem 11. September bis hin zum IS?

Ich bin keine Politexpertin, ich kann die Frage nicht beantworten. Wir haben den Libanon 1959 verlassen, weil dort der politische Umbruch begann, die US-Marine zog sich zurück und der Krieg begann. Ich habe eine Gesellschaft mit Brüchen erlebt: Es gab Christen, es gab Moslems und es gab Drusen, die alle zwar in ihrer Gemeinschaft, aber jahrelang zusammenlebten. Es gab keine Konflikte, bis plötzlich welche herbeigeredet wurden. Wir haben den Terroristen mehr Macht gegeben, als sie ursprünglich hatten. Ich lebe in den Vereinigten Staaten. Man erklärte dem Terrorismus den Krieg und sagte, dass man ihn zum ersten Mal erlebe. Nun, da haben sie ihre eigene Geschichte vergessen: Die schwarze Bevölkerung lebte jahrhundertelang in Sklaverei und Terror.

Sie sind nicht nur Aktivistin, sondern auch eine bekannte und gefeierte Autorin. Ihre Profession liegt darin, Geschichten zu erschaffen, die sich mit menschlichem Verhalten und seinen psychologischen, historischen und kulturellen Ursachen beschäftigen. Wie lasst sich Ihrer Meinung nach das veränderte Denken der Frauen von heute am besten beschreiben?

Ich glaube, die Frauen denken heute, dass sie ihr Leben kontrollieren können. Das fängt mit Geburtenkontrolle an: Wenn Frauen ihre Fruchtbarkeit kontrollieren können, fühlen sie sich selbstbestimmt. Sie haben weniger Kinder, gleichzeitig mehr Bildung. Normalerweise können sie arbeiten. Der erste Schritt zum Feminismus ist Geburtenkontrolle.

Wir haben andere Künstler in diesem Magazin gefragt: Wie lehren wir die Zukunft? Wie denken Sie als Autorin über die Förderung der Kreativität?

Wir sind alle mit Kreativität geboren. Jedes Kind ist kreativ. Aber die Gesellschaft, die Eltern, das Leben, die Umstände begraben die Kreativität. Als ich aufwuchs, hat niemand auf mich geachtet. Ich wuchs wie eine Pflanze in einer Häuserecke auf, niemand hat sich eingemischt. Also konnte ich lesen, was ich wollte, ich hatte kein Spielzeug, das musste ich selbst herstellen. Und ich liebte es, zu malen und Geschichten zu schreiben, die niemand las. Ich war in der Tat sehr glücklich.

Wie haben Sie sich diese Kreativität bewahrt?

Ich bin nicht immer inspiriert. Wenn ich ein Buch beendet habe und es in den Händen meiner Agenten liegt, fühle ich diese Leere und frage mich: Was soll ich als Nächstes machen? Ich brauche diese Leidenschaft in mir, um mich einem Projekt zu widmen. Manchmal denke ich, dass es ein Buch gibt, in dem ich über etwas schreiben werde, und erst in dem Prozess entpuppt es sich als etwas ganz anderes. Ein Beispiel: Es gibt ein Buch von mir, „Die Insel unter dem Meer“. Es ist eine Geschichte über Sklaverei in Haiti im 18. Jahrhundert. Zuerst dachte ich, ich würde ein Buch über die Piraten der Karibik in New Orleans schreiben. Aber als ich anfing, über New Orleans zu recherchieren, fand ich heraus, dass viel von den französischen Einflüssen in dieser Stadt von den 10.000 weißen Kolonisten aus Haiti kam, die vor der Revolution weggelaufen sind. Es waren Franzosen, die mit ihren französischen Bräuchen kamen und die Stadt komplett veränderten. Vorher war es eine Stadt mit 3.000 Menschen, in nur einem Jahr kamen 10.000 Einwanderer. Deshalb überlegte ich: Warum sind sie aus Haiti geflohen? Dann war ich plötzlich vollkommen fasziniert von Haiti. Mein Buch handelt jetzt von Haiti und nicht mehr von den karibischen Einflüssen in New Orleans. Aber du musst diszipliniert sein. Du musst dich täglich vor deinen Computer setzen und geduldig sein. Es passiert nichts, wenn du nicht diszipliniert bist.

Das Bauhaus war sehr daran interessiert, die Kreativität seiner Studenten zu fördern. Was erzählen Sie Ihren Studenten?

Manchmal habe ich 19 Jahre alte Schüler, die ihre Memoiren schreiben. Worüber schreiben die? Und dann denken sie, dass sie den besten amerikanischen Roman in einer Sitzung schreiben werden. Ich erzähle diesen Schülern immer: „Kunst ist wie Sport. Sie trainieren und trainieren und trainieren, um den Muskel zu entwickeln, der Ihnen erlaubt, das Spiel zu spielen.“

Welche Denker oder Künstler hatten den größten Einfluss auf Sie?

Viele. Ich denke, dass der Einfluss vieler lateinamerikanischer Schriftsteller in meinen Büchern präsent ist. Ich gehöre der ersten Generation lateinamerikanischer Schriftsteller an, die damit aufwuchs, andere lateinamerikanischer Schriftsteller zu lesen. García Márquez schrieb, als ich in den Zwanzigern war. Ich konnte Vargas Llosa lesen, ich konnte Donoso lesen. Sie hatten schon früher geschrieben, aber ihre Bücher waren rar. So konnten wir in Chile nicht Carlos Fuentes bekommen, bis die Verlage in Barcelona diesen großen lateinamerikanischen Schriftsteller veröffentlichten, die Bücher nach Lateinamerika schickten und sie verteilten. Ich bin damit Auge wachsen, dass alles verfügbar war. Dann gab es andere Einflüsse wie etwa Filme. Eine Szene in einem Film kann ein Buch oder eine Geschichte auslosen, genauso die Neuigkeiten in den Zeitungen. Und dann gab es Einflüsse, die nicht literarisch waren: Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich dachte, dass ich alles tun kann, was ich will. Das war, als ich ein Gemälde von Chagall sah. Ich dachte, Chagall sei ein Kind! Es war mir nicht klar, dass dies ein echter Maler war und zu dieser Zeit schon 90 Jahre alt. Ich dachte: Wenn dieses Kind das tun kann, kann ich das auch. Die Freiheit, die Farbe, die Fülle dieses Bildes trafen mich wie ein Felsbrocken. Und es hat etwas in mir befreit: Kunst musste nicht realistisch sein. Sie musste nicht das sein, was mein Lehrer erwartete. Sie konnte das sein, was immer ich wollte.

Wie denken Sie als Künstlerin darüber, die Welt selbst als Mittel in der Kunst zu sehen?

Ich bin keine Predigerin, ich habe keine Antworten oder Nachrichten. Ich gehe wie ein Forscher mit einer Kerze in der Hand durch die Welt und versuche, kleine Ecken zu beleuchten. Manchmal finde ich Partikel von etwas, das wahr sein konnte. Aber ich bin mir nicht sicher. Ich stelle die Fragen, die jeder unbewusst fragt. Ich klopfe an etwas, das der unbewusste Traum ist, die unbewusste Hoffnung, das Unbewusste der Menschheit. Dann erreicht das Buch die Menschen. Die Leute fragen mich: Warum sind Ihre Bücher so beliebt? Ich habe keine Ahnung. Aber es muss zwischen der Geschichte und dem Leser eine Verbindung geben.

bauhaus now beschäftigt sich mit dem Bewusstsein für die Welt von morgen. Was ist Ihr Traum für die Zukunft der Menschheit?

Ich möchte eine schöne Welt und auch eine freudige Welt. Ich möchte, dass die Leute mehr lachen, mehr genießen. Eine faire Welt, wo all das für jeden zur Verfügung steht. Aber es fällt mir schwer, das zu genießen, was ich habe, wenn ich sehe, dass andere Leute um mich herum nicht das Gleiche haben. Wenn ich an die Flüchtlinge aus Syrien denke und die schrecklichen Dinge, die mit den Menschen in der Welt geschehen, fühle ich eine Art Härte in mir, die es mir nicht erlaubt, mich restlos über mein eigenes Leben zu freuen.

Drehen wir den Spieß einmal um, Frau Allende: Was wurden Sie unsere Leser gerne fragen?

Welche Vorstellung haben Sie für die Zukunft unserer Welt? Und wie würden Sie sie gestalten?

 

[NF 2017]