Dieses Jahr veranstalten die sammlungsführenden Institutionen drei Bauhausschauen, die sich als Prolog zum großen Jubiläumsjahr 2019 verstehen. Die Stiftung Bauhaus Dessau macht den Anfang – mit einer Ausstellung zur Rolle von Handwerk und Industriekultur am Bauhaus.

Josef Albers, ti244 © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Christian Hagemann, Gestaltung Herburg Weiland.
Josef Albers, ti244 © The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Christian Hagemann, Gestaltung Herburg Weiland.

Die Ausstellung Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus erzählt am Originalschauplatz, der Weberei im Bauhausgebäude in Dessau, die Geschichte der Werkstätten aus der Perspektive des Handwerks. Nirgendwo wurden die Verhältnisse zwischen Kunst, Kunstgewerbe, industrieller Produktion und Handwerk so radikal diskutiert wie am Bauhaus. Und nirgendwo sonst prallten die hinter diesen Domänen existierenden wirtschaftlichen und politischen Lager der Weimarer Republik so offensiv aufeinander wie am Bauhaus und beeinflussten das Schicksal der Hochschule.

Leitfaden der in fünf Themenkapitel gegliederten Ausstellung ist die Suche nach einer Neubestimmung des Handwerks am Bauhaus als Utopie, in Kritik aber auch in Koexistenz zur Industriekultur. Schließlich ging es um gestalterische Handlungsvorschläge in einer gesellschaftlichen Situation, in der sich die Dinge des Alltags mehr und mehr von seinen Herstellern und Nutzern entfernt hatten.

Wie kontrovers die mit dem Handwerk assoziierten Ideen und Vorstellungen am Dessauer Bauhaus auch waren, sie teilten die Sorge um menschliche Handlungsfähigkeit. Diese Situation scheint der heutigen nicht unähnlich: Sticken, Do-it-yourself und Digital Crafts sind keine Gegensätze mehr, sondern Vorschläge für humane Aktionen in einer digitalisierten, globalisierten und technisch gesteuerten Welt.

 

Handwerk am Scheideweg

Die Schau zum Handwerk am Bauhaus beginnt mit einer Positionsbestimmung aus der Gegenwart. Forschend und konzeptionell arbeitende Designer wie Formafantasma, Álvaro Catalán de Ocón, Assemble, Sarah Ouhaddou, Natsai Audrey Chieza, Opendesk und Dirk Vander Kooij zeigen in ihren experimentellen, aktivistischen, sozialengagierten und an vernakulären Traditionen ausgerichteten Projekten, dass das Handwerk heute einen hybriden Ort bildet, in dem die Grenzen zwischen Entwurf und Herstellen, zwischen Experte und Amateur verschwimmen und in dem das Denken mit dem Machen wieder in Verbindung tritt.

Von hier aus leuchtet die Ausstellung den Mikrokosmos der historischen Werkstattpraxis von Tischlerei, Metallwerkstatt und Weberei aus. Der Themenraum Ungleiche Paare: Werkmeister-Formmeister bietet Einsichten in die vielfältigen Konflikte um den Stellenwert des Handwerks für die Gestaltung moderner Gebrauchsgüter am Bauhaus Dessau.

 

Maschinenpark

Im Maschinenpark werden erstmalig in einer Bauhausausstellung auch Maschinen und Werkzeuge gezeigt. Diese Gerätschaften sind für das Verständnis des Handwerks zentral, hier manifestieren sich Kulturtechniken und Verfahren des Bearbeitens und Formens von Material.

In jedem Stockwerk des Werkstattflügels des Bauhausgebäudes existierte ein eigenständiges Materiallager. Darauf nimmt das Materiallager in der Ausstellung Bezug.

Neben Objekten zur Materiallehre, die über die Bedeutung des Materialwissens im Vorkurs erzählen, Proben moderner Materialien, die in den Werkstätten zum Einsatz kamen, sind auch Unterrichtsaufzeichnungen aus den Werkstätten zum Fach Materialkunde zu sehen.

 

Objektbiografien

In diesem Kapitel werden unterschiedliche öffentliche Karrieren der am Bauhaus hergestellten Gebrauchsgüter vorgestellt. Ihre Entwicklungswege hin zum Prototypen, Bestseller, Patent oder Alltagsgegenstand erzählen von den institutionellen, kulturellen und ökonomischen Kontexten, in die diese Objekte integriert waren und die deren Produktkarrieren definierten.

Begleitprogramm zur Ausstellung

Handarbeit ist in fast jeder menschlichen Aktivität am Werk: ob beim Kochen, Stricken, Reparieren, Gärtnern, Bücherschreiben oder Bauen. Schließlich ist jeder ein Handwerker: Unterschiede zwischen Hoch- und Populärkultur, zwischen Experte und Amateur, zwischen Kopf- und Handarbeit sind aufgehoben. Von dieser demokratischen Überzeugung hatte sich das historische Bauhaus schon leiten lassen. Und so ist das Begleitprogramm als Makerspace für zeitgemäße Experimente, Debatten und Entdeckungen zum und über das Selbermachen angelegt. Besucher aller Altersgruppen und Kulturen sind eingeladen, für sich das Handwerkeln zu entdecken, zu tüfteln, zu forschen und zu debattieren. Alle Formate finden im Makerspace statt und sind somit unmittelbar in den Ausstellungsbereich eingebunden.

Das Vermittlungsprogramm ist eine Kooperation mit den Bauhaus Agenten, gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes.

Katalogwerk

Gestalten Sie Ihren Ausstellungskatalog

täglich 10 – 17 Uhr

Ausstellen ist Handwerk: Aus einer Materialfülle formt sich eine Erzählung mit und über Objekte. Der Makerspace der Ausstellung lädt Besucher jeden Alters ein, eine eigene Ausstellungserzählung herzustellen und so die Handwerksschau weiter zu stricken. Zur individuellen Gestaltung gibt es Schnittmuster und Themenblätter mit Anregungen, gezielten Fragestellungen, Materialproben und historischen Dokumenten. Die Kontroversen der Bauhäusler um das Handwerk werden so ergänzt durch die Erfahrungen und Positionen der Besucher.

Klassenraum der Objekte

Gesprächsreihe mit Experten und Praktikern

Donnerstag, 20. April, 18. Mai, 22. Juni, 20. Juli, 21. September 2017
17.00 – 18.30 Uhr

Was erzählen die Sammlungen präkolumbischer Textilien über die Weberei am Bauhaus? Warum veröffentlicht Marcel Breuer zur Eröffnung des Bauhausgebäudes einen Filmstreifen vom afrikanischen Stuhl zur Luftsäule? Ausstellungsexponate sind besondere Dinge, die vor allem deswegen gesammelt und ausgestellt werden, weil sie Manifestationen von Praktiken, Materialien, Ökonomien und kulturellen Bedeutungen sind. In Ausstellungen werden sie im Dialog mit anderen Gegenständen zum Sprechen gebracht. Im Makerspace wollen wir mit ausgewählten Dingen der Ausstellung  ins Gespräch kommen, mit Designhistorikern, Praktikern und Besuchern ihre Fabrikation, Form, Materialität ebenso studieren wie den Kontext, der sie hervorbrachte und in den sie intervenierten.

Mit den Meistern im Gespräch

Schmuckdesignerin Erika Schäfter zu Gast

Sonntag, 21. Mai 2017, Int. Museumstag 13 – 15 Uhr

Die Leipziger Schmuckdesignerin Erika Schäfter zeigt beim Schauschmieden, wie Silber und andere Metalle verformt, gestempelt und bearbeitet werden können. Die Gestalterin ging von 1955 – 1958 als erster Lehrling nach dem Krieg in die Lehre bei Alfred Schäfter, Werkstattmeister am Bauhaus Dessau. Im Anschluss findet ein Gespräch mit dem Archivleiter Lutz Schöbe statt.

 

Textilgestalterin Elke Wolf zu Gast

Sonntag, 10. Sep 2017, Tag des offenen Denkmals 13 – 15 Uhr

Die Textilgestalterin Elke Wolf aus Plauen hat sich intensiv mit der Weberei am Bauhaus beschäftigt. Sie wird ihr Wissen in einem Gespräch mit dem Leiter der Sammlung Wolfgang Thöner und dem Archivleiter Lutz Schöbe weitergeben und Besucher zu einem Schauweben an einem originalen Flachwebstuhl einladen.

Eintritt frei

Machen macht Meister

Offene Werkstatt für Kinder und Jugendliche 8 – 14 Jahre

jeden Mittwoch (Schulferien ausgenommen) 16 – 18 Uhr

Ob mit oder ohne Vorkenntnisse: In der Offenen Werkstatt findet jeder einen Platz! Wir nehmen uns die Bauhäusler und ihr Interesse an handwerklichen Experimenten und der Erkundung von Materialien zum Vorbild für unser eigenes Arbeiten in der Werkstatt. Von hier aus gestalten wir Textilien, führen Materialexperimente mit Kaugummi & Co durch und üben uns in der Produktion von Video- und Audioarbeiten. Als Experten werden wir professionelle Handwerker von nah und fern zu uns einladen, von ihnen lernen und mit ihnen neue Wege des Handwerkens erfinden.

Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich

Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus
13. April 2017 – 7. Januar 2018
Bauhaus Dessau