Erst am Bauhaus kam Florence Henri mit der Fotografie in Berührung. Dass sie, zurück in Paris, ihren Lebensunterhalt mit einem eigenen Fotostudio verdienen würde, war für die Malerin Neuland. In ihren Fotos erweiterte Henri die Perspektiven durch Spiegelungen, Überschneidungen und Durchdringungen.

Portrait Florence Henri, en face, Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Portrait Florence Henri, en face, Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Florence Henri wurde am 28. Juni 1893 als Kind eines Franzosen und einer Deutschen in New York geboren. Nach dem Tod ihrer Mutter 1895 zog sie mit dem Vater erst zur Familie der Mutter nach Schlesien; danach lebten sie in Paris, München und Wien bis sie sich schließlich 1906 auf der englischen Isle of Wright niederließen. Nach dem Tod ihres Vaters drei Jahre später lebte Florence Henri bei ihrer Tante Anni und deren Mann, dem italienischen Dichter Gino Gori, der in engem Kontakt zu den italienischen Futuristen stand, in Rom. Hier studierte sie am Musikkonservatorium Klavier.

Portrait Florence Henri, Dessau, 'profil' Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Portrait Florence Henri, Dessau, 'profil' Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Während eines Aufenthaltes in Berlin begann sich Henri, nachdem sie den Kunstkritiker Carl Einstein und durch ihn Herwarth Walden und Berliner Künstler kennengelernt hatte, auf die Malerei zu konzentrieren. 1914 immatrikulierte sie sich an der Berliner Kunstakademie und ließ sich zudem – ab 1922 – im Atelier des Malers Johannes Walter-Kurau ausbilden. Bis zu ihrer Reise nach Dessau studierte Henri Malerei bei den Puristen Fernand Léger und Amédée Ozenfant an der Pariser Académie Moderne. Im April 1927 erreichte Florence Henri das Bauhaus in Dessau. Zuvor hatte sie bereits die Bauhaus-Künstler Georg Muche und László Moholy-Nagy kennengelernt und eine Leidenschaft für Marcel Breuers Stahlrohrmöbel entwickelt. Bis Juli 1927 besuchte Henri den Vorkurs unter der Leitung von Moholy-Nagy, wohnte bei dem ungarischen Künstler und schloss eine enge Verbindung zu dessen erster Frau Lucia Moholy, die sie schließlich zur Fotografie animierte. Von den Moholy-Nagys lernte Henri technische und visuelle Grundprinzipien des Mediums kennen, die sie anschließend an ihren Aufenthalt auf erste fotografische Experimente anwendet. Anfang 1928 gab Henri die Malerei vollends auf und konzentrierte sich ab diesem Zeitpunkt auf die Fotografie, mit der sie sich – trotz Autodidaktik – als professionelle, selbständig Fotografin mit eigenem Studio in Paris etablieren sollte. 

 

Portrait Florence Henri, Dessau, 'rückblick kurz' Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Portrait Florence Henri, Dessau, 'rückblick kurz' Foto: Lucia Moholy, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Bereits in diesem ersten produktiven Jahr als Fotografin publizierte u.a. László Moholy-Nagy eines ihrer außergewöhnlichen Selbstbildnisse sowie ein Stillleben mit Kugeln, Reifen und Spiegel in "i10. Internationale revue". Die erste Foto-Kritik, die Moholy-Nagy als Begleittext verfasste, erkannte in Henris Bildern eine wesentliche Erweiterung der ganzen "problematik der manuellen malerei", in der "spiegelungen und räumliche beziehungen, überschneidungen, durchdringungen unter einem neuen perspektivischen aspekt untersucht" werden.

Mit der Besatzung der Nazis nahm Henris fotografisches Schaffen spürbar ab; die benötigten Fotomaterialien waren nur noch schwer aufzutreiben und unter der Besatzung der Nazis war das Fotografieren in Henris Art und Weise ohnehin untersagt. Henri wandte sich wieder verstärkt der Malerei zu. Der Höhepunkt ihrer einzigartigen Fotografieexperimente und der professionalisierten Fotografie befindet sich jedoch, mit wenigen späteren Ausnahmen, um 1927 bis 1930.

Florence Henri am Bauhaus in Dessau (v.l. El Muche, Lou Scheper-Berkenkamp, Florence Henri, Irene Bayer?), Foto: unbekannt, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin.
Florence Henri am Bauhaus in Dessau (v.l. El Muche, Lou Scheper-Berkenkamp, Florence Henri, Irene Bayer?), Foto: unbekannt, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin.

Bereits in den Fünfziger Jahren wurden Henris Fotografien der Dreißiger Jahre als Ikonen der Avantgarde zelebriert. In Einzelausstellungen und diversen Veröffentlichungen in mehreren Zeitschriften, darunter der N-Z Wochenschau, wird noch zu Lebzeiten ihr fotografisches Werk anerkannt. Henri realisiert auch in dieser Zeit Foto-Arbeiten, wie die Serie der Tänzerin Rosella Hightower. Am 24. Juli 1982 stirbt Florence Henri in Compiègne.

Literatur:
Brief von Florence Henri an Lou Scheper-Berkenkamp, 11.2.1928, Paris, Nachlass Scheper, Berlin.
Dupont, Diana (1990): Florence Henri. Artist-Photographer of the Avant-Garde, San Francisco.
Hôtel des Arts & Giovanni Battista Martini (2010: Florence Henri. Parcours dans la Modernité – Peinture / Photographie 1918 > 1979, Toulon.
Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf (2011): Die andere Seite des Mondes. Künstlerinnen der Avantgarde, Köln.
Moholy-Nagy, László (1928): zu den fotografien von florence henri, in: i10 internationale revue, Heft 17-18, Jg. XII, S. 117.
Molderings, Herbert (2008): Florence Henri. Der 'Esprit Nouveau' in der Fotografie, in: Molderings, Herbert (2008): Die Moderne der Fotografie, Hamburg.