Lilly Reich war die Frau hinter Mies. Gemeinsam entwickelten sie die Innenausstattung für den Barcelona Pavillon und das Haus Tugendhat. Heute zählen die Bauten zu den Hauptwerken der modernen Architektur. Reich wurde als Leiterin der Ausbauwerkstatt ab 1932 die zweite offizielle Bauhausmeisterin.

Portrait Lilly Reich, Foto: Ernst Louis Beck, 1933. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.
Portrait Lilly Reich, Foto: Ernst Louis Beck, 1933. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.

Nach einer Ausbildung zur Kurbelstickerin begann Lilly Reich 1908 eine Arbeit in der Wiener Werkstätte bei Josef Hoffmann. 1911 kehrte sie nach Berlin zurück und lernte Anna und Hermann Muthesius kennen. 1912 wurde sie Mitglied und 1920 die erste Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes. Zudem war sie Mitglied der Freien Gruppe für Farbkunst des DWB (Deutscher Werkbund). 1914 beteiligte sie sich an der Ausstattung des „Hauses der Frau“ auf der Kölner Werkbundausstellung. Bis 1924 führte sie ein Atelier für Innenraumgestaltung, Dekorationskunst und Mode in Berlin. Im selben Jahr reiste sie zusammen mit Ferdinand Kramer nach England und Holland zur Besichtigung neuer Siedlungen. Danach führte sie bis 1926 ein Atelier für Ausstellungsgestaltung und Mode in Frankfurt am Main und war als Ausstellungsgestalterin in der Werkbundkommission des Frankfurter Messeamtes tätig.

Haus Tugendhat, Brünn, Wohn- und Arbeitsraum im Erdgeschoss, mit Trennwand aus goldgelbem und weißem Onyx, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich, 1929. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Haus Tugendhat, Brünn, Wohn- und Arbeitsraum im Erdgeschoss, mit Trennwand aus goldgelbem und weißem Onyx, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich, 1929. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

1926 begegnete sie Ludwig Mies van der Rohe und arbeitete u. a. im Rahmen der Stuttgarter Werkbundausstellung eng mit ihm zusammen (Gestaltung einer Wohnung). 1927 bezog sie ein Atelier und eine Wohnung in Berlin. Mitte 1928 wurden Mies van der Rohe und Reich wohl vor allem aufgrund des großen Erfolgs der Stuttgarter Werkbundausstellung mit der künstlerischen Leitung der deutschen Abteilung der Weltausstellung 1929 in Barcelona beauftragt. Sie gestalteten auch hier einige Ausstellungsbereiche gemeinsam. Ende 1928 begann Mies van der Rohe mit dem Entwurf für Haus Tugendhat im tschechischen Brünn, das 1930 fertiggestellt wurde und neben dem Barcelona-Pavillon ebenfalls als eines der Hauptwerke der modernen Architektur gilt. Die Innenausstattung entstand in Zusammenarbeit mit Lilly Reich.

Pavillon des Deutschen Reiches auf der Internationalen Ausstellung Barcelona, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe / Foto: Berliner Bildbericht, 1929. Stiftung Bauhaus Dessau / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Pavillon des Deutschen Reiches auf der Internationalen Ausstellung Barcelona, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe / Foto: Berliner Bildbericht, 1929. Stiftung Bauhaus Dessau / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

1932 bekleidete Lilly Reich eine leitende Position am Bauhaus Dessau und Bauhaus Berlin. Im Januar 1932 berief sie der dritte Bauhaus-Direktor Ludwig Mies van der Rohe zur Leiterin der Bau-/Ausbauabteilung und der Weberei am Bauhaus Dessau und später am Bauhaus Berlin, wo sie bis Dezember 1932 tätig war.

1934 beteiligte sie sich an der Gestaltung der Ausstellung „Deutsches Volk − Deutsche Arbeit” in Berlin. Zusammen mit Ludwig Mies van der Rohe erhielt sie 1937 den Auftrag zur Gestaltung der Reichsausstellung der Deutschen Textil- und Bekleidungswirtschaft in Berlin, die dann als Abteilung Textilindustrie im deutschen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 zu sehen war. 1939 reiste sie nach Chicago und besuchte dort Mies van der Rohe. Nach der Rückkehr nach Deutschland wurde sie bei der Organisation Todt (OT) dienstverpflichtet. Nach dem Krieg lehrte sie 1945–1946 Raumgestaltung und Gebäudelehre an der Hochschule für Bildende Künste, Berlin. Bis zu ihrem Tod führte sie ihr Atelier für Architektur, Design, Textilien und Mode in Berlin.

 

Haus Lange, Ansicht Nordosten, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich, 1930. Foto: Wilhelm Niemann / © Berliner Bild-Bericht.
Haus Lange, Ansicht Nordosten, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich, 1930. Foto: Wilhelm Niemann / © Berliner Bild-Bericht.

Literatur:
Bauhaus-Archiv Berlin (2003): Bauhaus-Möbel. Eine Legende wird besichtigt, Berlin.
Dörhöfer, Kerstin (2004): Pionierinnen in der Architektur. Eine Baugeschichte der Moderne, Tübingen.
Fiell, Charlotte und Peter (2012): Design des 20. Jahrhunderts, Köln, S. 599.
Günther, Sonja (1988): Lilly Reich 1885–1947, Stuttgart
Günther, Sonja (2002): Die Innenarchitektin, Designerin und Ausstellungsgestalterin Lilly Reich, in: Jürgs, Britta (Hg.): Vom Salzstreuer bis zum Automobil: Designerinnen, Berlin.
Lange, Christiane (2006): Ludwig Mies van der Rohe und Lilly Reich. Möbel und Räume, Ostfildern.
McQuaid, Mathilda (1996): Lilly Reich, designer and architect. Department of Architecture and Design, New York.
Nerdinger, Winfried (1993): Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus, München.