Was kaum jemand über Otti Berger weiß: Sie leitete die Weberei nach Gunta Stölzls Weggang vom Bauhaus interimsmäßig. Da sie keine anständige Anstellung bekam, eröffnete sie ihr eigenes „Textil-Atelier“ in Berlin. Als Jüdin verbot man Otti Berger bald die Arbeit. 1944 starb sie in Auschwitz.

Portrait Otti Berger, Foto: Lucia Moholy, Dessau 1927–1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Portrait Otti Berger, Foto: Lucia Moholy, Dessau 1927–1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Otti Berger war eine kroatische Designerin, deren künstlerisches und kreatives Potential größtenteils durch die Weberei am Bauhaus geformt wurde. Sie wurde 1898 in Zmajevac geboren, in der Region Baranya, die zu diesem Zeitpunkt Teil von Österreich-Ungarn war. Da Zmajevac in einigen Dokumenten unter seinem ungarischen Namen Vörösmart gelistet wird, wird Berger oft als ungarische Künstlerin bezeichnet. 

Nachdem sie die höhere Mädchenschule in Wien beendet hatte immatrikulierte sie sich in der Königlichen Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Zagreb, die sie von 1922 bis 1926 besuchte. Im Anschluss daran ging sie ans Bauhaus in Dessau. Anfang 1927 schrieb sie sich offiziell in den Vorkurs unter der Leitung von László Moholy-Nagy ein und nahm am Unterricht von Paul Klee und Wassily Kandinsky teil. Danach ging sie in die Werkstatt für Weberei, in der sie 1930 ihren Abschluss erlangte. Im Herbst 1931 übernahm sie, auf Empfehlung der Meisterin der Weberei-Werkstatt Gunta Stölzl, die Leitung der Klasse. Obwohl Otti Berger die Weberei unabhängig leitete und alle pädagogischen, produzierenden und praktischen Bereiche des Lehrprogramms ausführte, wurde sie nie offilziell angestellt. Der neue Direktor des Bauhauses, Mies van der Rohe, betraute die Designerin Lilly Reich mit dem Management der Werkstatt für Weberei, während Otti Berger ihre Stellvertreterin wurde. Basierend auf eigenen Erfahrungen als Bauhaus-Studentin und mit ihrem Fachwissen über die Industrie entwickelte Berger – im Verlauf ihrer Arbeit mit den Studenten – als erfahrende Textildesignerin einen eigenen Stundenplan. 1932 verließ sie das Bauhaus und eröffnete ihr eigenes Textil-Atelier“ in Berlin und baute erfolgreich Kooperationen mit zahlreichen Textilunternehmen auf, die auf Bergers Ideen basierende Materialien produzierten. 1936 bekam sie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung Arbeitsverbot in Deutschland; sie war gezwungen ihr Geschäft zu schließen.

Tasttafel aus Fäden, Autor: Otti Berger, 1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.
Tasttafel aus Fäden, Autor: Otti Berger, 1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.

Während dieser Zeit hatte die Mehrheit der Bauhaus-Professoren, darunter Otti Bergers Verlobter Ludwig Hilberseimer, Visa erwirken und nach Amerika emigrieren können. Auf Einladung László Moholy-Nagys an das New Bauhaus in Chicago im Jahr 1938 versuchte Otti Berger dasselbe. Während sie nach Arbeit suchte und auf ihr Visum wartete verbrachte sie mehrere kurze Aufenthalte in London. Die Krankheit der Mutter und die erfolglose Arbeitssuche in England (sie sprach kein Englisch, hatte Hördefizite und keine Freunde vor Ort, da sie für die Engländer als Deutsche galt) kam sie 1938 zurück nach Zmajevac. Im April 1944 wurde sie zusammen mit ihrer Familie nach Auschwitz deportiert und starb hier.

Literatur:
Droste, Magdalena & Manfred Ludewig (1998): Das Bauhaus webt. Die Textilwerkstatt des Bauhauses, Berlin.
Radewaldt, Ingrid (2009): Otti Berger, in: Müller, Ulrike (Hg.): Bauhaus-Frauen. Meisterinnen in Kunst, Handwerk und Design, München, S. 6267.
von Lucadou, Barbara (1986): Otti Berger. Stoffe für die Zukunft, in: Wechselwirkungen Ungarische Avantgarde in der Weimarer Republik, Marburg, S. 301–303.
Wortmann-Weltge, Sigrid (1993): Bauhaus-Textilien, Kunst und Künstlerinnen der Webwerkstatt, Schaffhausen.