Architekt, Spielzeugdesigner, Bühnenausstatter – Franz Singer hatte viele berufliche Gesichter. Gemeinsam mit Friedl Dicker modernisierte Singer die Wiener Wohnzimmer und Kindergärten. Singers Biografie ist privat wie beruflich direkt verwoben mit der Lebensgeschichte Friedl Dickers.

Portrait Franz Singer / Foto: Lotte Meitner-Graf, um 1934–1940. Bauhaus-Archiv Berlin / © Anne Meitner.
Portrait Franz Singer / Foto: Lotte Meitner-Graf, um 1934–1940. Bauhaus-Archiv Berlin / © Anne Meitner.

Franz Singer wurde am 8. Februar 1896 in Wien geboren. Singers zeichnerisches Talent wurde schon früh erkannt und mit dem Eintritt in die Wiener Kunstgewerbeschule im Alter von gerade einmal 9 Jahren gefördert. Hier besuchte er einen Kinderzeichenkurs bei Alfred Roller (1905–1906), danach war er von 1914 bis 1915 Schüler bei dem Maler Felix Albrecht Harta in Wien. Darauf folgten zwei Jahre Militärdienst, während dem er ein Philosophiestudium aufnahm (1916–1919). 1916 bis 1919 stellte der junge Künstler auf der Wiener Kunstschau aus. Ab 1917 – parallel zum Philosophiestudium – ließ er sich an der Kunstgewerbeschule von Johannes Itten unterrichten. Hier lernte er seine langjährige Lebens- und Arbeitsgefährtin Friedl Dicker kennen.

Kostüm der Porcia (Kaufmann von Venedig), präsentiert durch Sibylle Binder für Aufführung am Deutschen Theater Berlin, Entwurf: Friedl Dicker, Franz Singer / Foto: Wanda von Debschitz-Kunowski, 1924–1925. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Debschitz).
Kostüm der Porcia (Kaufmann von Venedig), präsentiert durch Sibylle Binder für Aufführung am Deutschen Theater Berlin, Entwurf: Friedl Dicker, Franz Singer / Foto: Wanda von Debschitz-Kunowski, 1924–1925. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Debschitz).

Als Johannes Itten 1919 an das neu gegründete Bauhaus in Weimar berufen wurde, gingen Singer und Dicker kurzerhand mit ihm. Trotz privater Beziehung zu Friedl Dicker, heiratete Singer 1921 die Sängerin Emmy Heim, die er womöglich auf ihrem Singeabend zu Weihnachten 1919 im Bauhaus kennenlernte. Bis 1923 studierte Singer am Bauhaus, doch bereits ab 1920 arbeitete der Bauhäusler als Bühnenausstatter gemeinsam mit Friedl Dicker für die Schauspielhäuser Dresden und Berlin. 1923 gründeten Singer und Dicker die „Werkstätten Bildender Kunst“ in Berlin. Bis 1926 entwarfen sie gemeinsam Inneneinrichtungen, kunsthandwerkliche Objekte und Bühnenausstattungen.

Entwurf zu einem Plakat
Entwurf zu einem Plakat "Werkstätten bildender Kunst G.m.b.H.", Entwurf: Friedl Dicker (?), o.D. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.

Nachdem die beiden nach Wien zurückgegangen waren, eröffneten sie 1925 das Architekturbüro „Atelier Singer – Dicker“ in der 9. Wasserburggasse 2 in Wien; bis 1931 bestand diese Zusammenarbeit, während der die ehemaligen Bauhäusler zahlreiche Wohnungseinrichtungen, Möbel und Textilien entwarfen und anfertigten sowie einige Bauten ausführten. Zudem engagierten sich Singer-Dicker mehrmals im Auftrag des Wiener Sozialprogramms, beispielsweise mit der Ausstattung von Kindergärten und bei der Mitarbeit an dem Projekt „Jugend am Werk“, dessen Ziel die Resozialisierung von Jugendlichen war. Künstlerisch und intellektuell verankert, befanden sich Singer und Dicker im Künstlerkreis um Hans Moller, Adolf Loos und Max Ermers. Schon 1927 erhielt Singer eine Auszeichnung auf der „Juryfreien Kunstschau Berlin“; 1929 eine weitere Prämierung auf der Ausstellung „Moderne Inneneinrichtungen“ in Wien. Friedl Dicker gab 1930 die Zusammenarbeit mit Singer nach einer Reihe privater Konflikte auf und Singer führte das Atelier vorerst allein weiter.

Städtischer Kindergarten Goethehof, Wien II, Schüttaustraße, Axonometrie
Städtischer Kindergarten Goethehof, Wien II, Schüttaustraße, Axonometrie "Gang: Garderobe, Sammel-und Schlafraum", Entwurf: Franz Singer / Mitarbeit: Friedl Dicker / Foto: Pfitzner-Haus, 1932. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Pfitzner).

Zwischen 1931 und 1938 war Singer als freier Architekt in Wien tätig. Nachdem sein Architekturbüro mit dem „Anschluss“ Österreichs 1938 zwangsaufgelöst wurde, blieb Singer in England, wo er bereits seit 1934 unter anderem als Konsulent für den John Lewis Konzern und als freier Architekt (in Kooperation mit Hans Biehl, später mit Hedy Schwarz-Abraham) gearbeitet hatte. Vorübergehend wurde er hier interniert. Von 1938 bis 1954 war Singer freiberuflicher Architekt und arbeitete für das Unternehmen Nursery Furniture Blackboard & Toy Cupboard in London – nach dem Zweiten Weltkrieg nahm Singer seine in Kooperation mit Friedl Dicker in Wien begonnene Arbeit als Spielzeugdesigner und Gestalter kindgerechter Möbel wieder auf.

Beschäftigungsraum als Ruheraum mit Kindern auf Schlafpritschen, Entwurf: Franz Singer / Mitarbeit: Friedl Dicker / Foto: Pfitzner-Haus, 1932. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Pfitzner).
Beschäftigungsraum als Ruheraum mit Kindern auf Schlafpritschen, Entwurf: Franz Singer / Mitarbeit: Friedl Dicker / Foto: Pfitzner-Haus, 1932. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Pfitzner).

Anfang der 1950er-Jahre kehrte Singer kurzzeitig nach Salzburg und später nach Berlin zurück. Am 5. Oktober 1954 starb Franz Singer in Berlin.

Städtischer Kindergarten Goethehof, Wien II, Schüttaustraße, Beschäftigungsraum mit Klapptisch, Stapelstühlen und hoch gestellten Liegen, Entwurf: Franz Singer / Mitarbeit: Friedl Dicker / Foto: Pfitzner-Haus, 1932. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Pfitzner).
Städtischer Kindergarten Goethehof, Wien II, Schüttaustraße, Beschäftigungsraum mit Klapptisch, Stapelstühlen und hoch gestellten Liegen, Entwurf: Franz Singer / Mitarbeit: Friedl Dicker / Foto: Pfitzner-Haus, 1932. Bauhaus-Archiv Berlin / © Daniela Singer (Singer) / unbekannt (Dicker, Pfitzner).

Literatur:
Blauensteiner, C. (1989): Das moderne Wohnprinzip, zur Ausstellung Franz Singer – Friedl Dicker, in: Bauforum, Heft 22, S. 11f.
Holzbauer, Wilhelm (1989): Franz Singer – Friedl Dicker, Wien.
Makarova, Elena (1999): Friedl Dicker-Brandeis, Wien/München.
Prokop, Ursula: Franz Singer, Architektenlexikon. Wien 17701945, Architekturzentrum Wien, http://www.architektenlexikon.at/de/723.htm (06.06.2016).
Wilberg-Vignau, Peter (1970): Friedl Dicker, Franz Singer, Darmstadt.