Irena Blühová zählt neben Albert Hennig, Erich Comeriner und Judit Kárász zu den wenigen Studenten am Bauhaus, die sich mit der Sozialfotografie beschäftigten. Die Slowakin hatte bereits vor ihrem Studium in Dessau begonnen, einen kritischen Blick auf das Leben ihrer Mitmenschen zu werfen.

Portrait Irena Blühová, Bratislava, Foto: Hilde Hubbuch, 1932, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin.
Portrait Irena Blühová, Bratislava, Foto: Hilde Hubbuch, 1932, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin.

Irena Blühová wurde am 2. März 1904 in Považská Bystrica (Slowakei) geboren. Von 1914 bis 1918 besuchte die Jugendliche die Höhere Töchterschule und das Gymnasium in Trenčín. Mit 14 Jahren begann sie als Aushilfssekretärin in einem Notariat zu arbeiten; vier Jahre später wurde sie Bankangestellte (1920-1929). Während dieser Zeit begann Blühová sich politisch zu engagieren. Von 1922 bis 1926 studierte die junge Frau neben ihrer regulären Arbeit in der Bank am Realgymnasium in Bratislava. Sie wandte sich nun auch der Fotografie zu; erste touristische Fotos entstanden und Blühová begann die Zyklen „Kysuca – Kysuca“, „Kinder und Kinderarbeit“, „Kretinismus und seine Ursachen“ sowie „Auf dem Markt“: Sozialstudien, die den Anfang ihres künstlerischen Umgangs mit der Fotografie kennzeichnen. 1927 entstanden weitere Foto-Zyklen, die die „Jahrmärkte im Waagtal“, „Wegekreuze hinterm Dorf“ und „Korbflechter“ thematisierten; ein Jahr darauf folgen die Zyklen „Saisonarbeiter“ und „Auch so lässt's sich leben“. 1929 wurden ihre Zyklen „Fischer“ und „Italien“ in Zeitschriften publiziert.

Kindergruppe, Foto: Irena Blühová, 1929. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.
Kindergruppe, Foto: Irena Blühová, 1929. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.

1931 beschloss Irena Blühová, ein Studium am Bauhaus in Dessau aufzunehmen. Aus einem Artikel von Ilja Ehrenburg in der Frankfurter Zeitung (Mai 1927) erfuhr sie vom Bauhaus und dessen Spezialisierung auf Architektur und Typografie/Fotografie/Reklame. Blühová besuchte nach dem Vorkurs bei Josef Albers, Joost Schmidts Druck- und Reklamewerkstatt sowie die Fotoklasse unter der Leitung von Walter Peterhans. Nach ihrem Studium – so ihr lang gehegter Wunsch –wollte sie als Fotopublizistin ihr Geld verdienen. Von den typografischen Entwürfen, die Blühová während ihrer Zeit am Bauhaus anfertigte, ist heute kein einziger erhalten, doch sind einige fotografische Studienarbeiten u.a. im Berliner Bauhaus-Archiv aufbewahrt. Als Blühová ans Bauhaus in Dessau kam, eröffneten sich ihr zwei konträre Welten: Auf der einen Seite das weltoffene, avantgardistische Bauhaus, auf der Anderen Arbeiter aus den Junkers-Werken, in deren Wohnsiedlung die Studentin eine Mansarde bezog. Blühovás Hang zur Sozialfotografie, wie sie neben ihr nur wenige Andere am Bauhaus betrieben (z.B. Erich Comeriner, Albert Hennig und Judit Kárász), professionalisierte sich. Während sie vor ihrer Zeit am Bauhaus mit urteilsfreiem Blick mal eine Schar Kinder, mal eine alte Frau, mal eine Bauernfamilie oder ein Bettlerehepaar mit der Fotolinse fokussierte, konzentrierte sich Blühová am Bauhaus auf die Portraitaufnahme – wohl ein Einfluss des Lehrers Peterhans. Das gelungenste dieser Beispiele ist das Bildnis einer „Bedienerin am Bauhaus“ (einer Putzfrau). 1932 verließ Irena Blühová das Bauhaus.

Alte Frau im Dorf, Foto: Irena Blühová, 1930. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.
Alte Frau im Dorf, Foto: Irena Blühová, 1930. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.

1933 bis 1941 führte Blühová das Buchgeschäft Blüh in Bratislava und gründete die Gruppe Sociofoto. Mit dem Architekten Fridrich Weinwurm und dem Schauspieler Andrej Bagar initiierte sie 1933 die Agitprop-Theatergruppe „Dielňa-Werkstatt-Mühely“. 1934 organisierte Blühová eine Ausstellung für die Gruppe Sociofoto im Palais Pálffy in Bratislava. 1935 benutzte John Heartfield eine ihrer Aufnahmen für den Buchumschlagsentwurf der deutschen Ausgabe von Peter Jilemnickýs Roman „Brachland“. Die ehemalige Bauhäuslerin fotografierte nun zu den Themen „Leben und Arbeit der Sennerinnen“ und „Tabakzüchterinnen“.

Zur gleichen Zeit als Blühová vom Bauhaus wegging, verpflichtete die Bratislavaer Kunstgewerbeschule den Architekten Zdeněk Rossman, der mit seiner Frau Maria Doleželová direkt vom Bauhaus kam, als Lehrer für Typografie. Kurze Zeit darauf entstand auch hier eine fotografische Abteilung unter der Leitung von Jaromír Funke – einem der bedeutendsten tschechischen Avantgarde-Fotografen. Blühová war bekannt mit den Rossmanns und Funke durch das gemeinsame Interesse an der sozialen Fotografie. Als die avantgardistische Kunstgewerbeschule in Bratislava 1938 eine Filmabteilung unter der Leitung von Karol Plicka gründete, immatrikulierte sich Blühová für ein Studium (19381939).

 

„Bedienerin am Bauhaus“, Irena Blühová, 1931–1932, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.
„Bedienerin am Bauhaus“, Irena Blühová, 1931–1932, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin / © Zuzana Blüh, London.

Während der Kriegsjahre 1941 bis 1945 arbeitete Blühová in der illegalen antifaschistischen Bewegung. 1945 bis 1948 war sie Mitbegründerin und Leiterin des Verlags Pravda; gleichzeitig begann sie den fotografischen Zyklus „Persönlichkeiten“. 1948 wurde Irena Blühová Mutter von Zuzana. 1949 bis 1951 leitete sie die Genossenschaft „Volkstümliches Kunstgewerbe“; danach arbeitete Blühová im Staatlichen Pädagogischen Institut. 1955 gründete sie die Slowakische Pädagogische Bibliothek mit und leitete diese bis 1965. Während den Jahren 1954 bis 1957 studierte sie neben ihrer beruflichen Tätigkeit an der Pädagogischen Hochschule. 1959 arbeitete sie als Mitherausgeberin des Jugendbuches „Prvé kroky“ (Erste Schritte) (mit Krista Bendová). 1964 wurde Blühová der Orden für hervorragende Arbeit verliehen. 1966 gab sie das Buch „O jedno prosím“ (Um eins bitte ich) mit Elena Čepčeková heraus. Im Juni 1968 nahm Blühová an der internationalen Konferenz „Výtvarné avantgardy a dnešok“ (Avantgarde und Gegenwart) in Smolenice teil, die dem Bauhaus und der Kunstgewerbeschule Bratislava gewidmet war. 1971 wurde schließlich das Buch „O jedno prosím“ in Berlin auf deutsch unter dem Titel „Keine Nachricht für Katka“ veröffentlicht. Blühová nahm 1983 und 1986 am 3. und 4. Internationalen Bauhauskolloquium in Weimar teil. 1989 erhielt sie die Josef Sudek-Medaille zum 150. Jubiläum der Erfindung der Fotografie. Irena Blühová starb am 30. November 1991 in Bratislava.

 

[AG 2015]

Literatur:
Blühová, Irena (1969): Bauhaus: Wie es ein Student erlebte, in: ars, Heft 2.
Galerie am Sachsenplatz (1983). bauhaus 6, Teil 1. Irena Blühová und Albert Hennig, engagierte Fotografie vom Bauhaus bis heute: tschechoslowakische Fotografen 1900–1940, Leipzig.
Ketterer Kunst Hamburg: 'Die Fotografie zur Waffe zu schmieden'. Blühová, Sammlung von rund 48 Orig.-Schwarzweiß, http://www.the-saleroom.com/en-gb/auction-catalogues/ketterer/catalogue-id-ketter10002/lot-0d90b0a8-4ce8-4eb5-8549-a3f6010244bc, 09.06.2016.
Secklehner, Julia: Capturing the Ordinary? Irena Blühová and photographic modernism in Slovakia 1926–1936, The Courtauld Institute of Art, London, http://euroacademia.eu/wordpress/wp-content/uploads/2015/01/Julia_Secklehner_Irena_Blühová_and_Photographic_Modernism_in_Slovakia-.pdf, 09.06.2016. 
Škvarna, Dušan et al. (1991): Irena Blühová (Ireny Blühovej), Bratislava.