Selman Selmanagić war Bauhäusler durch und durch. Mit seinen Sitzmöbeln aus gepresstem Holzfurnier ermöglichte er durch biegsamere Armlehnen neues Sitzkomfort und Design. Bis zu seiner Pension 1970 lehrte er die Einheit von Kunst und Technik und die Ausprägung individueller Künstler im Kollektiv.

Bauhaus-Studierendenausweis von Selman Selmanagić, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin.
Bauhaus-Studierendenausweis von Selman Selmanagić, Reproduktion. Bauhaus-Archiv Berlin.

Im Jahr 1929 geriet Selman Selmanagić fast zufällig ans Dessauer Bauhaus. Auf seiner Bahnreise nach Berlin lernte er einen Deutschen kennen, der ihm das Bauhaus wärmstens empfahl und ihm die Adresse gab. Nach seiner Ankunft in der Hauptstadt ging Selmanagić zum jugoslawischen Konsul. Dieser unterstützte das Vorhaben und stellte ihm das notwendige Empfehlungsschreiben aus. Am Bauhaus angekommen, musste Selmanagić alles bisher Gelernte revidieren. Schnörkel und Holzdekore, die er als Tischler erlernt hatte, wurden als ungeliebte Überbleibsel vergangener Bauweisen verstanden.

Selmanagić studierte bis 1932 am Dessauer Bauhaus und schloss mit dem Bauhausdiplom Nr. 100 ab. Er blieb weiterhin am Bauhaus, siedelte 1933 nach Berlin mit um. Als das Bauhaus 1933 letztlich auf Druck der erstarkten nationalsozialistischen Politik in Berlin die Pforten schließen musste, arbeitete Selmanagić als Zeichner im Baubüro von Walter Gropius, bis es ihn ins Ausland zog. Im darauffolgenden Jahr war Selmanagić im Büro des Poelzig-Schülers Halil Sejfi in Konstantinopel tätig. Mit dem verdienten Geld begab er sich von hier aus auf eine Art Studienreise, die Selmanagić durch Griechenland, Syrien, Palästina, Jordanien, Ägypten und Italien führte. Wie die Architekten der Neuzeit auf ihren Studienreisen konzentrierte er sich auf die frühe Architektur der Perser, Griechen und Ägypter, aber ebenso sehr interessierte ihn die Entstehung der Religionen in und um Jerusalem, wo er sich schließlich als freier Architekt niederließ. Er entwarf Banken, Möbelfabriken, Wohnhäuser und richtete das von deutschen Emigranten frequentierte Café Tabor ein.

Schließlich kehrte Selmanagić 1939 nach Deutschland zurück. Während der Kriegszeit schloss er sich der deutschen Widerstandsbewegung an. Von nun an war es für ihn als Serbokroate und Moslem schwierig, in Berlin beruflich Fuß zu fassen. Egon Eiermann entließ ihn aus seinem Architekturbüro mit der Begründung, dass „neue Aufträge die Verwendung von Ausländern ausschließen.“ (Zeugnis von Egon Eiermann adressiert an Selman Selmanagić, 6.4.1939, Bauhaus-Archiv Berlin) Bei der Bauabteilung der Ufa entwarf Selmanagić bis 1941 den Bau und Umbau von Kinos. Bis Kriegsende entwarf Selmanagić keine Gebäude und konzentrierte sich auf Filmarchitektur. Auf diese Art und Weise wehrte er sich gegen die Bauweise der Nazis.

Nach Kriegsende wurde ein neuer Berliner Magistrat gegründet mit dem Architekten Hans Scharoun als Stadtrat für Bau- und Wohnungswesen. Selmanagić wurde von Scharoun zum Leiter des Referats Kultur- und Erholungsstätten ernannt – die Architekten kannten sich bereits aus der Berliner Widerstandgruppe und hatten hier erste Kontakte geknüpft. In seiner Position zeichnete Selmanagić unter anderem für den Wiederaufbau der Humboldt-Universität und den Entwurf des Walter-Ulbricht-Stadions (nicht erhalten) verantwortlich.

Gleichzeitig arbeitete Selmanagić als Ausstellungs- und Messearchitekt. In seinem Schaffen zeigte er sich innovativ, entwarf die ersten Sitzmöbel, die aus gepresstem Holzfurnier hergestellt wurden. Durch die Besonderheit des Materials waren nun Armlehnen biegsam und eröffneten neue Möglichkeiten hinsichtlich Bequemlichkeit und Design von Stuhlmobiliar.

1950 berief Mart Stam, Direktor der Kunsthochschule Weißensee und ehemaliger Bauhausmeister, Selman Selmanagić zum Professor für Architektur an die Berliner Kunstschule. Stam verfolgte zielstrebig die Bauhaustradition, industrieorientierte gestalterische Arbeiten zu produzieren. Wie einprägsam auch für Selmanagić die Bauhauszeit war, lässt sich im Studienplan der Kunsthochschule Berlin-Weißensee nachvollziehen, den Selmanagić entwarf. Bis zu seiner Pension im Jahr 1970 führte Selmanagić die Grundprinzipien des ersten Bauhausmanifests weiter: Eine Einheit von Kunst und Technik und die Ausprägung individueller Künstler im Kollektiv. 1956 entwarf Selmanagić den Anbau der Kunsthochschule an die ehemalige Trumpf-Schokoladenfabrik. Im Februar 2012 wurde das Herzstück dieses Gebäudes, die Aula, nach ihrer Renovierung wieder eröffnet.

Literatur:
Brief von Walter Gropius an Selman Selmanagić, Cambridge, Mass., 8. August 1966, Bauhaus-Archiv Berlin.
Hain, Simone (2005): Gegen die Diktatur des Auges, in: form + zweck, Heft 21, S. 7999.
Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Studienplan der Abteilung Architektur, Kopie im Bauhaus-Archiv Berlin.
Kunsthochschule Berlin, Beiträge 10, Selman Selmanagić, Festgabe zum 80. Geburtstag am 25. April 1985.
Selmanagić, Selman (1979): Selman Selmanagić über das Bauhaus, Aufzeichnung eines Gesprächs, in: form + werk, Heft 3, S. 67–68.
Zeugnis von Egon Eiermann an Selman Selmanagić, 6.4.1939, Bauhaus-Archiv Berlin.