Heute vor 88 Jahren begann die Bauhaus-Wanderausstellung 1929 im Basler Gewerbemuseum ihre Reise durch Mitteleuropa. Ihr Ziel: Propaganda für das Bauhaus Dessau.

Das Bauhaus-Schlafzimmer auf der Wanderschau des Bauhauses 1930
Das Bauhaus-Schlafzimmer auf der Wanderschau des Bauhauses 1930

Am 21. April 1929 eröffnete die Wanderausstellung „10 Jahre Bauhaus“ in Basel erstmals ihre Pforten. Sie hatte das Ziel, die Ideen des Bauhauses durch strategische Ausstellungen an mehreren Orten zu propagieren. Fortan reiste eine umfassende Auswahl an Objekten, Schautafeln und Konzeptpapieren unter wechselndem Titel durch das deutschsprachige Gebiet. Nach Basel gelangte die Wanderausstellung bis 1930 noch nach Breslau, Dessau, Essen, Mannheim und Zürich.

Thematisch beschäftigte sich die große Werk- und Konzeptschau sowohl mit dem theoretischen Ansatz des Bauhauses in den Gründungsjahren unter Walter Gropius als auch mit der Einführung organisatorischer Neuerungen durch den Wechsel zu Bauhaus-Direktor Nummer 2, den Schweizer Architekten Hannes Meyer.

Die letzte umfassende Werkschau des Bauhauses hatte noch sein Gründer Gropius organisiert, 1923 in Weimar. Mit ihr wollte er Zeugnis seiner Arbeit ablegen und die politisch Verantwortlichen motivieren, weiterhin in das Bauhaus zu investieren. Als erstes gemeinsames Projekt aller Werkstätten entstand in jener Zeit das Haus am Horn in Weimar (heute UNESCO-Kulturerbe).

 

Die Präsentation eines Laboratoriums

1929/1930 erfuhr das Publikum der Wanderausstellung, wie – bei Bewahrung des Gropius'schen Ansatzes – der Fokus der Vorlehre ausgeweitet und auf Wissenschaft und Kunst ausgerichtet wurde, wie natur- und geisteswissenschaftliche Fächer eingeführt und der Werkstattunterricht zusätzlich an Industrievorgaben ausgerichtet wurde. 

Unter Meyers Leitung verstand sich das Bauhaus zunehmend als ein „Laboratorium zur Durchbildung und Ausbildung brauchbarer Modelle, die die Industrie wesentlich verbilligt in Serie herstellen kann“ (Walter Dexel, Frankfurter Zeitung Nr. 209, 17. März 1928). Der neue Bauhausdirektor hatte die Werkstätten Metall, Tischlerei und Wandmalerei zu einer „Ausbauwerkstatt“ zusammengefasst, für die der eigens berufene Meister Alfred Arndt verantwortlich war. Ein weiteres Ziel war, Druck, plastische Gestaltung, Fotografie und Ausstellungswesen zu einer Werbe- bzw. Reklameabteilung zu vereinen. 

Meyer, der den sozialistischen Ideen jener Zeit offen zugetan war, wollte nicht nur für eine exklusive Käuferschicht produzieren, sondern nach der Devise „Volksbedarf statt Luxusbedarf“ einer großen Gruppe der Bevölkerung Zugang zu den Ideen des Bauhauses ermöglichen. Ein wichtiges Mittel, um dieses zu Erreichen, war die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit. Dazu berief er den ungarischen Journalisten und Schriftsteller Ernst Kállai zum Pressereferenten, um die Bauhauspropaganda methodisch auszubauen. Er ließ Informationsbroschüren „junge menschen kommt ans bauhaus“ drucken, die mehr Studierende an das Institut lockten, hielt viele Vorträge im In-und Ausland und initiierte jene Wanderausstellung, um die Ideen des Bauhauses publik zu machen.

 

Meyers Beitrag zum Mythos Bauhaus

In einem Briefwechsel mit den Direktoren der Städtischen Kunsthalle Mannheim, Fritz Wichert und Gustav Friedrich Hartlaub, die zu einer der fortschrittlichsten Kulturinstitutionen ihrer Zeit gehörte, beschreibt Bauhausdirektor Meyer das Ausstellungskonzept wie folgt: „die schau besteht aus einer vollständigen darlegung des schulischen aufbaues unseres instituts, d.h. es sind von den kursen der herren professoren kandinsky, klee, albers, schlemmer, joost schmidt usw. je eine folge charakteristischer unterrichtsblätter zusammengestellt, dazu praktische erzeugnisse der bauhauswerkstätten aus der neuesten zeit, letzteres versuche aus den gebieten der volkswohnung. das ganze beansprucht etwa 800 – 1000 qm Raum (ein eisenbahnwaggon ausstellungsgut).“

Wie Magdalena Droste bereits 1989 konstatierte, gehörte die große Wanderausstellung von 1929/1930 vielleicht zu den wichtigsten Impulsen, die das Meyer'sche Bauhaus für den späteren Mythos Bauhaus auszusenden vermochte. Bis zur großen Bauhausretrospektive im Jahre 1969 blieb sie zweifellos das umfassendste Porträt dieser widersprüchlichen und vielstimmigen Hochschule auf dem Boden jenes Landes, das sie ermöglichte und zugleich so leidenschaftlich bekämpfte.