Fast von Beginn an standen die Bauhäusler im Fadenkreuz reaktionärer Kräfte aller Couleur. Viele von ihnen waren sozialistischen Ideen aufgeschlossen, bedienten als Künstler eine Formensprache, die schon bald den Stempel „entartet“ tragen sollte, oder waren schlicht jüdischer Abstammung. So lässt sich erklären, warum viele von ihnen dem nationalsozialistischen Größenwahn zum Opfer fielen oder nach 1933 nur in Randnischen der Gesellschaft überlebten. Zu ihnen gehörten neben vielen anderen Otti Berger, Friedl Dicker und Franz Ehrlich. Anlässlich des heutigen Todestages von Otti Berger vor 73 Jahren am 27. April 1944 möchten wir ihrer mit diesem kurzen Abriss ihres Lebens und Wirkens gedenken.

Portrait Otti Berger, Bauhaus Dessau / Foto: Lucia Moholy, 1927–1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
Portrait Otti Berger, Bauhaus Dessau / Foto: Lucia Moholy, 1927–1928. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Schon 1919 folgte Friedl Dicker ihrem Kunstlehrer Johannes Itten von Wien ans neu gegründete Staatliche Bauhaus in Weimar. Ihre langjährige Freundin Lily Hildebrandt beschreibt sie als „von Einfällen übersprudelnd, mit Leichtigkeit und Improvisationstalent ausgestattet“. Ihre große Leidenschaft für Musik und Theater und das besondere „Talent, sich in eine Welt 'hinter dem Spiegel' der Darstellung zu vertiefen“ (Elena Makarova), verwandelte Dicker noch als Studentin in legendäre Bühnenbilder und Kostüme für Dessauer und Berliner Bühnen.

Nach ihrem erfolgreichen Studium gründete Dicker 1923 gemeinsam mit ihrem Partner Franz Singer in Berlin die „Werkstätten Bildender Kunst“, wo neben Theaterausstattungen auch Schmuck, Textil- und Buchbinderarbeiten entstanden. Kurz nachdem Dicker in ihre Heimatstadt Wien zurückkehrte, wo sie sich bald einen Namen als Innenarchitektin machen sollte, kam Otti Berger an das inzwischen nach Dessau umgezogene Bauhaus. 

Otti Berger, mit bürgerlichem Namen Otilija Ester Berger, besuchte als junge Frau von 1922 bis 1926 die Königliche Kunstakademie und Kunstgewerbeschule in Zagreb. Voller Begeisterung nahm sie in Dessau am Unterricht von Paul Klee und Wassily Kandinsky teil und schrieb sich in den Vorkurs von László Moholy-Nagy ein. Dieser ließ, um den Tastsinn seiner Schülerinnen zu sensibilisieren, von ihnen sogenannte „Tasttafeln“ anfertigen. Berger, die seit einer Erkrankung nahezu gehörlos war, war von der Übung begeistert.

Franz Ehrlich / Foto: unbekannt, um 1932. Stiftung Bauhaus Dessau, in: Galerie am Sachsenplatz (1980): Bauhaus 4, Franz Ehrlich - die frühen Jahre, Leipzig, S. 4.
Franz Ehrlich / Foto: unbekannt, um 1932. Stiftung Bauhaus Dessau, in: Galerie am Sachsenplatz (1980): Bauhaus 4, Franz Ehrlich - die frühen Jahre, Leipzig, S. 4.

Während Berger in die Werkstatt der Weberei wechselte, begann ein junger Maschinenschlosser sein Studium am Dessauer Bauhaus. Im Gegensatz zu seinen Kolleginnen hatte Franz Ehrlich zuvor kein Kunststudium absolviert, sondern als Maschinist und Heizer gearbeitet. Schon während seiner Ausbildung begann Ehrlich, gemeinsam mit Walter Gropius am Totaltheater-Projekt von Erwin Piscator zu arbeiten. Die Schwerpunkte seiner Arbeit lagen bis zu seinem Abschluss als Tischler jedoch mehrheitlich im Bereich plastische Gestaltung.

Verhinderte Talente

1931 – im gleichen Jahr, als Ehrlich zu Gropius nach Berlin wechselte und Friedl Dicker ihr eigenes Atelier in Wien eröffnete – wurde Otti Berger auf Empfehlung der Bauhausmeisterin Gunta Stölzl zur Leiterin der Weberei-Klasse ernannt. Fortan bereicherte sie das Bauhaus mit ihrem Fachwissen als erfahrene Textildesignerin. Dekorative Entwürfe lehnte sie ab, denn die Ästhetik von Motiv und Gewebe sollte eigenständig für sich sprechen. Mit dieser Maxime prägte sie maßgeblich die Entwicklung funktionaler und ästhetisch hochwertiger Industrietextilien.

Die Machtübernahme der Nationalsozialisten bereitete den Zukunftsplänen der drei vielversprechenden Bauhäusler ein jähes Ende. Schon ein Jahr nach der Schließung und anschließenden Selbstauflösung des Bauhauses in Berlin wurden sowohl Friedl Dicker als auch Franz Ehrlich wegen ihres kommunistischen Engagements verhaftet. Otti Berger, die 1932 ein eigenes „Textil-Atelier“ in Berlin gegründet hatte, erhielt 1936 endgültig ein Arbeitsverbot. László Moholy-Nagys Versuche, sie ans New Bauhaus in Chicago zu holen, scheiterten an der Visumsvergabe. 

Friedl Dicker, die 1936 aus der Haft entlassen wurde, ging ins Exil nach Prag. Zwei Jahre später verließ auch Otti Berger, die sich bis dahin mit Gelegenheitsjobs über Wasser zu halten versucht hatte, das nationalsozialistische Deutschland und zog sich in ihre kroatische Heimat zurück. 1939 wurde schließlich auch Franz Ehrlich aus dem KZ entlassen, blieb aber wegen Wehruntauglichkeit in den SS-Baubüros von Buchenwald und Berlin arbeitsverpflichtet. Und so stammt ausgerechnet das Tor des Konzentrationslagers Buchenwald mit seiner zynischen Aufschrift „Jedem das Seine“ aus der Feder eines überzeugten Kommunisten. 

Hoffnung für die Verlorenen

Der von den Nazis entfesselte Zweite Weltkrieg beendete auch diese kurze Phase der Zuversicht im Leben der drei Bauhäusler. 1942 wurde Friedl Dicker gemeinsam mit ihrem Mann ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Unter furchtbarsten Bedingungen und selbst mit dem Tod bedroht, gab sie den mit ihr internierten Kindern heimlich Mal- und Zeichenunterricht. Mit ihrem großen pädagogischen Talent und ihrer therapeutischen Begabung gelang es ihr, die Kinder regelmäßig für einige Stunden am Tag aus den traumatischen Lebensbedingungen zu entführen.

Friedl Dicker in offenem Cabriolet (Detail) / Foto: Lily Hildebrandt, 1920er-Jahre, Bauhaus-Archiv Berlin / © Alexandra Hildebrandt.
Friedl Dicker in offenem Cabriolet (Detail) / Foto: Lily Hildebrandt, 1920er-Jahre, Bauhaus-Archiv Berlin / © Alexandra Hildebrandt.

Dickers Skizzen, Entwürfe, Bilder und Kinderzeichnungen fanden sich nach der Befreiung von Theresienstadt 1945 in zwei Koffern. Diese kostbaren Zeitdokumente geben Auskunft, wie sie durch die im Unterricht von Johannes Itten vermittelte Bauhaus-Methodik in einer unmenschlichen Umgebung Hoffnung, Exaktheit und Toleranz lehrte.

Sie selbst und auch Otti Berger erlebten die Befreiung nicht. Während die 1944 verhaftete Otti Berger schon am 27. April desselben Jahres im Konzentrationslager Auschwitz verstarb, wurde Friedl Dicker nur wenige Monate später (am 9. Oktober 1944) im selben Konzentrationslager ermordet. Franz Ehrlich, der 1943 in ein Strafbataillon eingezogen wurde, überlebte den Krieg und die jugoslawische Kriegsgefangenschaft. Er ließ sich in der späteren DDR nieder und wurde dort u. a. Chefarchitekt der Leipziger Messe und Designer der Deutschen Werkstätten Hellerau.

[NF/AW 2017]

 

TIPP:

Mehrere Arbeiten von Otti Berger und Franz Ehrlich sind derzeit in der Ausstellung „Handwerk wird modern. Vom Herstellen am Bauhaus“ im Bauhaus Dessau zu sehen.