Ein Äquivalent zum Bauhaus hat es im Polen der Zwischenkriegszeit so nie gegeben. Doch wie eine Ausstellung in Berlin vor Augen führt, ist der Beitrag polnischer Künstler zur Bildung und Theorie der Klassischen Moderne nicht zu unterschätzen.

Foto: Natalia LL | Points of Support, 1978, Reproduktionen von im Video verwendeten Fotografien © Galeria lokal_30, Warszawa
Foto: Natalia LL | Points of Support, 1978, Reproduktionen von im Video verwendeten Fotografien © Galeria lokal_30, Warszawa

Der Kampf der Moderne für eine neue, eine bessere Welt war von Beginn an ein globales, ein internationalistisches Projekt. Geboren aus den sozialen und weltanschaulichen Umbrüchen, die die Industrialisierung mit sich brachten, verhalf ihm der Zusammenbruch der politischen Eliten Europas am Ende des Ersten Weltkriegs zum endgültigen Durchbruch. Wohl kaum ein Land war von der Aufbruchsstimmung dieser außergewöhnlich innovativen Zeit mehr betroffen als Polen.

Bis zum Jahr 1918 zwischen dem russischen, dem deutschen und dem österreichisch-ungarischen Kaiserreich aufgeteilt, erlangte das einst so stolze und einflussreiche Land endlich wieder seine staatliche Unabhängigkeit. Die Folge war eine Befreiung kreativer Kräfte, die auf allen Ebenen der Kunst zu herausragenden Leistungen führte. Beispiele dieser kraftvollen Zeit zeigt derzeit das Polnische Institut in Berlin. In der Ausstellung „Die Nähe der geraden Linie. Performativität der Avantgarde“ zeichnen die Kuratorinnen Katarzyna Słoboda und Małgorzata Jędrzejczyk die experimentellen Ansätze der Bildhauerin Katarzyna Kobro – einer Ikone der polnischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit – bei ihrer Suche nach der Beziehung zwischen Mensch, Raum, Zeit und Bewegung nach.

Foto: Ryszard Waśko | Prosto - Krzywa, 1973 © ŻAK | BRANICKA
Foto: Ryszard Waśko | Prosto - Krzywa, 1973 © ŻAK | BRANICKA

Kobro, eine polnische Bildhauerin mit deutsch-lettisch-russischen Wurzeln, gilt als Wegbereiterin einer völlig neuen Auffassung von Skulptur, die große Konsequenzen für die Kunst der Zwischen- und Nachkriegszeit haben sollte – weit über die Grenzen Polens hinaus. „Kobro hat sich in ihrem Schaffen der fundamentalen Bedeutung künstlerischer Experimente mit Raum und Zeit verschrieben“. Małgorzata Jędrzejczyk, Co-Kuratotin der Ausstellung „Die Nähe der geraden Linie“, fügt hinzu: „Raum und Zeit wurden zu den Zentralbegriffen von Kobros Theorie der Skulptur.“ Nicht mehr der Block, das massive Objekt als Einheit steht im Zentrum dieses Konzepts – sondern die Öffnung der Skulptur auf ihre Umwelt hin – sowohl in Bezug auf den Raum als auch auf den Betrachter. „Kobro nahm in ihrer Kunst auch die menschliche Aktivität im Raum wahr und bezog sie sich daher nicht nur auf einen abstrakten Raumbegriff, sondern auf ein Raumkonzept, das die Beziehung zwischen dem Betrachter und einer plastischen, räumlich-zeitlichen Komposition zum Ausdruck bringt“, so Jędrzejczyk.

Gemeinsam mit ihrem Ehemann Władysław Strzemiński war Kobro Mitglied in gleich drei einflussreichen Künstlervereinigungen – von der Blok-Gruppe (bis 1924) über Praesens (bis 1929) bis hin zur Gruppe a.r. (auch bekannt als „Gruppe der Revolutionären Künstler“, bis 1936). Diese Gruppen waren der Nukleus der polnischen Avantgarde und neben einschlägigen Kunstzeitschriften die wichtigsten Organe des Austauschs ihrer Protagonisten. Ziel war es, an der Bildung eines Neuen Menschen mitzuwirken; zu diesem Zweck diskutierte das auch als Kunstpädagogen agierende Paar Kobro/Strzemiński neue didaktische Ansätze, wie sie u.a. am Bauhaus Verwendung fanden.

Die Kontakte zwischen der polnischen und der deutschen Avantgarde beschränkte sich jedoch nicht bloß auf einen Austausch von Ideen. Enge Verbindungen bestanden von Anfang an zur legendären Berliner Galerie „Der Sturm“, die schon 1924 Werke des Blok-Mitglieds Henryk Berlewi ausstellten. Szymon Syrkus, Architekt und Mitglied der Gruppe Blok, hielt sich 1922 bis 1924 nicht nur in Berlin und Paris, sondern auch am Bauhaus in Weimar auf. Seine engen Kontakte zu wichtigen Vertretern der Moderne (von Le Corbusier über Ernst May bis hin zu Walter Gropius) ermöglichten es ihm im Anschluss, die Praesens-Gruppe als polnischen Ansprechpartner der CIAM-Kongresse zu etablieren.

Foto: Ewa Partum | Legalność przestrzeni, 1979 © Muzeum Sztuki w Łodzi
Foto: Ewa Partum | Legalność przestrzeni, 1979 © Muzeum Sztuki w Łodzi

In einem Aufsatz aus dem Jahre 1936 resümierte Katarzyna Kobro: „Der kürzeste Weg zum Produktionsergebnis ist die gerade Linie. Darum bildet der Weg zwischen einer Aktivität und einer anderen die gerade Linie und die ihr entsprechende geometrische Gestalt.“ Die Ausstellung „Die Nähe der geraden Linie. Die Performativität der Avantgarde“ zeigt ausgehend von Kobros innovativen Raum- und Körperkonzepten sowie ihren Gedanken zur „neuen Organisation des menschlichen Lebens“ – welche die Kunst der Zwischenkriegszeit so nachhaltig geprägt haben –, dass auch die neo-avantgardistischen KünstlerInnen der Nachkriegszeit utopische, mit der Funktionalität gemeinsamer Räume verbundene Ideen der Avantgarde aufgriffen und in Frage stellten.

Wie schon vor dem Krieg hatte der Mensch rational und zielstrebig zu handeln, um den Anforderungen der Moderne gewachsen zu sein. Eine funktionalisierte Umgebung – gestaltet nach einem die menschlichen Gedanken und Aktivitäten organisierenden Rhythmus – sollte ihm dabei behilflich sein. „Die von Kobro durchgeführten plastischen Experimente mit der Wahrnehmung und dem Raum führten dazu, dass neue formelle Lösungen entwickelt wurden, die als ein Ausgangspunkt für die neue Organisation der menschlichen Umgebung und eines neuen Lebensrhythmus dienten“, so Jędrzejczyk. „Für Kobro stellte die künstlerische Aktivität ein Untersuchungsfeld dar, auf dem der Künstler an neuen Lösungen arbeitet, die aber auch Eingang in die außerkünstlerische Wirklichkeit finden sollten.“

Dass jedes Kunstwerk, jeder Bau dieser außergewöhnlichen Zeit als Teil einer performativen Sphäre galt, war eben nicht nur eine Erkenntnis des Bauhauses. Es war zugleich ein wirksames Leitmotiv der gesamteuropäischen Moderne.


[NF 2018]


Die Nähe der geraden Linie
Performativität der Avantgarde

01.12.2017 bis 28.02.2018
Öffnungszeiten: Di–Fr 10:00–18:00, Sa 12:00–18:00
Ort: Polnisches Institut, Burgstraße 27, 10178 Berlin

KünstlerInnen: Piotr Andrejew, Akademia Ruchu, Oskar & Zofia Hansen, Przemek Kamiński, KwieKulik, Paweł Kowzan, Natalia LL, Ewa Partum, Józef Robakowski, Ryszard Waśko, Piotr Zarębski/Franciszka und Stefan Themerson

Veranstalter: Polnisches Institut Berlin
Mitveranstalter: Muzeum Sztuki in Łódź & Adam Mickiewicz Institut
Partner: Berlinische Galerie, Wytwórnia Filmów Oświatowych & Professur für Kunstgeschichte Osteuropas der Humboldt-Universität zu Berlin

Mit freundlicher Unterstützung der KünstlerInnen, des Muzeum Sztuki in Łódź, der Galerie lokal_30, der Galerie ŻAK I BRANICKA, des Museums Moderner Kunst in Warschau, der Wytwórnia Filmów Oświatowych und der Filmoteka Narodowa – Instytut Audiowizualny (FINA).


Rhythmus des Alltäglichen
Experimenteller Film aus Polen 1932-1988



01.02.2017
Beginn: 19:00
Ort: Berlinische Galerie, Alte Jakobstraße 124-128, 10969 Berlin

Screening und Diskussion


Einleitung: Katarzyna Słoboda (Muzeum Sztuki in Łódź, Co-Kuratorin der Ausstellung „Die Nähe der geraden Linie“)


Eintritt: frei