Mit der Berufung des Malers und Bühnenbildners Oskar Schlemmer 1920 als Werkstattmeister an das neu gegründete Bauhaus in Weimar wird die Bühne auch dort ein Ort „der Freude des Gestaltens“. Sein „Triadisches Ballett“ schreibt bald Geschichte und erlebt doch erst durch seine spätere Rekonstruktion den Ruhm, den es verdient hat.

Figurinen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer, Metropol-Theater, Berlin. Foto: Ernst Schneider, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin.
Figurinen des Triadischen Balletts von Oskar Schlemmer, Metropol-Theater, Berlin. Foto: Ernst Schneider, 1927. Bauhaus-Archiv Berlin.

Als Walter Gropius 1919 das „Staatliche Bauhaus in Weimar“ gründet, hat er das Ziel, Künste und Handwerk wiederzuvereinen und dadurch Alternativen zu den Fließbanderzeugnissen der industriellen Massenproduktion zu schaffen. Zu diesem Zweck engagiert er Künstlerpersönlichkeiten verschiedenster Couleur – Architekten, Bildhauer und Maler –, die sich in ihrer Arbeit gegenseitig befruchten.

Ihre Zusammenarbeit prägt einen neuen Stil, der sich schon in der Weimarer Phase auf das Gebiet der Bühne erstreckt. Hier sorgt Oskar Schlemmer für die „Verbindung von Künstlerisch-Ideellem und Handwerklich- oder Technisch-Praktischem auf dem Wege der Erforschung der Gestaltungselemente“. [1]

Erste Versuche

Anfangs werden für die diversen Feste der jungen, feierwütigen Bauhäusler 'nur' Räumlichkeiten ausgeschmückt sowie Masken und Kostüme entworfen (beispielsweise für das Laternen- oder Drachenfest). Bald aber erwachsen aus diesen Prozessen des „Einfalls, der Laune und Lust am Primitiven“ [2] komplexe Parodien auf bestehende Theaterformen wie die Oper, das Schauspiel, den Zirkus, das Varieté oder das Ballett. Sie zerbrechen tradierte Muster und lassen neue Darstellungsformen entstehen.

Ein solcher Versuch ist das am 30. September 1922 in Stuttgart uraufgeführte „Triadische Ballett“, das nach der Dreizahl der Tänzer (Trias), dem dreiteiligen symphonisch-architektonischen Aufbau und der Einheit von Tanz, Kostüm und Musik benannt ist. Obwohl das Ballett bei seinen Inszenierungen bis 1932 durch Oskar Schlemmer nur rund 1000 Zuschauer erreichte [3], rankt sich um diese Bühnenfassung ein Mythos, den Künstler unterschiedlichster Generationen immer wieder aufgriffen.

Die Herausforderung

Schlemmer, damals vierundzwanzigjährig, verlangt viel von seinen Tänzerinnen und Tänzern. Er steckt sie in starre Kostüme aus Draht, Holz, Leder, Aluminiumfolie, Pappmaschee und Zelluloid, deren untertassenförmige Steifröcke und Glockenmasken an Tutus und Tauchermasken erinnern, und lässt sie sich zu den (ab 1926 eigens von Paul Hindemith komponierten) Musikstücken bewegen. Mit ihren abstrakten Tanzbewegungen verweisen sie auf die Automatenfiguren E. T. A. Hoffmanns und den expressionistischen Stummfilm „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (1920) von Robert Wiene, der zu einem Meilenstein der Filmgeschichte wurde.

Doch die Begeisterung für das Triadische Ballett hält sich zu jener Zeit noch in Grenzen. Ob bei den Donaueschinger Musiktagen am 25./26. Juli 1926, kurz danach im September zur Eröffnung einer Revue des Metropol-Theaters in Berlin oder sechs Jahre später zum internationalen Tanzwettbewerb am 4. Juli 1932 in Paris – die Zuschauer kommentierten eher die Kuriosität seiner Figurinen als die Idee der Choreografie mit ihrem „Widerstand gegen die Ballettkonvention und ihre mathematisch anmutende Gleichung von Musik, Plastik, Malerei und Tanz“ [4].

Später Ruhm

Erst als 1938 neun der 18 Pappmaschee-Figurinen in einer Ausstellung in New York zu sehen sind – nun zwar unbeweglich, aber voll tänzerischer Ausstrahlung – beginnt das eigentliche Interesse, denn man fragt sich, wie diese starren Plastiken wohl zuvor getanzt worden sind? Ab jetzt schreibt das Triadische Ballett Geschichte und erlebt durch seine eigene Rekonstruktion späten Ruhm: Von nun an wird es unzählige Male neu aufgeführt und inspiriert seit damals diverse Künstler zu eigenen Interpretationen, darunter Margarete Hasting in München (1968), Gerhard Bohner in Berlin (1977), Helfried Foron in Tübingen (1978) und Debra McCall in New York (1982).

Oskar Schlemmer verlässt das Bauhaus 1929 aufgrund interner Unstimmigkeiten auf eigenen Wunsch. Er erhält eine Professur an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau und lehrt hier bis zu ihrer politisch motivierten Schließung 1932. Die Größe seines Einflusses auf die Bauhausbühne lässt sich besonders rückblickend ermessen, denn die Leitung der Bühnenwerkstatt bleibt nach seinem Weggang unbesetzt und der Werkstattbetrieb schläft langsam ein.

Der Maler Oskar Schlemmer bereicherte das Bauhaus nicht nur durch seine eigenen künstlerischen Werke und Inszenierungen. Zu Demonstrationen des modernen Tanzes holte er auch prominente Gäste wie die Tänzerin Palucca an das Bauhaus. Dadurch wurde das Bauhaus zu einem Zentrum der geistigen Auseinandersetzung mit Fragen avantgardistischer Tanzgestaltung. Im Rückblick bekräftigte Schlemmer, sein Triadisches Ballett sei nie ein „mathematischer Scherz“ gewesen. „Aber es war ein Versuch, viele und teils heterogene Elemente zu einer ungewöhnlichen Einheit zusammenzuschmelzen.“ [5]

 

TIPP: 2015 wurde Gerhard Bohners Fassung von 1977 mit dem Bayerischen Staatsballett II (den Tänzern der Junior Company) in München rekonstruiert, mit den Originalkostümen nach Schlemmer, als ein Projekt des Tanzfonds Erbe. Dieses tourt derzeit noch durch Europa: Ende Juni in Heilbronn und u. a. 2018 in Leipzig und in Amsterdam. Mehr Informationen und Termine finden Sie hier

[AW 2017]

 

[1] [2] Oskar Schlemmer, Offset, Buch- und Werbekunst (Bauhaus-Heft 7), Leipzig 1926.
[3] [4] Arnd Wesemann, Die Bauhausbühne. In: Bauhaus, Hg. Jeannine Fiedler, Peter Feierabend, 2006/07.
[5] Oskar Schlemmer 1935, in: Bauhaus, Hg. Jeannine Fiedler, Peter Feierabend, 2006/07, S. 538.