Der „Afrikanische Stuhl“ ist eine Arbeit aus der frühen expressionistischen Phase des Bauhauses und ein Gemeinschaftsprojekt der beiden Bauhäusler Marcel Breuer und Gunta Stölzl. Dem Sitzmöbel aus dem Jahr 1921 gab Breuer erst viele Jahre später seinen Titel.

Afrikanischer Stuhl, Autor: Marcel Breuer, 1921 / Bespannung: Gunta Stölzl. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 (Stölzl) / unbekannt (Breuer).
Afrikanischer Stuhl, Autor: Marcel Breuer, 1921 / Bespannung: Gunta Stölzl. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016 (Stölzl) / unbekannt (Breuer).

Die Entstehung des „Afrikanischen Stuhls" fällt in die Anfangsjahre der Bauhäusler Marcel Breuer und Gunta Stölzl: Breuer war erst ein Jahr zuvor von der Akademie der Bildenden Künste in Wien an das Bauhaus Weimar gewechselt und lernte dort in der Tischlereiwerkstatt, die zu dieser Zeit unter der Leitung von Johannes Itten stand. Stölzl war schon im Jahr der Gründung des Bauhauses, 1919, von der Münchner Kunstgewerbeschule nach Weimar gekommen und lernte in der Weberei.

Das fünfbeinige „thronartige“ Gestell aus Eichenholz zeigt deutlich die Spuren einer Bearbeitung des Materials von Hand. Die Pfosten der Rückenlehne sind mit Löchern versehen und dienen als Rahmen für Gunta Stölzls Webarbeit. Zwischen den Pfosten spannt sie die Kettfäden, um die in Gobelintechnik ein abstraktes farbiges Muster entsteht. Die expressive Farbigkeit der gewebten Rückenlehne und des Sitzpolsters findet sich auch auf dem hölzernen Rahmen wieder. Die sichtbar bleibenden Kettfäden, die deutlichen Bearbeitungsspuren an den Holzelementen sowie deren Bemalung erinnern dabei an Werke der Volkskunst.

In der ersten Ausgabe der Zeitschrift „bauhaus“ aus dem Jahre 1926 erscheint erstmals ein Bild des „Afrikanischen Stuhls“. Ein „Filmstreifen“ zeigt dort die Entwicklung von Breuers Stuhl-Entwürfen – vom Afrikanischen Stuhl (1921), über den De Stijl-inspirierten Lattenstuhl (1924) bis hin zum Stahlrohr-Armlehnsessel (1925). Als visionärer Ausblick in die Zukunft endet dieser „Filmstreifen“ mit einem Bild, auf dem eine Dame schließlich „auf einer elastischen luftsäule“ Platz nimmt.

Der „Afrikanische Stuhl“ galt viele Jahre als verschollen und wurde erst 2004 wiederentdeckt. Heute ist er Teil der Sammlung des Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin.

 

Literatur

Wolsdorff, Christian (2004): Der „Afrikanische Stuhl" - ein Schlüsselwerk des frühen Bauhauses. In: Museums Journal 3/2004, Berlin.


Bergdoll, Barry/Dickerman, Leah (2009): Bauhaus 1919–1933. Workshops for Modernity, New York.


Siebenbrodt, Michael (2000): Bauhaus Weimar. Entwürfe für die Zukunft, Ostfildern-Ruit.


Stiftung Bauhaus Dessau (1997): Gunta Stölzl. Meisterin am Bauhaus Dessau. Textilien, Textilentwürfe und freie Arbeiten 1915–1983, Ostfildern-Ruit.

 

[NO 2017]