Die junge Ungarin Judit Kárász war eine der wenigen Bauhäusler, die sich mit Sozialfotografie beschäftigten. Sie war Mitglied der Kostufra und engagierte sich in der Arbeiterbewegung.

Porträt Judit Kárász mit einem Unbekannten, Foto: Judit Kárász (?), 1931, Neuabzug 1986. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.
Porträt Judit Kárász mit einem Unbekannten, Foto: Judit Kárász (?), 1931, Neuabzug 1986. Bauhaus-Archiv Berlin / © unbekannt.

Als sich Judit Kárász zum Wintersemester 1930/31 mit gerade einmal 18 Jahren am Bauhaus Dessau einschrieb, hatte sie bereits ein Semester an der L'École de la Photographie in Paris studiert. In der 1929 am Bauhaus neu ins Leben gerufenen Fotoklasse von Walter Peterhans verfeinerte sie ihre künstlerisch-technischen Fertigkeiten. Neben experimenteller und gestalterischer Fotografie beschäftigten sich die Bauhäusler hier mit Reportagen, Reproduktions- und Porträtfotografie für den späteren Alltag als Berufsfotografen. In den zwanziger Jahren hatte sich die Nachfrage nach qualitativ hochwertigen Fotografien durch die neu auf den Markt gekommenen illustrierten Magazine vervielfacht.

Das Gegenstück zu diesen bürgerlichen illustrierten Unterhaltungs-Magazinen war die Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (AIZ). Diese knüpfte „an die Lebenswelt der Leser und deren konkrete Bedürfnisse und Erfahrungszusammenhänge“ an (Stumberger S. 131) und lenkte den fotografischen Blick in die Fabriken und auf die Wohn- und Lebensrealität der Arbeiter – oft von diesen selbst fotografiert. Auch von Judit Kárász, die Mitglied der Kommunistischen Studentenfraktion (Kostufra) war und sich aktiv politisch in der Arbeiterbewegung engagierte, stammte eine Reportage-Serie der AIZ. Eines ihrer Bilder zeigt ihre Mitstudentin Irena Blühova beim Verteilen der AIZ in einer Wohnsiedlung.

Nach ihrer politisch begründeten Ausweisung aus dem Land Sachsen-Anhalt im März 1932 arbeitete Kárász in Berlin als Laborassistentin bei der Bildagentur Dephot (Deutscher Photodienst). Diese war Ende 1928 von Simon Guttmann gegründet worden – mit dem ehemaligen Bauhäusler Umbo (Otto Umbehr) als ihrem ersten Fotografen. Die Dephot war die erste Bildagentur, die sich Ende der zwanziger Jahre auf die Produktion von Bilderserien und Reportagen aus dem gesellschaftlichen Alltag spezialisierte. Ein weiterer Laborassistent war zu dieser Zeit der junge Ungar Endre Friedmann, der als Robert Capa im November 1932 mit einer Reportage über Leo Trotzki für Aufsehen sorgte und wenige Jahre später mit seinen Fotos aus dem Spanischen Bürgerkrieg weltberühmt werden sollte. Die Agentur Dephot wurde im November 1933 durch das Propaganda-Ministerium geschlossen.

[NO 2018]

Literatur:

Gaßner, Hubertus (1986): WechselWirkungen. Ungarische Avantgarde in der Weimarer Republik, Marburg.
Molderings, Herbert: Eine Schule der modernen Fotoreportage. Die Fotoagentur Dephot (Deutscher Photodienst) 1928 bis 1933. In: Fotogeschichte 28 (2008), Heft 107, S. 5–21.
Stumberger, Rudolf (2007): Klassen-Bilder. Sozialdokumentarische Fotografe 1900-1945, Konstanz.