„Maskenportrait  No. 13“, Dessau, Foto: Gertrud Arndt, 1930 / Neuvergrößerung: Alexa Bormann-Arndt, 1980. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.
„Maskenportrait No. 13“, Dessau, Foto: Gertrud Arndt, 1930 / Neuvergrößerung: Alexa Bormann-Arndt, 1980. Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016.

Nachdem Alfred und Gertrud Arndt 1929 ans Bauhaus nach Dessau zurückgekehrt waren, sah sie sich als Bauhausmeisterfrau in der Rolle der „Nichtstuerin“. Im Bad des Meisterhauses richtete sich Gertrud Arndt eine Dunkelkammer ein. Aus „Langeweile“ begann sie sich 1930 selbst zu fotografieren. Es entstand eine Reihe von 43 Selbstbildnissen, die sie selbst als „Maskenfotos“ betitelte. Die Entstehung dieser Foto-Serie beschrieb Arndt so: „(...) so hab ich gesessen, natürlich auf einem Stuhl, der keinen Rücken hatte. Der Apparat stand vor einem großen Fenster, wir hatten Riesenfenster in Dessau. Und dann hab’ ich an diesem alten Apparat – der hatte keinen Selbstauslöser – einen schwarzen Zwirnfaden gemacht, den ich unten durch einen runden Stein geführt habe, so dass mein Apparat nicht umfallen konnte. Die Stative, die waren noch so wacklig, hatten noch nicht die eisernen Spitzen. Ich saß ganz vorsichtig und guckte hinein. Hinter mir hatte ich einen Besen, an dem ein Zeitungsblatt befestigt war, um daran die Schärfe einzustellen: dem Besen gab ich einen Schubs, dass er umfiel und dann hab’ ich gezogen. Ganz einfach, so sind sie alle entstanden, die Maskenfotos.“

In diesen Fotos ging es der Amateurfotografin um das Experiment mit der Verkleidung. Im Gegensatz zu frühen Bildern und zu den meisten Fotos, die am etwa zur gleichen Zeit Bauhaus entstanden, sind Arndts Autoportraits dieses Mal keine fotografischen Experimente in Extremperspektiven und Detailansichten. Die Maskenfotos zeigen Arndt stets im selben Bildausschnitt bis knapp unterhalb der Brust. Den Hintergrund veränderte sie mit unterschiedlichen Stoffen; ihre Kleider kombinierte sie mit diversen Tüllschleiern, Hüten und anderen Accessoires. Arndts Maskenfotos sind keine Selbstbildnisse, die das Ich des Fotografierenden ergründen. Sie sind frühe Vorläufer von Selbstinszenierungen à la Cindy Sherman und Gillian Wearing – Fotografinnen, die sich heute in immer neuen Verkleidungen bis zur Unkenntlichkeit verfremden und dann den Auslöser bedienen. Sie inszenieren sich selbst als „Andere“; Personen, die mit den Fotografinnen kaum etwas gemein haben. Gertrud Arndts Verwandlungen zu verschiedenen, klischeehaften Frauenfiguren unternahm sie indes nicht primär durch Verfremdungen mit maskenhaftem Make-up oder durch ihre Kostümierungen. Ihr „Interesse an dem Gesicht, an dessen Ausdrucksvielfalt und Verwandlungsreichtum“ ließ sie Variationen von Mimik austesten und deren Grenzen erkunden. Die Realität verändert sich in jedem Bild aufs Neue und hinterfragt: „Was ist ein Gesicht wirklich? Wieweit lässt sein Ausdruck Schlüsse auf das Innere des Menschen zu? Welche Bedeutung haben Schminke, kostümlicher Kontext und mimischer Ausdruck?“

Gertrud Arndts maskenhafte Selbstbildnisse spiegeln ihre Affinität zu unterschiedlichen Textilien wider sowie die Lust und Freude an dem experimentellen Umgang mit zeitgenössischen Frauenrollenbildern. Arndts eigenes Resümee zu den Maskenfotos ist Folgendes: „Da brauchen sie nur die Augen aufreißen, schon sind sie ein anderer, oder machen sie den Mund weit auf oder ähnliches, da ist nun jemand anders. Und wenn man sich dann noch verkleidet (...). Das ist so, als wenn sie in den Spiegel gucken und Fratzen schneiden (...) Im Grunde ein Spiegelbild.“

Literatur:
Bormann-Arndt, Alexa: Interview with Anja Guttenberger (-Schädlich), Berlin/Darmstadt 30. Nov. 2008.
Das Verborgene Museum (1994): Photographien der Bauhauskünstlerin Gertrud Arndt, Berlin.
Graphische Sammlung des Hessischen Landesmuseums (1993): Gertrud Arndt. Fotografien aus der Bauhauszeit (19261932), Darmstadt.