Bis heute zählt die Bauhaus-Tapete zu den erfolgreichsten Produkten, die in Serie ging. Neben klaren Strukturen und matten Oberflächen, zieren auch abstrakte und verspielte Muster die Wandverkleidung, wie der extravagante Tapetenentwurf von Elsa Thiemann. Ihre Vorschläge wurden zwar nicht hergestellt, dennoch fungierte ihre Ausdrucksform als Vorbild für weitere Designs.

Tapetenentwurf, Fotogramm, Foto: Elsa Thiemann, 1930–1931. Bauhaus-Archiv Berlin / © Margot Schmidt.
Tapetenentwurf, Fotogramm, Foto: Elsa Thiemann, 1930–1931. Bauhaus-Archiv Berlin / © Margot Schmidt.

Hannes Meyer rief 1929 einen freien Wettbewerb unter allen Studenten und Meistern aus, sich mit Entwürfen für die neu ins Leben gerufene Bauhaus-Tapetenkollektion zu beteiligen. Für die Saison 1930 erschienen insgesamt 14 Flächenmuster in jeweils fünf bis 15 Farbvarianten in der Tapetenfirma Gebrüder Rasch. In die Produktion gingen ausschließlich helle, freundliche Farbtöne mit kleinteiligen Strich- und Punktmustern ein, die der klaren, schnörkellosen Ästhetik, die am Bauhaus vorherrschte, entsprach.

Erstaunlich dunkel, schwer und ornamenthaft fielen im Vergleich dazu die Tapetenentwürfe der Bauhäuslerin Elsa Thiemann (geb. Franke) aus. Ihre collagierten Fotogramme, die sie teilweise mit weißer Farbe ergänzte, sodass der Rapport immer Anschluss fand und sich ein großflächiges Muster auf der Wandabwicklung entfalten konnte, wandten sich klar gegen den Minimalismus ihrer Kommilitonen und Lehrer. Die junge Fotografin verwendete für die meisten Entwürfe Pflanzenteile wie Blüten und Stiele, die sich in Ranken und Ornamenten ausbreiten.

Es ist daher wenig verwunderlich, dass Thiemanns Tapetendesigns für die Bauhauskollektion nicht berücksichtigt wurden; allerdings entsprachen sie doch weitgehend dem Geschmack vieler ihrer Zeitgenossen, denen die klare Linie des Bauhauses zu kahl war, was sich darin zeigt, dass Rasch schon 1933 als "femininen" Gegenpart zur Bauhaustapete eine Linie mit der Deisgnerin Maria May intitiierte, die - im Ansatz ähnlich wie Thiemann - Pflanzenteile auf Bauhaustapete aufdruckte.

[AG 2015]

Literatur:
Guttenberger, Anja (2012): Tapete für innen und außen, in: bauhaus 4, Dessau, S. 83–92.
Tapetenfabrik Gebr. Rasch & Co. und Stiftung Bauhaus Dessau (1995): Reklame & Erfolg einer Marke, Köln.
Wolsdorff, Christian (2004): Tapeten-Entwürfe, in: Annemarie Jaeggi & Margot Schmidt (Hrsg.): Elsa Thiemann. Fotografin. Bauhaus und Berlin, Berlin, S. 18–22.