Im Jahr der Studentenaufstände und kritischer Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fand die Ausstellung „‚50 Jahre Bauhaus‘ 1968“ in Stuttgart statt. Der Württembergische Kunstverein Stuttgart setzt sich mit seiner aktuellen Schau „50 Jahre nach ‚50 Jahre Bauhaus‘ 1968“ daher mit einem ganz besonderen Bauhaus auseinander. Die Kuratoren Iris Dressler und Hans D. Christ sprechen über ihr Ausstellungskonzept und über den erneut geschärften Blick auf das Bauhaus 50 Jahre nach der legendären Retrospektive.

Palais de l’air, Exposition internationale des arts et techniques, Weltausstellung, 1937 © bpk/Bayrische Staatsbibliothek/Heinrich Hoffmann
Palais de l’air, Exposition internationale des arts et techniques, Weltausstellung, 1937 © bpk/Bayrische Staatsbibliothek/Heinrich Hoffmann

Frau Dressler, Herr Christ, die Ausstellung „50 Jahre nach 50 Jahre Bauhaus 1968“ folgt vier thematischen Strängen. Können Sie diese bitte kurz skizzieren?

Ausgehend von Herbert Bayer, der das Ausstellungsdesign der 1968er-Bauhaus-Ausstellung in Stuttgart gestaltet hat, beschäftigt sich der erste Strang mit den Ambivalenzen des Grafik- und Ausstellungsdesigns der 1920er- bis 1940er-Jahre, das zwischen Experiment und Propaganda angesiedelt ist. Figuren wie Bayer haben im Laufe ihrer Karrieren für ideologisch höchst gegensätzliche Auftraggeber – darunter auch die Nationalsozialisten – gearbeitet. Der zweite Strang der Ausstellung setzt das Bauhaus und sein Umfeld in Beziehung zu den künstlerischen Bewegungen der 1950er- bis 1970er-Jahre. Hierbei geht es insbesondere um die künstlerischen Gegenmodelle zu Rationalisierung, Normierung und zur funktionalen Stadt. Eine zentrale Figur der Rationalisierung des Wohnungsbaus ist der Bauhäusler Ernst Neufert, der seine Arbeit in den Dienst der Nationalsozialisten stellte und es bis in den Stab Albert Speers schaffte.
Der Fokus des dritten Strangs liegt auf den Verschränkungen zwischen der modernen Avantgarde und dem militärisch-industriellen Komplex: zwischen Luftbild und Luftkrieg, Wohnungsbau- und Rüstungsindustrie. Zugleich widmet er sich den Gegenpositionen zur Mechanisierung, Militarisierung und Kontrolle des öffentlichen Raums und Lebens.
Und der vierte Strang schließlich versteht sich als ein Ausblick auf die möglichen Erzählungen einer multiplen Moderne. Mit dem Jahr 1989 und der darauffolgenden Globalisierung lässt sich das Bild einer westlich dominierten Moderne nicht mehr halten. Stattdessen gilt es, die Beziehungen zwischen Tradition und Fortschritt, Kunstgewerbe und Kunst, populären und elitären Künsten, sowie der Welt der Kolonialisierten und der Kolonisatoren immer wieder neu zu bewerten.

Die Retrospektive einer Retrospektive ist nicht nur kuratorisch ein anspruchsvolles Konzept. Können der Ausstellung auch Besucher folgen, die das Bauhaus noch nicht kennen?

Thema der Ausstellung ist ja nicht nur das Bauhaus. Wir betrachten es aus den Perspektiven diverser Kontexte der 1960er-Jahre – dem Zeitraum, als „50 Jahre Bauhaus“ eröffnet wurde – und aus heutiger Sicht. Den Ideen des Neuen Bauens und der funktionalen Stadt, wie sie das Bauhaus und sein Umfeld geprägt haben, stellen wir zum Beispiel die Positionen der Situationisten gegenüber: das heißt Methoden des Dérives (dérive bedeutet übersetzt "driften" und ist das Konzept der ungeplanten, situationistische Verfahrensweise des Umherschweifens und Erfahrens durch den urbanen Raum, Anm. d. Red.) und der Psychogeografie, mit denen neue, unerwartete Erfahrungsweisen von Stadt ermöglicht werden sollten, oder Constant Anton Nieuwenhuys’ Stadtutopie „New Babylon“. Ein Bindeglied zwischen dem Bauhaus und den Situationisten stellt die von dem dänischen Künstler Asger Jorn gegründete Internationale Bewegung für ein imaginistisches Bauhaus her. Sie entstand aus dem gescheiterten Versuch einer Zusammenarbeit Jorns mit der 1953 von Max Bill gegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm, die als Nachfolge des Bauhauses konzipiert war.
Zu all diesen Kontexten bietet die Ausstellung sinnlichessinnliches Anschauungsmaterial, Informationen und Erläuterungen an, so dass auch Personen, die weder das Bauhaus noch die künstlerischen Bewegungen der 1950er- und 1960er-Jahre kennen, einen Zugang zur Ausstellung erhalten. Überdies bieten wir eine Vorlesungsreihe zum Bauhaus sowie weitere Vermittlungsprogramme, die sich an ein breites Publikum richten. Da die Ausstellung sehr umfangreich ist, empfehlen wir eine Führung, die einen guten Einstieg in und Überblick über die verschiedenen Themenstränge der Ausstellung bietet.

Anzeige der Container Corporation of America, 1942/ Sammlung Thomas Hackl/ Illustration: Herbert Bayer © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
Anzeige der Container Corporation of America, 1942/ Sammlung Thomas Hackl/ Illustration: Herbert Bayer © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Sie wollen mit der Ausstellung das Bauhaus nicht nur in der Erzählung von Fortschritt, Freiheit und Demokratie verorten, sondern auch Ambivalenzen der Designschule aufzeigen – welche Widersprüche sind das?

Bei der Ausstellung „‚50 Jahre Bauhaus‘ 1968“ ging es unter anderem darum, das nach dem Zweiten Weltkrieg stark angeschlagene Image der deutschen Kultur im Ausland aufzubessern. Die Bauhäusler wurden hier vor allem als Widersacher oder Verfolgte des Dritten Reiches dargestellt, was in vielen Fällen berechtigt ist. Seit spätestens den 1990er-Jahren ist jedoch bekannt, dass nicht wenige Bauhäusler nach der Schließung der berühmten Schule 1933 auch für die Nationalsozialisten gearbeitete haben: unter anderem im Bereich des Grafikdesigns und der großen Propagandaausstellungen am Berliner Funkturm wie „Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“ (1934) oder „Deutschland“ (1936).
Das NS-Regime hatte ein großes Interesse daran, in manchen Kreisen als modern und weltoffen zu gelten. Hierbei wurden sie von damals innovativen Gestalterinnen und Gestaltern wie Herbert Bayer, Mies van der Rohe, Lilly ReichJoost Schmidt und anderen unterstützt. Dabei sind merkwürdige Zwitter zwischen tumber Naziästhetik und der Leichtigkeit moderner Formen entstanden. Neben Ausstellungen gilt dies auch für Magazine wie die Modezeitschrift „die neue linie“, an deren Gestaltung eine Reihe von Bauhäuslern beteiligt war. Uns geht es nicht darum, moralische Urteile über die eine oder andere Person zu fällen, sondern diese Ambivalenzen innerhalb der Ästhetiken der Moderne aufzuzeigen.
Die Innovationen im Bereich des Ausstellungsdesigns basierten unter anderem auf den Möglichkeiten, die die Fotografie – insbesondere Fotomontage und fotografische Vergrößerungstechniken –, die Typografie und ein erweitertes Raumkonzept boten. Es entstanden Räume, in die die Besucher förmlich eintauchen konnten. Die Ausstellung zeigt gleichermaßen die ästhetischen Experimente im Bereich der Fotografie und Raumkonzeption und deren Nutzung durch ideologische Regimes auf.

„50 Jahre nach ‚50 Jahre Bauhaus‘ 1968“ setzt sich mit der spezifischen Perspektive der späten 1960er-Jahre auf das Bauhaus auseinander. Findet eine solche kritische Distanz auch der heutigen Bauhaus-Rezeption gegenüber Eingang in ihre Ausstellung?

Eine kritische Distanz zur eigenen Position lässt sich unseres Erachtens nur durch eine gewisse Vielstimmigkeit erzeugen. Deshalb haben wir fünfzehn Künstlerinnen und Künstler sowie Kuratorinnen und Kuratoren dazu eingeladen, neue Werke und Beiträge zu entwickeln, die Aspekte der Ausstellung aufgreifen, weiterführen oder umleiten. So lenken die beiden Architektinnen Mona Mahall und Asli Serbest den Blick auf feministische Ansätze in der modernen Architektur. Ihre auf vier Tischen verteilte Sammlung an Plänen, Bildern, Modellen und Programmen wird im Rahmen zweier Workshops wachsen. Alexander Kluge hat eigens für die Ausstellung ein Videotriptychon geschaffen, dessen Ausgangspunkt László Moholy-Nagys 1921 entstandenes Filmprojekt „Dynamiken der Großstadt“ ist. Moholy-Nagys Projekt wurde nie als Film realisiert, existiert jedoch in Form eines grafischen Filmmanuskripts. Die damalige Euphorie gegenüber den Dynamiken des städtischen Lebens ist, so zeigt es Kluge auf, heute dem hart kalkulierten Primat der beschleunigten Warenzirkulation gewichen. Kaiwan Mehta geht in seiner kuratorischen Installation Aspekten der indischen Moderne nach und Yvonne P. Doderer untersucht die weitreichenden Beziehungsgeflechte, die sich aus der Geschichte des ehemaligen von Erich Mendelsohn entworfenen Stuttgarter Schocken-Kaufhauses und dessen Abriss ergeben – um nur einige wenige Beispiele der künstlerischen und kuratorischen Neuproduktionen zu nennen.

Rendering der Hochhausstadt von Ludwig Hilberseimer, 1924 / Photographie des Braut-Hauses von House Beautiful, 1956 / © Asli Serbest, Mona Mahall 2018
Rendering der Hochhausstadt von Ludwig Hilberseimer, 1924 / Photographie des Braut-Hauses von House Beautiful, 1956 / © Asli Serbest, Mona Mahall 2018

Die Ausstellung fragt auch nach internationalen Entwicklungen, die sich parallel zum Bauhaus, beispielsweise in Indien oder Russland, abspielten. Ist dieser Teil auch als direkte Bezugslinie auf andere Projekte im Zuge von 100 jahre bauhaus zu verstehen, wie das Ausstellungsprojekt bauhaus imaginista?

Unser Projekt geht den Fragen nach den multiplen Modernen, anders als das Projekt bauhaus imaginista, eher exemplarisch und im Sinne eines Ausblicks nach. Die beiden Projekte sind nicht in direkter Bezugnahme aufeinander entstanden, können aber durchaus in Zusammenhang gelesen werden. Im Idealfalle bringen all die Ausstellungen und Projekte im Rahmen von 100 jahre bauhaus gemeinsam eine offene Erzählung über das Bauhaus und seine Umfelder hervor, die in ihrer Vielschichtigkeit und Divergenz nicht auf einen Nenner zu bringen ist.

Was bedeutet für Sie „bauhaus now“?

Zu allererst die Frage, wer spricht über das Bauhaus, warum und wie.

Frau Dressler, Herr Christ vielen Dank für das Gespräch.

 [CG 2018]

HfG Eröffnung der Ausstellung: 50 Jahre Bauhaus in Stuttgart, Rede von Walter Gropius an die protestierenden Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm, 1968/ Foto: Kurt Eppler/ © WKV Archiv
HfG Eröffnung der Ausstellung: 50 Jahre Bauhaus in Stuttgart, Rede von Walter Gropius an die protestierenden Studenten der Hochschule für Gestaltung (HfG) in Ulm, 1968/ Foto: Kurt Eppler/ © WKV Archiv