Von geometrischen Schnitten über elegante Culottes bis hin zum strengen Bubikopf – auf den Laufstegen der aktuellen Modeschauen lassen sich immer wieder Bauhaus-Zitate entdecken. Anlässlich der Berlin Fashion Week 2017 haben wir uns den Kleidungsstil der Bauhäusler genauer angesehen und stellen einige Lieblingsstücke von damals und heute vor.

Brachmann Menswear 2015, Fotograf: Sebastian Donato, Model: Kieron
Brachmann Menswear 2015, Fotograf: Sebastian Donato, Model: Kieron

Girl, Flapper, Garçonne, Dame, Gentleman – mit dem Ende des Ersten Weltkriegs machte sich eine ganze Generation auf den Weg, das Denken, die Lebensweise und nicht zuletzt die Mode ihrer Eltern zu revidieren. Man schloss sich in Gruppen zusammen, trieb Sport, ging ausgiebig tanzen und feiern – und man ging ans Bauhaus oder an einen anderen Ort, an dem sich Intellektuelle, Innovative und Künstler zusammenfanden. Die Kleidung sollte sich dementsprechend der neuen Lebensweise dieses sogenannten „Neuen Menschen“ anpassen: Die Frauen legten die gesundheitsschädigenden Korsetts und eng geschnürten Kleider mit weit ausladenden, langen Röcken ab, die ihre Taillen unnatürlich klein und den Busen unnatürlich hoch schnürten.

Bewegungsfreiheit und Bequemlichkeit wurde zum Thema Nummer eins. Eine modische Revolution griff um sich, die praktische, sportliche und gleichzeitig elegante Kleidung zum Ziel hatte – und zwar in jeglicher Lebenssituation. Während Frauen sich nun mit knielangen, weit geschnittenen Jerseykleidern und Bubikopffrisuren zeigten, blieb der Männerwelt nach wie vor nur der zwei- oder dreiteilige Anzug mit dazugehörigem Hemd – wenn auch in bequemerer Ausführung – übrig. Auch wenn die Herren in der Freizeit die knielangen Knickerbocker und Ballonmützen bevorzugten, waren sie doch noch meilenweit entfernt vom Komfort von Jeans, T-Shirt und Turnschuhen.

„Charlestoning” auf der Dachterrasse,  1927–1928. Foto: T. Lux Feininger, Bauhaus-Archiv Berlin. © Estate of T. Lux Feininger.
„Charlestoning” auf der Dachterrasse, 1927–1928. Foto: T. Lux Feininger, Bauhaus-Archiv Berlin. © Estate of T. Lux Feininger.

Festkleider und Alltagsoutfits

Auf den ersten Blick war Mode am Bauhaus kein großes Thema. Man kleidete sich der Zeit entsprechend. In der Weberei konzentrierte man sich auf Textildesigns für Interieurs, nicht für Mode. Auf den zweiten Blick aber lassen sich einige interessante Ausreißer finden, die durchblicken lassen, dass auch die Bauhäusler sich darüber Gedanken machten, welche Kleidung sie trugen und wie diese optimiert werden konnte. 

Auf ihren vielzähligen ausgelassenen Bauhaus-Festen putzten sich alle Bauhäusler nach feinster Manier und Fantasie heraus. Mit selbst entworfenen Hütchen, Röcken und Accessoires ließen sie ihrer Kreativität freien Lauf. 

Die Weberinnen auf der Bauhaustreppe, 1927. Foto: T. Lux Feininger, Bauhaus-Archiv Berlin. © Estate of T. Lux Feininger.
Die Weberinnen auf der Bauhaustreppe, 1927. Foto: T. Lux Feininger, Bauhaus-Archiv Berlin. © Estate of T. Lux Feininger.

Im Alltag setzten die Studierenden auf weniger ausgefallene Kleidung. Form und Ausführung musste der Funktion entsprechen. Auf den in einer großen Vielzahl und Vielfalt erhaltenen dokumentarischen Fotografien aus der Bauhaus-Zeit – insbesondere aus Dessau – sehen wir fast ausschließlich Frauen in kurzen, Figur unbetonten Kleidern bzw. Röcken mit geradem Oberteil und in Hosen mit Wollpulli, einfacher Bluse oder Stickjacke. Auch über das Modebewusstsein der Bauhaus-Männer lassen sich auf unzähligen Fotos Schlussfolgerungen ziehen – etwa auf Bildern der Bauhaus-Band, wo locker sitzende Anzüge mit Hemd und Krawatte ein modisches Muss waren. Und dann sind da natürlich die Bilder der leger gekleideten Bauhäusler, die mit qualmender Zigarette und hochgekrempelten Hemdärmeln ohne Krawatte und Jackett auf dem Boden sitzen oder lässig angelehnt vor dem Bauhaus stehen. Dass Mode also eine nicht unwesentliche Rolle am Bauhaus spielte – bei Frauen wie bei Männern – ist nicht von der Hand zu weisen.

Best of Bauhaus Fashion

Am Bauhaus entstand durchaus neben den populären Textilien auch Mode. Bereits am Weimarer Bauhaus, erinnerte sich Textildesignerin und Bauhaus-Meisterin Gunta Stölzl, trennten die Frauen den meist in ihren Soldatenuniformen ankommenden Männern die Kragen ab und bestickten sie rot, um den militärischen Touch auszubügeln. (1) Durch Upcycling wurde aus Uniformen hier ein Look. Mit zunehmender wirtschaftlicher Stabilität und nach dem Umzug des Bauhauses nach Dessau kamen auch immer mehr Kinder aus wohlhabenderen Familien ans Bauhaus. Nun wurden auch individuelle Kleidungsstücke entwickelt, denn neue Stoffe wie Kunstseide waren günstig und Nähmaschinen weit verbreitet. Die Grundlage für die Produktion eigener Kleidungsstücke war also bereits gelegt.

Gertrud Arndt liegend, 1931, Fotograf unbekannt (Selbstporträt?), Bauhaus-Archiv Berlin. / Jacke, genäht von Gertrud Arndt aus Stoffen der Weberei, Bauhaus Dessau 1931, Foto: Markus Hawlik, Bauhaus-Archiv Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017.
Gertrud Arndt liegend, 1931, Fotograf unbekannt (Selbstporträt?), Bauhaus-Archiv Berlin. / Jacke, genäht von Gertrud Arndt aus Stoffen der Weberei, Bauhaus Dessau 1931, Foto: Markus Hawlik, Bauhaus-Archiv Berlin. © VG Bild-Kunst, Bonn 2017.

Ein Kleid der Bauhaus-Weberin Lis Beyer, das sie 1928 am Bauhaus für den Eigengebrauch entwarf und ausführte, ist ein glänzendes Beispiel hierfür. Das aus Baumwolle und Kunstseide gewebte Kleid ist die logische Umsetzung der modernen Denkweisen am Bauhaus: Der Entwurf ist reduziert auf ein puristisch-funktionales Minimum. Und auch Gertrud Arndt, die erst als Weberei-Studentin, dann als Meisterfrau am Bauhaus lebte, entwarf zumindest eines ihrer Kleidungsstücke selbst. Es ist ein hüftlanges Jäckchen mit Stehkragen aus einem zartgelben Stoff der Bauhaus-Weberei.

Ré Soupault, die am Bauhaus in Weimar studiert hatte, war zeitweise sogar beruflich als Modedesignerin tätig, erst für den Modemacher Paul Poiret und schließlich mit ihrer eigenen Marke „Ré Sport“. Mit Hosenröcken und einem Verwandlungskleid, das sich mit wenigen Handgriffen vom Bürokleid in ein Abendkleid umwandeln ließ, feierte sie im Mode-Mekka Paris ab 1931 Erfolge.

Transformationskleid von Ré Soupault in einer Reedition von Dorothee Schneider © Kunsthalle Mannheim 2011. Originalentwurf in Die Form, Heft 16, 1930.
Transformationskleid von Ré Soupault in einer Reedition von Dorothee Schneider © Kunsthalle Mannheim 2011. Originalentwurf in Die Form, Heft 16, 1930.

Selbst Johannes Itten, der sich in seinen frühen Jahren am Bauhaus indisch inspirierte Tuniken und Anzüge maßschneidern ließ, entwarf später ein Hosenrockkleid und eine Damenjacke (1932–38). Und nicht zu vergessen Oskar Schlemmer! Seine aufwändigen Theaterkostüme testeten die Grenzen der menschlichen Beweglichkeit in Kleidung aus. Auch wenn dies meist das ganze Gegenteil von Komfort bedeutete, wurden und werden seine Kostüme vielfach zitiert – man denke dabei nur an Pop-Ikonen wie David Bowie. Aber auch junge Fashion-Designer wie Julia Jentzsch, Anne Gorke und Jennifer Brachmann lassen sich in ihrer Arbeit von den klaren Formen und Farbkombinationen des Bauhauses inspirieren.

Anne Gorke, AW 2017, Dye & the Sky © Anne Gorke
Anne Gorke, AW 2017, Dye & the Sky © Anne Gorke

Ob exzentrische Schnitte à la Schlemmer, legere DIY-Looks oder klassische Kostüme – bis heute haben die Modetrends am Bauhaus nichts von ihrer Inspirationskraft verloren und könnten gerade im 21. Jahrhundert aktueller nicht sein. Denn Mode macht Spaß, ändert sich, wiederholt sich, ist manchmal verrückt und manchmal zugeknöpft, manchmal praktisch und manchmal auch einfach nur (un-)schön. Das war so, ist so und wird auch immer so bleiben.

Text: Anja Guttenberger

Julia Jentzsch, Foto (links): Semih Ozean, Paris, 2016; (rechts): Evan Browning, New York, 2015.
Julia Jentzsch, Foto (links): Semih Ozean, Paris, 2016; (rechts): Evan Browning, New York, 2015.
Julia Jentzsch, Homage to the Square, Foto: Evan Browning, New York, 2015.
Julia Jentzsch, Homage to the Square, Foto: Evan Browning, New York, 2015.


(1) Interview mit Gunta Stölzl, 11.11.1982, 10-seitiges Typoskript, The Getty Research Institute, S. 1.


Literatur:
Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin (2013): Eigentlich wollte ich ja Architektin werden: Gertrud Arndt als Weberin und Photographin am Bauhaus. 1923–31, Berlin.
Framke, Gisela (1996): Künstler ziehen an. Avantgarde-Mode in Europa 1910 bis 1939, Berlin.
Ganeva, Mila (2008): Women in Weimar Fashion. Discourses and Displays in German Culture, 1918–1933, Rochester.
Herold, Inge et al. (2011): Ré Soupault. Künstlerin im Zentrum der Avantgarde, Heidelberg.
Metzner, Manfred (2009): Ré Soupault. Das Bauhaus. Die heroischen Jahre von Weimar, Heidelberg.
The Getty Research Institute (1982): Interview mit Gunta Stölzl, 10-seitiges Typoskript.