Im Jahr 2017 übernimmt das Land Sachsen-Anhalt den jährlich wechselnden Vorsitz des Bauhaus Verbundes 2019. Ein Gespräch mit dem neuen Kuratoriumsvorsitzenden Rainer Robra.

Impressionen auf dem
Impressionen auf dem "Land der Moderne": Die Neuen Meisterhäuser Gropius und Moholy-Nagy, Architektur: Bruno Fioretti Marquez Architekten, 2010–14 / Foto: Doreen Ritzau, 2015. Stiftung Bauhaus Dessau.

Rainer Robra ist Chef der Staatskanzlei und Kulturminister von Sachsen-Anhalt. Er übernimmt im Jahr 2017 den Vorsitz des Bauhaus Verbundes 2019. Wir haben mit ihm über die Bedeutung des Jubiläums, neue Netzwerke, das Reisen auf den Spuren des Bauhauses und die Dekorationsvorlieben von Nina Kandinsky gesprochen.

Herr Robra, was verbinden Sie persönlich mit dem Bauhaus?

Das Bauhaus ist mir seit früher Kindheit ein Begriff, denn meine Mutter war sehr kunstbeflissen und schätzte die künstlerische Moderne von Brücke bis Bauhaus sehr. Ich habe es allerdings damals weniger mit den Wirkungsstätten der Schule in Dessau oder Weimar in Verbindung gebracht, sondern als eine weltweit bedeutende Kunstströmung begriffen.

Was ermöglicht das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum, was ansonsten nicht möglich gewesen wäre?

Das Jubiläum ermöglicht eine Vernetzung der drei Bauhausorte Weimar, Dessau und Berlin und vieler anderer Orte der Moderne in ganz Deutschland. Für Sachsen-Anhalt ist das 100-jährige Bauhaus-Jubiläum ein herausragendes Ereignis. Mit dem sehr erfolgreichen Ausstellungsprojekt „Große Pläne! – Die angewandte Moderne in Sachsen-Anhalt 1919 - 1933“ haben wir bereits 2016 einen ersten Einstieg in das Bauhaus-Jubiläum geschafft. Wenn der Landtag zustimmt, haben wir ab 2017 ein eigenes Kapitel im Landeshaushalt, um Projekte und Investitionen der Stiftung Bauhaus und von Partnern zu realisieren. Erste Infrastrukturmaßnahmen wurden mit der Grundsteinlegung für das neue Dessauer Bauhaus Museum in Angriff genommen.

Im Zuge der Vorbereitungen wird auch die Vernetzung mit anderen Bauhaus-Ländern ausgebaut. Das von der Kulturstiftung des Bundes großzügig finanzierte Projekt „Bauhaus Agenten“ entwickelt zusammen mit Schulen in Dessau, Weimar und Berlin ein innovatives Vermittlungsprogramm für Schülerinnen und Schüler. Damit geben wir den Geist des Bauhauses an die junge Generation weiter.

Das neue Bauhaus Museum Dessau wird 2019 eröffnen. Entwurf: Gonzaléz Hinz Zabala (addenda architects), Barcelona. Stiftung Bauhaus Dessau.
Das neue Bauhaus Museum Dessau wird 2019 eröffnen. Entwurf: Gonzaléz Hinz Zabala (addenda architects), Barcelona. Stiftung Bauhaus Dessau.

Sie übernehmen für 2017 den jährlich rotierenden Vorsitz des Bauhaus Verbundes 2019. Welche Aspekte sind Ihnen hier besonders wichtig?

2017 ist für das Bauhaus-Jubiläum ein wichtiges Jahr. Die strukturellen Grundlagen für das Jubiläumsjahr sind gelegt. Nun bedarf es einer konzeptionellen Weiterentwicklung des bisher Erarbeiteten in koordinierter Weise an allen Standorten. Auf Arbeitsebene wird jetzt in den beteiligten Institutionen der länderübergreifende Fahrplan bis zum Jubiläumsjahr 2019 festgelegt. Wir können dabei viele Erfahrungen aus dem Reformationsjubiläum und seiner Vorbereitung einbringen. Es freut mich daher, dass Sachsen-Anhalt jetzt den Vorsitz des Bauhaus Verbundes übernommen hat. 

Im März werden das Jubiläumsprogramm „100 jahre bauhaus“ und Bauhaus-Reiseziele auch auf der Internationalen Tourismus Börse vorgestellt. Welche Orte muss man aus Ihrer Sicht zum Jubiläum unbedingt bereist haben?

Natürlich stehen das Bauhausgebäude, die Meisterhäuser und die Siedlung Törten ganz oben auf der Liste. Doch es gibt bei uns im Land noch sehr viel mehr zu entdecken. Die Partnerstationen des Programms „Land der Moderne“ nehmen diese versteckten Kleinode in den Blick.

Eine echte Überraschung für Reisende ist zum Beispiel das Diakonissenmutterhaus in Elbingerode, entworfen von Godehard Schwethelm. Nicht verpassen sollte man darüber hinaus einen Besuch in der Landeshauptstadt Magdeburg. Sie war im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, angetrieben von Menschen wie Bruno Taut und Carl Krayl, als „Stadt des neuen Bauwillens“ ein Experimentierfeld der modernen Architektur. Die expressionistische Fassadenbemalung der Otto-Richter-Straße vermutet man vielleicht in Orten wie Amsterdam oder New York, aber sicherlich nicht in einer Magdeburger Wohnsiedlung.

Entdeckungen dieser Art lassen sich mit dem Bauhaus-Jubiläum in ganz Deutschland unternehmen. Die „Grand Tour der Moderne“ – eine eigens für das Jubiläum konzipierte Reiseroute – wird beispielsweise 100 Orte im gesamten Bundesgebiet verbinden.

Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg, Elbingerode, Architektur: Godehard Schwethelm, 1932–34 / Foto: Gunar Preuß. LDA Sachsen-Anhalt.
Diakonissen-Mutterhaus Neuvandsburg, Elbingerode, Architektur: Godehard Schwethelm, 1932–34 / Foto: Gunar Preuß. LDA Sachsen-Anhalt.

In Sachsen-Anhalt ist momentan vor allem Luther und die Reformation in aller Munde. Welche Rolle spielt das Bauhaus-Jubiläum für Ihr Bundesland?

Mit dem Bauhaus-Jubiläum hat Sachsen-Anhalt die große Chance, nur zwei Jahre nach dem Reformationsjubiläum erneut international auf sein reiches kulturelles Erbe hinzuweisen. Wir haben nicht nur das Mittelalter der Ottonen und Originalschauplätze der Reformation zu bieten, sondern verfügen mit dem Bauhaus über eine Bildungsstätte, die wegweisend für die Architektur der Moderne, für Gestaltung und Pädagogik war und auch heute noch Experimente wagt. Mir ist vor allem wichtig, dass wir sichtbar machen, wie attraktiv diese Region ist und bereits zur damaligen Zeit war – immerhin konnte sie sich nach der Zuspitzung in Weimar gegen eine starke Konkurrenz behaupten und Gropius sowie sein Team zum Wechsel nach Dessau überzeugen. Genau hier möchten wir anknüpfen und Sachsen-Anhalt als Land der Aufklärung und der Klassischen Moderne weiter profilieren und noch bekannter machen.

Das Bauhaus-Jubiläum wird in ganz Deutschland und im Ausland gefeiert. Welche Chancen sehen Sie darin?

Weltweit haben die am Bauhaus entstandenen Arbeiten das Verständnis von Architektur und Design beeinflusst. Internationale Architektur ist heute ohne das Bauhaus kaum vorstellbar. Man denke etwa an die Weiße Stadt von Tel Aviv oder die Van-Nelle-Fabrik in Rotterdam, die beide ebenfalls UNESCO-Weltkulturerbe sind. Moderne Wohnraumgestaltung, öffentlicher und privater Wohnungsbau verbunden mit modernem Lebensstil wurden von der Philosophie des Bauhauses geprägt. Es avancierte zum wichtigsten künstlerischen Beitrag Deutschlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das Bauhaus ist eine weltweit bekannte Marke, mit der wir auch heute noch auf den Innovationsstandort Deutschland aufmerksam machen können und werden.

Welchen Bauhäusler hätten Sie gerne kennengelernt und was hätten Sie von ihm erfahren wollen?

Das Ehepaar Kandinsky, weil mich brennend interessiert, wie er damit umgegangen ist, dass sie die Wohnung im Meisterhaus praktisch jedes Jahr neu gestrichen oder tapeziert hat, und warum sie ständig umdekoriert hat.

 

[FE 2017]