Im Jahr 2018 übernimmt das Land Berlin den jährlich wechselnden Vorsitz des Bauhaus Verbundes 2019. Ein Gespräch mit dem Senator für Kultur und Europa des Landes Berlin, Dr. Klaus Lederer (Die Linke).

Dr. Klaus Lederer, Berliner Senator für Kultur und Europa / Foto: Gökhan Yilmaz
Dr. Klaus Lederer, Berliner Senator für Kultur und Europa / Foto: Gökhan Yilmaz

Dr. Klaus Lederer ist Stellvertreter des Regierenden Bürgermeisters von Berlin und Senator für Kultur und Europa. Sein Bundesland übernimmt im Jahr 2018 den Vorsitz des Bauhaus Verbundes 2019. Wir haben mit ihm über die soziale Dimension des Bauhauses, die Pläne Berlins für das große Jubiläumsjahr und Bildung als Privilegien-Reproduktionsmaschine gesprochen.

Herr Lederer, was ist für Sie bauhaus now?

Bauhaus ist ja in verschiedenen Formen, in verschiedenen Kunstrichtungen und auch in verschiedenen Sparten künstlerischen Schaffens heute immer noch prägend. Wenn ich nach Tel Aviv fahre, laufe ich durch eine ganze Stadt, die vom Bauhaus geprägt ist, wenn ich in einen Porzellanladen gehe, sehe ich es auch an allen Ecken und Enden. Zwischen Gebrauchsgegenständen und Design, von Fotografie bis hin zur Baukunst ist das Bauhaus nach wie vor präsent – auch wenn es die meisten gar nicht so unmittelbar wahrnehmen. 

Davon abgesehen ist die Bauhausschule natürlich eine abgeschlossene Epoche, die in einem bestimmten zeithistorischen Kontext entstanden ist und aus dem sie auch nicht unmittelbar herausgelöst werden kann. Insofern ist Bauhaus Geschichte. Wenn wir über 100 Jahre Bauhausgründung reden, dann reden wir darüber, welchen Einfluss das heute noch hat im Sinne von: Was können wir an verschütteten Wurzeln freilegen und mitnehmen als Instrumentenkasten für heutige Herausforderungen?

Das Bauhaus ist nicht nur irgendeine Kunstrichtung oder Kunstschule, es hat auch eine eminent politische Bedeutung gehabt. Wir leben in einer Zeit, in der sich so viele Fragen, von denen die letzten beiden Generationen vielleicht dachten, sie wären abgeräumt und gelöst, in anderer Form wieder völlig neu stellen, so dass es sich lohnt zu gucken: Was war eigentlich vor 100 Jahren und wie ist da mit den Herausforderungen umgegangen worden?

 

Verstehen Sie das Motto unseres Jubiläums eigentlich mehr als „100 Jahre lang“ oder eher als „vor 100 Jahren“?

Es ist beides. Nachdem die Werkbunddebatten um die Funktion von Kunst in der Gesellschaft mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges abgebrochen sind, steht Bauhaus für mich für den Versuch, erneut Anlauf zu nehmen, solche Fragen auf die Tagesordnung zu setzen, als ganz Europa gerade von einem revolutionären Geist durchzogen war. Und dieser revolutionäre Geist reflektierte sich in der Kunst, in einem idealistischen, revolutionären Anspruch an Kunst. Das verkörpert ja jemand wie Gropius auf eine prototypische Art und Weise. Nichtsdestotrotz ist 1933 nicht einfach Schluss damit gewesen, sondern es entwickelten sich aus dieser Wurzel ganz unterschiedliche Stränge, die sich auch mit der Gesellschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts auf ganz enge Art und Weise verwoben haben.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen: Im Berliner Bauhaus-Archiv ist ja noch bis März 2018 die Ausstellung über das New Bauhaus in Chicago zu sehen, das, nachdem Moholy-Nagy und andere ins Exil gedrängt wurden, erst entstehen konnte. Auf der anderen Seite haben wir jemanden wie Hannes Meyer, der das Bauhaus in den späten zwanziger Jahren zwar nur sehr kurz, aber dafür mit einem sehr, sehr kräftigen Bekenntnis zu einem politischen Anspruch geprägt hat, bevor er ins Exil in Richtung Sowjetrussland gegangen ist. Man sieht, dass aus dieser Wurzel Bauhaus letztlich ein Netzwerk entstanden ist, das bis in die Gegenwart fortwirkt auf verschiedene Art und Weise, Fotografie prägt, Design prägt, Gebrauchskunst prägt, Baukunst prägt – und dieses Netz ist international.

 

2019 findet aufgrund der Gründung des Bauhauses ein deutschlandweites Jubiläum mit internationaler Strahlkraft statt. Welche Bedeutung hat für Sie die Spaltung der Sozialdemokratie in „Sozis“ und „Linke“, die sich letztes Jahr ebenfalls zum hundertsten Male gejährt hat?

Einerseits glaube ich, dass sich diese Trennung spätestens 1989/90 insofern überlebt hat, als dass weder die sozialreformerische noch die sozialrevolutionäre Linke grundlegende Veränderungen am Kapitalismus durchsetzen konnte. Beide sind im Grunde gescheitert. Deswegen steht eigentlich seit 89/90 die Frage der Wiedererfindung einer Linken im Raum, die pragmatisch genug ist, sich im Hier und Jetzt unter den gegebenen Spielräumen zu bewegen, die aber auch visionär und mobilisierend genug ist, über den Tag hinaus zu denken und bestimmte Strukturen der Gesellschaft in Frage stellt, und das über den nationalen Rahmen hinaus.

Derzeit hat man eher das Gefühl, dass die Spaltung der Linken und die Ideenlosigkeit der Linken zu ihrer Marginalisierung führen. Sie schafft es auch nicht wirklich, über den engen Tellerrand des nationalstaatlichen Rahmens hinauszuschauen. Was macht eigentlich eine zeitgemäße, kapitalismuskritische Linke, die sich nicht begnügen will mit der Anpassung an äußere Veränderungsprozesse, die nicht einfach nur will, dass wir affirmativ nachvollziehen, was uns DIE Globalisierung, DIE internationalen Finanzmärkte, DIE internationalen Verflechtungen der wirtschaftlichen Akteure, DIE internationalen Kapitalflüsse ins Stammbuch schreiben?

 

Was hat Sie am Bauhaus am meisten überrascht, seit Sie sich mit diesem Thema auch beruflich auseinandersetzen?

In gewisser Weise bin ich der klassische postmoderne Mensch, der nicht wirklich vermag, Berufliches und Privates voneinander zu trennen. Das ist einerseits Mist, vor allem, wenn man einen Beruf hat, der total spannend ist. Andererseits ist das aber auch total schön, weil mir das die Chance gibt, mich immer wieder weit über das Berufliche hinaus mit neuen Herausforderungen auseinanderzusetzen, dazuzulernen. Insofern ist für mich Bauhaus auch nichts, von dem ich sagen könnte, es gäbe ein Bauhaus vor der Kultursenatorenzeit und ein Bauhaus während der Kultursenatorenzeit. Das ist ein immerwährender Lernprozess.

 

Staatsminister Rainer Robra übergab den Vorsitz im Bauhaus Verbund von Sachsen-Anhalt an Berlin - vertreten durch Staatssekretär Kultur Dr. Torsten Wöhlert. / Foto: Senatsverwaltung für Kultur und Europa
Staatsminister Rainer Robra übergab den Vorsitz im Bauhaus Verbund von Sachsen-Anhalt an Berlin - vertreten durch Staatssekretär Kultur Dr. Torsten Wöhlert. / Foto: Senatsverwaltung für Kultur und Europa

Welche Themen beobachten Sie im gegenwärtigen Kulturbetrieb, die Sie auch mit dem Bauhaus in Verbindung bringen würden?

Was derzeit stark diskutiert wird, erinnert mich durchaus an das berühmte Diktum von Hannes Meyer „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, also die gesellschaftliche Funktion von Kunst. Kunst ist nichts, was dem Destinktionsbedürfnis der Oberschicht oder der Bespaßung und der Lustbefriedigung eines kleinen Teils der Bevölkerung dienen sollte. Kunst ist etwas, was eminent wichtig ist, vor allem auch in einem gesellschaftlichen Prozess der Selbstverständigung.

Wir diskutieren heute über die Demokratisierung von Kunsterzeugung, wie die der Partizipation von Kunst durch Digitalisierung, wir diskutieren über die Vielfalt im Kunstbetrieb, also wie spiegelt sich eigentlich die Buntheit unserer Migrationsgesellschaft in den Institutionen, in den Kunstsparten ab, auf der Bühne, hinter der Bühne, im Zuschauerraum, im Programm?

Wir diskutieren gerade über Kolonialismus und über die Frage, ob das eine kleine Epoche deutscher Geschichte oder ob das nicht eigentlich eine europäische Geisteshaltung war, die bis heute tief in die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse, aber auch in die Gehirne der Leute eingeschrieben ist. Was wir heute als klassische Musik empfinden, ist doch nur ein sehr kleiner Ausschnitt dessen, was weltweit an spannenden, innovativen, künstlerischen Schritten gegangen worden ist. Also da passiert, glaube ich, gerade etwas ganz Neues, quasi auch als Reflex zur ökonomischen Globalisierung.

 

Erst haben Nazis das Bauhaus zur Selbstauflösung gedrängt, dann haben Sozialisten seine Wiedereröffnung nach dem Krieg verhindert. 100 Jahre später feiern 11 Landesregierungen seine Gründung – von den Linken über Grüne und SPD bis hin zu FDP und CDU. Wie geben wir dem Bauhaus jenen Biss zurück, für den es einst angeeckt und berühmt geworden ist?

Zynisch könnte man sagen: Nur ein totes Bauhaus ist ein gutes Bauhaus, denn so lässt es sich bequemer feiern. Jetzt, wo ihm die Spitze genommen wurde und alle nur auf das gut verkäufliche Gebrauchsdesign verweisen oder auf die Kulturerbestätten, die sich über die Welt verteilt, von Chicago über Berlin, Dessau und Weimar bis hin nach Tel Aviv. Doch natürlich kann die Befassung mit historischen Epochen von Reibung zwischen Kunst und Gesellschaft im Idealfall auch eine echte Inspirationsquelle für heute sein. Gerade in dem Sinne, wie ich es eben bezeichnet habe: Was machen wir eigentlich mit den heutigen Herausforderungen, wie gehen wir damit um, wie geht die Kunst damit um, wie geht die Gesellschaft damit um, wie bringt uns das voran? Das ist für mich das wirklich Anspruchsvolle an diesem Jubiläum.

 

Die große Eröffnungswoche zu 100 jahre bauhaus findet ja Anfang 2019 in Berlin statt. Auf welche anderen Veranstaltungen können sich Berliner wie Berlin-Besucher im Jubiläumsjahr freuen?

Wir haben gleich zwei der Initiativprojekte von 100 jahre bauhaus in Berlin zu Gast, die eben erwähnte Eröffnungsfeier in der Akademie der Künste am Hanseatenweg, aber auch bauhaus imaginista im Haus der Kulturen der Welt. Bernd Scherer und das Kuratorenteam um Marion von Osten und Grant Watson verbinden da unfassbar interessante zeitgenössische Fragen mit historischen Rückschauen in die Kunstgeschichte. Und das auch immer strikt international, also im besten Sinne divers. Dazu kommt dann in der Berlinischen Galerie noch die große Jubiläums-Ausstellung, die mit einem jeweils anderen Fokus auch an den beiden anderen Bauhaus-Städten stattfinden wird.

Unser Landesdenkmalamt wird im nächsten Jahr auch einen Fokus auf Moderne und Nachkriegsmoderne legen. Das ist ja gerade in einer geteilten Stadt wie Berlin besonders spannend. Ich freue mich aber auch auf bürgerschaftliche Initiativen wie zum Beispiel „Tautes Heim”, eine Art Übernachtungsmuseum in der Bruno-Taut-Siedlung, ein ganz kleiner, engagierter Kreis von Leuten, die auf diese Weise die Welterbesiedlungen der Moderne in Berlin bekannter machen. Darüber hinaus hoffe ich natürlich auch, dass es Künstlerinnen und Künstler geben wird, die sich mit gesellschaftlichen oder ästhetischen Fragestellungen auseinandersetzen, die die eine oder andere Anleihe ans Bauhaus machen.

 

Welches Ziel haben Sie sich für das Jahr Ihres Vorsitzes gesetzt?

Wir sind ja Primus inter pares und haben insofern weder eine Richtlinienkompetenz noch sind wir diejenigen, die anordnen, was passiert. Aber wir führen zusammen, was dezentral wächst. Das Schöne ist natürlich die Verzahnung mit dem Europäischen Kulturerbejahr, das dieses Jahr begangen wird. Wenn irgendetwas europäisches Weltkulturerbe ist, dann ist es das Bauhaus. Wir können 2018 also dazu nutzen, das Publikum neugierig auf 2019 zu machen und Lust darauf, was das Bauhaus-Jubiläum zu bieten hat. Und wir können natürlich die Chance nutzen, Initiativen auszulösen, Leute zusammenzubringen und unsere eigenen inhaltlichen Themen voranbringen.

 

Klaus Lederer im Gespräch mit Nicolas Flessa

Apropos Europäischen Kulturerbejahr: Welche Highlights sind derzeit in Berlin zu sehen?

Wir verbinden hier Baukultur, Industriekultur und Erinnerungskultur miteinander. Eines der größeren Projekte in Zusammenarbeit mit der Topographie des Terrors ist die Entwicklung des ehemaligen Flughafens Tempelhof zu einem Erinnerungsort, einem Baukulturort. Mit dem Berliner Zentrum für Industriekultur machen wir Vermittlungsangebote über Industriekultur – man glaubt ja heute gar nicht mehr, dass Berlin einmal die größte Industriestadt Europas war.

 

Versetzen wir uns in das Jahr 2020: Was muss im vergangenen Jahr passiert sein, damit Sie als Kulturpolitiker wie als Linker das Gefühl haben, die Mittel, die in dieses Jubiläum geflossen sind, haben sich gelohnt?

Die Hoffnung, dass das Bewusstsein dafür wächst, was das Bauhaus war. Mehr als einfach nur eine Kunstrichtung, ein Stil. Dass wir insgesamt vielleicht auch etwas getan haben für eine größere Neugier auf die Verbindungen von Kunst und geistigen Strömungen mit der Politik und Gesellschaft der jeweiligen Zeit. Mit allem Potential, das in diesem Spannungsfeld entstanden ist. Schön wäre es, wenn das, was man am Bauhauserbe freilegen kann, nochmal einen ganz anderen Schub erfahren hat, eine ganz andere Resonanz, einen anderen Widerspiegel in der zeitgenössischen Kunst. Und natürlich hoffe ich, dass wir es in Berlin als relativ „kleiner“ Bauhaus-Stadt im Vergleich zu Weimar und Dessau hinbekommen haben, tolle Gastgeber zu sein für die, die hierher gekommen sind, um mit uns das Bauhausjubiläum zu feiern – mit einem wirklich sehr breit gefächerten und auch nachdenklich machenden, Wissen vermittelnden Programm.

 

Wenn Sie in den Geist des Bauhauses denken, was wünschen Sie sich für die Bildung in dieser Stadt, in diesem Land?

Eigentlich geht es um die Frage, wie wir Bildung nicht als Zwischenstation zur Selbstverwertung der Arbeitskraft am Arbeitsmarkt, sondern als eine egalitär für alle bereitzustellende Ressource betrachten, um die großen Herausforderungen der Gesellschaft zu lösen. Im Kleinen fangen wir an, indem wir hier den kostenlosen Ganztagsschulbetrieb, den kostenlosen Universitätsbetrieb vorantreiben, aber – und da ist dann die Schnittstelle zwischen Kunst- und Bildungspolitik – eben auch eine Infrastruktur der kulturellen Bildung bereitstellen, der Vermittlung von Ästhetik und ästhetischen Maßstäben oder der Fähigkeit zur Ausprägung ästhetischer Maßstäbe. Indem wir auch etwas dafür tun, dass die in den Schulen immer weiter abgespeckten künstlerischen Fächer wieder in den Fokus gerückt werden – und sei es in eigens dafür eingerichteten Institutionen wie Bibliotheken, Musikschulen, Kunstschulen, aber auch an den Schulen und Universitäten. Wir sind ja mit unseren Kunsthochschulen in Berlin so schlecht nicht…

 

Denken wir nochmal an die Gründung des Bauhauses: Glauben Sie, es braucht hierzulade eine völlig neue Schule – oder reicht es aus, das Bestehende einfach weiterzuentwickeln?

Eines der größten Probleme der deutschen Bildungspolitik ist es, dass das Schulsystem immer noch anmutet wie eine Privilegien-Reproduktionsmaschine, die ein Maß an sozialer Ausgrenzung und Ungleichheit von Chancen reproduziert, das längst überholt ist. Auch die Kleinstaaterei. Wir leben nicht mehr in der Kaiserzeit. Von allen wird Mobilität verlangt, aber wenn du mit deiner Familie in ein anderes Bundesland ziehst, stellst du plötzlich fest, dass jedes Bundesland ein eigenes Schulsystem besitzt. Die Egalisierung von Bildung ist eine Grundvoraussetzung zur Lösung sozialer Ungleichheiten in der Gesellschaft. Es ist im Grunde conditio sine qua non – aber es braucht natürlich noch mehr.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Lederer!

 

[NF 2018]