Der junge Architekt Hermann Kamte ist so etwas wie der Shootingstar der südafrikanischen Architekturszene. Auf dem Festival ArchitectureZA 2018 stellte der Kameruner seinen „Wooden Tower“ in Lagos vor – eines der vielversprechendsten Projekte im Bereich des Nachhaltigen Bauens. Im Rahmen von bauhaus now #2 spricht unsere Autorin Cordula Rau – selbst Architektin und Publizistin zu internationalen Architekturthemen – über Architektur und Stadtentwicklung und die Smart Cities von morgen.

Wooden Tower in Lagos / Architekt: Architects: Hermann Kamte & Associates (HKA) / © Hermann Kamte & Associates (HKA)
Wooden Tower in Lagos / Architekt: Architects: Hermann Kamte & Associates (HKA) / © Hermann Kamte & Associates (HKA)

Eine Stadt ist ein pulsierender Organismus, in dem Menschen mit unterschiedlichen Intereressen um ihren Platz kämpfen und um Zusammenleben ringen. Sie ist ein Kosmos mit unzähligen Lichtern, aber auch mit Schatten, mit Orten der Fröhlichkeit, des Luxus, des Elends, ein Universum der Kreativität und gleichzeitig der Gefahr. So nannte der Romancier Honoré de Balzac Paris einmal einen „sich jeder Beschreibung entziehenden Ozean mit versteckten Plätzen und unberührten Höhlen, mit Blumen, Perlen und Monstern.“

Was bedeutet Stadt heute? Architekturmagazine beschäftigen sich mit dem Metier von Stadtplanern und Architekten. Sie präsentieren oft frisch fertig gestellte Gebäude, die von keinen Spuren des Gebrauchs verunstaltet sind. Auch der Planungsdiskurs bewegt sich eher auf der konzeptionellen Ebene. Die Konzepte beinhalten ein Versprechen für die Zukunft. Man erfährt erst Jahre später, ob ein Haus tatsächlich angenommen wird.

In den Großsiedlungen der 60er und 70er Jahre erkennt man heute die Diskrepanz zwischen Planung und Realität. Soziale Verhältnisse und mit ihnen das Wohnen entwickelten sich anders als geplant. Im Wohnen spiegeln sich nahezu alle gesellschaftlich relevanten Prozesse wieder. Das betrifft die rasanten technischen Entwicklungen, die Veränderungen in der Sozialstruktur, der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, im kommunikativen Verhalten und im kulturellen Selbstverständnis. Nach Jahrzehnten der Ellbogengesellschaft schlägt das gesellschaftliche Pendel heute wieder in Richtung Gemeinschaftlichkeit aus. Die soziale Kälte, die aus der Ökonomisierung aufgestiegen ist, und die emotionale Verarmung, die sich in der Anpassung ausgebreitet hat, lassen Gemeinsamkeit wieder zu einem Wert werden.

Ecological Correctness

Was ist Stadt heute? Eine Stadt besteht aus Menschen, die dort wohnen und arbeiten. Dazwischen fliesst der Verkehr – physisch und virtuell, individuell und öffentlich. Die digitale Zukunft in der Stadt, in und um das Haus herum, verändert den Verkehr und das dazugehörige Umfeld drastisch. Smart Cities und Nachhaltiges Bauen sind zweifellos die beiden großen Gegenwarts- und Zukunftsthemen der Architektur.

Der Klimawandel initiierte einen Paradigmenwechsel in der Gesellschaft. Es ist eine der spannenden Herausforderungen unserer Zeit, Architektur diesbezüglich neu zu definieren. Seit Jahrzehnten ist das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde. Man versucht dem Begriff mit Zertifikaten, Energiepässen und Umweltengeln beizukommen. Seine Interpretationsvielfalt macht ihn genauso begehrt wie fragwürdig. Bei aller „Ecological Correctness“ stellt sich die Frage, wie nachhaltig Nachhaltigkeit eigentlich ist.

Nachhaltigkeit darf kein Trend sein, sondern muss sinngemäß ein nachhaltiges Thema bleiben. Beim Bauen kann man erst in 50 Jahren genau sagen, wie nachhaltig ein Gebäude ist. Nachhaltige Architektur ist, wenn weniger wirklich mehr ist. Ein Neubau sollte natürlich so wenig nicht erneuerbare Energie und Ressourcen wie möglich verbrauchen. Andererseits wird ein Gebäude nicht gepflegt, wenn es nicht angenommen und „liebenswert“ ist. Gute Architektur muss etwas Besonderes haben, damit sie auch Generationen später noch bestehen kann.

Nachhaltige Entwürfe aus Afrika

Ein wichtiger Vertreter des Nachhaltigen Bauens ist Hermann Kamte aus Kamerun, Gründer von HKA | Hermann Kamte & Associates, und das nicht nur in seiner Heimat Afrika. Geboren 1992 in Jaunde zog er 2010 nach Ngaoundere, um dort Physik zu studieren. 2011 schrieb er sich an der „École Africaine des Métiers de l'Architecture et de l'Urbanisme“ in Togo ein. Durch Großprojekte wie „Lagos Holzturm | Abebe Court Tower, Lagos – Nigeria“, „Die Vergessenen – Toten oder Lebendigen | Regeneration des Tschadsees“ oder „Native Skyscraper | Baobab Tower , Yaoundé – Kamerun“ machte Kamte auch international auf sich aufmerksam. Für seinen Holzturm in Lagos wurde er erst letztes Jahr von den Juroren des World Architecture Festival gewürdigt. Seine Entwürfe gelten bereits jetzt als Leuchttürme mit Strahlkraft.

Wohnungen mit Licht, Luft und Sonne zu bauen war schon ein Grundsatz des Bauhauses vor hundert Jahren. Das sozialkritische Ziel der Moderne sah vor, jede Person in einem Umfeld wohnen zu lassen, das als Grundlage für Gesundheit und Wohlbefinden dienen konnte. Lage und Preissegment von Kamtes „Wooden Tower“ sind vielleicht nicht dazu angetan, die drückende Situation der Slumbewohner vor Ort zu verbessern. Als Diskussionsbeitrag, wie sich Lagos künftig von einem wuchernden Gebilde zu einer geordneten Stadt entwickeln könnte, ist es jedoch vielversprechend.

Im Jahr 2050 leben von den prognostiziert elf Milliarden Menschen sieben Milliarden im städtischen Raum. Das übt erheblichen Druck auf die Stadt und ihre Ressourcen aus. Man wird in die Höhe bauen müssen. Wolkenkratzer werden sich intelligent verhalten und auf energetische, ökologische und bioklimatische Anforderungen reagieren. Kamerun ist diesbezüglich ein Testland. Im tropischen Afrika mit dem zweitgrößten Waldreichtum des Kontinents werden 300 Arten auf 22 Millionen Hektar geschätzt. Hermann Kamte plant mitten im Zentrum Jaundes einen spiralförmigen Turm als „Native Skyscraper“. Das Material für die Struktur des Hochhauses ist Holz. Das sorgt für ein angenehmes Mikroklima. Der „Native Skyscraper“ bietet mit seiner Fassade aus Holz, Glas und Pflanzen intelligentes Zukunftsdesign

Städtische Nachverdichtung in Holz

HKA hat es sich zur Aufgabe gemacht, einen Plan B zu entwickeln für eine Stadt, die bereits jetzt aus allen Nähten platzt. Lagos ist eine der bevölkerungsreichsten Städte der Welt. Bis zu 18 Millionen Einwohner leben hier. Viele Einwohner wohnen in Slums, die Superreichen in Villen auf riesigen Grundstücken. Der eigentlichen Stadt fehlt es an Struktur. Die städtische Textur ist ungeordnet, die Stromversorgung prekär. Weder reichen die Straßen, noch die Grünflächen aus. Da Lagos zum Teil auf Inseln errichtet ist, gestaltet sich das Flächenwachstum schwierig. 

Hermann Kamte & Associates wollen bestehende Gebäude mit einem Holz aufzustocken. Das aufzustockende Bestandsgebäude wird mit einem hauseigenen Stromgenerator und einer Brauch- und Abwasserversorgung aufgerüstet. Von der Sonnenschutzfassade über großzügige Gemeinschaftsräume bis hin zur Gebäudebegrünung bietet das Gebäude alles, was man von einem Wohnhochhaus der gehobenen Kategorie erwartet. Die Konstruktion ermöglicht eine Aufstockung um zweiundzwanzig Etagen. Holzwerkstoffe schaffen eine schnelle, leichte und grüne Konstruktion. Dass Lagos über Wälder zur Holzgewinnung verfügt, verbessert den CO2-Abdruck der Konstruktion dank kurzer Wege.

Holzmaterialien machen einen Bruchteil der weltweiten Bautätigkeit aus. Um eine erfolgreiche Zukunft für die Branche zu gewährleisten, muss man den Umgang zukünftig überdenken. Man wird schneller, kostengünstiger und effizienter bauen. Dank Designern wie Hermann Kamte besteht Hoffnung. Die Architekten bezeichnen ihren Entwurf als experimentellen Bau. Für das, wie sich Lagos künftig von einem wuchernden Gebilde zu einer geordneten Stadt entwickeln kann, ist der Beitrag ernst zu nehmen. Städtische Nachverdichtung im Sinne einer vertikalen Infrastruktur wird ganz sicher ein Thema der Zukunft sein. Ein weiterer Fokus liegt auf der Vernetzung der Stadt.

Entwurf von Kalasatama, Helsinki/ © Voima Graphics
Entwurf von Kalasatama, Helsinki/ © Voima Graphics

Zusammenarbeit für eine intelligente Nachbarschaft

Was das Thema Smart City betrifft, ist das Konzept der Smart Kalasamata in Helsinki geradezu beispielhaft. Wie sieht intelligentes Wohnen von morgen aus? Die Visionen, was Architektur und Stadtplanung hundert Jahre nach dem Bauhaus zu leisten vermag, sind vielfältig. Sie betreffen damals wie heute nicht nur jeden Einzelnen, sondern die Gemeinschaft. Was den technologischen Fortschritt betrifft, ist die heutige Situation jedoch nicht mehr im entferntesten mit den Voraussetzugen von damals zu vergleichen.

In den Städten Helsinki, Espoo, Tampere, Vantaa, Oulu und Turku leben rund 30 Prozent der finnischen Bevölkerung. Die sechs größten Städte Finnlands schlossen sich zusammen, um Herausforderungen effektiver zu meistern. Die Initiative, die auf thematischer Zusammenarbeit und nicht auf geographischer Region basiert, stärkt die Gemeinschaft. Der Stadtbezirk Kalasatama im Zentrum von Helsinki umfasst Wohnraum für 18.000 Menschen und 10.000 Arbeitsplätze. Gemeinsam mit Anwohnern, Unternehmen, Stadtvertretern und anderen Interessengruppen werden intelligente städtische Lebens- und Dienstleistungsbereiche getestet. Die Sechs-Städte-Strategie wird mithilfe kooperativer Projekte umgesetzt.

Nachhaltige Entwicklung, Energieeffizienz und Abfallwiederverwendung sind die Eckpfeiler der Entwicklung von Kalasatama. Das Projekt „Intelligent Energy Systems“ arbeitet an einem eigenen Elektroauto-Netzwerk und einem Energiespeicher. Ein auf Vakuum basierendes Entsorgungssystem ist bereits in Betrieb. Kalasatama wie der Rest von Helsinki investiert massiv in die Öffnung und Verbreitung öffentlicher Daten. Ziel ist es, die Daten im Stadtverkehr zu nutzen, um Information über lokale Luftqualität oder Car-Sharing-Angebote bereitzustellen.

Freizeit durch gute Architektur

Kalasatama ist ein Entwicklungslabor für Innovation. Zu den neuen Wohnformen gehören schwimmende Apartments. Durch gemeinsames Bauen entstehen maßgeschneiderte Häuser. Digitale Gesundheitsdienste werden als Teil des künftigen Angebots getestet. Das eigene Auto ist obsolet. Hausbewohner benutzen die vorhandenen Elektroautos. Tagsüber eine Drehscheibe für neue Lehr- und Lernformen, wird die Schule am Abend zum Treffpunkt für die Bewohner. Ein Campus mit 1.500 Studenten lockt mit nutzerorientierter Innovation und Internationalität. Ein lebhafter Ort für Veranstaltungen, neue Geschäfte und Esskultur entsteht mit der Pop-Up-Fabrik. Sie gibt Schülern Raum, ihre unternehmerischen Fähigkeiten im Kontext mit lokalen Unternehmen real zu testen.

Das intelligente Energienetz unterstützt die Nutzung von Elektrofahrzeugen, Energiespeicherm, energieeffizienter Gebäudeautomation und lokaler Energieerzeugung. Der Smart-Space-Share-Pilot zielt darauf ab, den Bürgern verfügbaren Raum für Arbeit, Freizeit und Spiel zu stellen. Überschüssiger Strom aus erneuerbaren Energiequellen wie Solarmodulen und Windräder wird ins Stromnetz eingespeist. Damit werden Energieverbrauch und Emissionen gesenkt.

Der Stadtteil Kalasatama wird weltweit zum Maßstab für intelligente Städte. Es ist ein Meilenstein auf dem Weg zu einem intelligenteren und flexibleren städtischen Stromnetz, das erneuerbare Energiequellen integriert und den Menschen hilft, die Vision von nachhaltigem urbanen Wohnen zu verwirklichen. Helsinki verfolgt mit Smart Kalasatama das Ziel, so viel Ressourcen zu einzusparen, dass jeder Bewohner am Tag eine zusätzliche Stunde an Freizeit gewinnt. Das ist die Vision.

 

[CR 2018]