Anlässlich des Internationalen Frauentages 2016 haben wir uns mit der Buchautorin Ulrike Müller („Bauhaus-Frauen“) über neue Frauenbilder und vermeintlich weibliche Handwerkstraditionen am Bauhaus unterhalten.

Die Frauen am Bauhaus standen für ein neues, selbstbewusstes Frauenbild. Artikel „Mädchen wollen etwas lernen“ in: Die Woche, 4. April 1930, S. 30-33 (ohne Autor)
Die Frauen am Bauhaus standen für ein neues, selbstbewusstes Frauenbild. Artikel „Mädchen wollen etwas lernen“ in: Die Woche, 4. April 1930, S. 30-33 (ohne Autor)

Frau Dr. Müller, das Bauhaus zählte einerseits zu den ersten Kunsthochschulen, die Begabte „ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht“ aufnahmen. 1919 begannen 84 weibliche und 79 männliche Studierende – kurz darauf forderte Gropius andererseits „eine scharfe Aussonderung (...) vor allem bei dem der Zahl nach zu stark vertretenden weiblichen Geschlecht“. Angenommen, wir hätten eine Zeitmaschine. Wo am Bauhaus wären uns Frauen begegnet?

Es gab ja von Gropius anfangs den etwas verkrampften Versuch, Frauen in einer Art Frauenwerkstatt – der Weberei – auf ihr angeblich traditionelles Handwerk zu reduzieren. Das führte am Ende aber zu einer ungeheuren Innovationskraft. Hier hätte man als Zeitreisender Experimente mit Materialien betrachten können, von der Wolle zur Synthetik, aber auch Entwicklungen vom Teppich zum Bodenbelag, vom Einzelstück zur industriellen Fertigung.

Die Weberei war es auch, die von 1927 bis 1931 über die einzige Meisterin des Bauhauses verfügte: Gunta Stölzl. Aber wie sah es in den anderen Werkstätten mit der Beteiligung von Frauen aus?

In der Metallwerkstatt hätten wir unter lauter Männern eine schlanke, dunkelhaarige Frau namens Marianne Brandt getroffen, die am Bauhaus das Metalldesign ihrer Zeit entscheidend prägte. Wir wären sicher auch Johanna Hummel begegnet, bevor sie die Schule verlassen musste, weil sie entgegen der Satzung auf eigene Faust ihre am Bauhaus entstandenen Werke verkaufte. In der Werkstatt für Wandmalerei hätten wir vielleicht Lou Berkenkamp zu Gesicht bekommen, die trotz der Weigerung des Werkmeisters, im Außenbereich Frauen mitarbeiten zu lassen, oft auch draußen auf dem Gerüst zu finden war. In der Bildhauerei wären wir vermutlich auf Ilse Fehling gestoßen – ein besonderes Novum, galt doch der männliche Bildhauer als Urtyp des Schöpfers an sich. Der vielleicht interessanteste Bereich, in dem man Frauen bei der Schaffung völlig neuer Frauenbilder hätte beobachten können, war aber die Fotografie: Hier wirkten Frauen, die sich wie beispielsweise Gertrud Arndt künstlerisch selbst inszenierten, statt nur Objekt zu sein wie Jahrtausende hindurch in der Malerei.

Gertrud Arndts „Maskenporträts“, eine Reihe von 43 Selbstbildnissen, spielen mit zeitgenössischen Frauenbildern. Maskenportrait, Dessau 1930, Nr. 13, Neuabzug 1980 (Alexa Bormann-Arndt) Bauhaus-Archiv Berlin @ VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Gertrud Arndts „Maskenporträts“, eine Reihe von 43 Selbstbildnissen, spielen mit zeitgenössischen Frauenbildern. Maskenportrait, Dessau 1930, Nr. 13, Neuabzug 1980 (Alexa Bormann-Arndt) Bauhaus-Archiv Berlin @ VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Was hat diese Frauen ausgezeichnet, dass sie sich trotz der Widerstände vieler männlicher Kollegen am Ende so erfolgreich durchsetzen konnten?

Der Ausschluss von Frauen aus vielen klassischen Kunsthochschulen hat häufig dazu geführt, dass sie sich zum Beispiel als Fotolaborantin oder Zeichenlehrerin und zunehmend an Kunstgewerbeschulen ausbilden ließen. Viele Studentinnen waren bereits über 20 und wussten genau, was sie wollten. Das Bauhaus sorgte bei allem Widerstand gegen die gleichwertige Aufnahme von Frauen in den Werkstätten für eine Stärkung des künstlerischen Selbstbewusstseins von Frauen. Abgesehen davon ermöglichte das Bauhaus-Konzept vielen von ihnen neben der Auseinandersetzung mit der Kunst erstmalig auch eine abgeschlossene handwerkliche Ausbildung.

Haben sich die Einfluss- und die Entfaltungsmöglichkeiten der Bauhaus-Frauen verändert, als das Bauhaus von Weimar nach Dessau ging?

Durch die verstärkte Zusammenarbeit mit der Industrie in der Dessauer Zeit hat sich durchaus etwas verändert. Einige Frauen haben diese Zusammenarbeit sehr schwungvoll aufgegriffen. Eine Studentin der Weberei wie Anni Albers erschloss ihr innovatives Potenzial durch die Entwicklung von Materialien für die Industrie, z.B. eines schallschluckenden Gewebes. Wieder andere haben mit ihren Erfindungen für das Bauhaus erfolgreich Verträge abgeschlossen und sogar Patente erhalten. Marianne Brandt ist so ein Beispiel. Sie und andere haben sich so berufliche Möglichkeiten als Designerinnen für die Industrie erschlossen.

Eine typische „Bauhaus-Frau“ ist für Sie…?

Zum einen eine Frau, die sich selbst in neuer Form ausprobiert hat, und das in Bereichen, die ihr bis dato künstlerisch gar nicht zu Gebote standen. Zum anderen eine Frau, die auch auf traditionell „weiblichem“ Terrain etwas völlig Neues wagte und dabei Meilensteine für die Kunst der Moderne schuf.

Frau Dr. Müller, wir danken Ihnen für das Gespräch!

Das Interview führte Nicolas Flessa.