Mit der Fotoaktion „Die Welt sieht Bauhaus“ lädt bauhaus100 dazu ein, persönliche Bauhaus-Perspektiven und ungewöhnliche Blickwinkel auf das Bauhaus festzuhalten und zu teilen. Hier stellen wir unseren Favoriten der Woche vor.

Jasper Morrison at work on A Book of Things, Lars Müller Publishers, 2015
Jasper Morrison at work on A Book of Things, Lars Müller Publishers, 2015

19. Mai 2017 – Mit „Jasper Morrison. Thingness“ zeigt das Bauhaus-Archiv Berlin noch bis zum 23. Oktober 2017 eine Retrospektive des berühmten Designers aus Großbritannien. Unser Bild der Woche hat der Schöpfer von Design-Ikonen wie die HAL-Stuhlserie oder die Leuchten „Glo-Ball“ persönlich ausgewählt und mit uns über die Anziehungskraft seltsamer Breuer-Möbel, Wagenfelds alltäglichen Moment und über den „Bauhaus-Instinkt“ gesprochen. 

Mr. Morrison, was war Ihre erste Begegnung mit dem Bauhaus?

Das war vermutlich der Wassily Chair von Marcel Breuer, noch bevor ich irgendetwas über das Bauhaus wusste. Mein Onkel hatte einen, und es war ein so seltsames Möbel, dass ich mich ihm gar nicht entziehen konnte. Auch später als Student war mir das Bauhaus stets gegenwärtig. Ich bin sicher, dass es meine Arbeit bis heute prägt, auch wenn die Wirkung des Bauhauses sich mit anderen Einflüssen mischt. Die Arbeiten von Marcel Breuer waren mir immer schon am nächsten. Ich bin aber auch ein großer Fan von Wilhelm Wagenfeld, den ich später entdeckte. Was mir an seiner Arbeit am besten gefällt, ist das „alltägliche“ Moment. Meistens entwarf Wagenfeld nützliche, unscheinbar schöne Gegenstände, um den Alltag zu verbessern. Ich bewundere aber auch die Vielfalt seines und Breuers Outputs. 

Basel Chair, photo: Marc Eggimann, 2008
Basel Chair, photo: Marc Eggimann, 2008

Auch Ihr Output ist sehr vielfältig: von Bestecken über Stühle und Lampen bis hin zu Küchen und sogar eine Straßenbahn. Wie sind die Gegenstände miteinander verbunden?

Ich würde sagen, dass es für die Kreativität prinzipiell sehr gesund ist, ein breites Spektrum an Dingen zu gestalten. Es führt zu neuen Ideen und hält die Arbeit frisch, wenn man hin und wieder die Maßstäbe, Funktionen, Materialien und Produktionstechniken ändert. 

Die Stühle „HAL Cantilever“ oder „Basel Chair“ sind Beispiele dafür, wie Sie existierenden Designs einen neuen Twist geben. Was braucht es für einen ultimativen Entwurf?

Der Ursprung des Basel Chair ist der Frankfurter Stuhl, der wiederum seine Wurzeln in einigen Thonet-Modellen hat. Ich mag diesen evolutionären Aspekt im Design sehr. Es gibt aber nur wenige „End Game-Designs“. Eines, das mir einfällt, ist Dieter Rams Regalsystem 606. Die meisten Objekte lassen Raum für Verbesserungen!

Mit dem Bauhaus wurde das Handwerk im Zeichen der Industralisierung modern. Heute leben wir im digitalen Zeitalter, was bedeutet „Handwerk“ für Sie?

„Handwerk“ kann immer noch im traditionellen Sinne bedeuten, einen Gegenstand manuell herzustellen. Zunehmend geschieht dies aber mit Hilfe von 3D-Software und digitaler Technik, das heißt im Designstudio am Schreibtisch mit Produkt-Ingenieuren und immer seltener in der Werkstatt. Dennoch gehören visuelle Entscheidungen genauso zum Handwerks- wie zum Designprozess: Beim Entwickeln einer 3D-Zeichnung am Computer entscheidet der Designer nach ähnlichen Kriterien wie der Handwerker, der ein Stück Holz bearbeitet oder ein Keramik-Gefäß töpfert. Dies lässt sicher einige Handwerker aufhorchen, aber ich denke, dass das Vorgehen beim virtuellen Gestalten dem herkömmlichen Handwerk sehr ähnelt. Eine Skulptur aus Stein würde ich vermutlich per Hand realisieren, einen Entwurf für ein maschinell hergestelltes Produkt dagegen am Computer. 

 

Door Handle Series 1144, FSB, photo: Tim Rautert
Door Handle Series 1144, FSB, photo: Tim Rautert

Sie arbeiten mit der Industrie und produzieren dabei oftmals in limitierter Auflage. Warum?

Ich denke, die Produktion in limitierter Auflage ist für Designer eine gültige Option, solange es zu neuen Gedanken und Wegen für eine demokratischere Form des Designs führt. Diese sollte nützlich und für alle erschwinglich sein. Manchmal jedoch kann es gerechtfertigt sein, abseits der üblichen Parameter von Kosten und Funktion zu experimentieren, um eine neue visuelle Sprache zu entwickeln.

Im Jahr 2019 feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum. Inwiefern ist das Bauhaus Ihrer Meinung nach immer noch relevant für Designer des 21. Jahrhunderts?

Heute gehen wir beim Gestalten vielleicht etwas weniger rational vor als damals, aber der Instinkt, der in den Bauhaus-Methoden genauso bestimmend war, ist nach wie vor wichtiger Bestandteil im heutigen Gestaltungsprozess. Ob dies die aktuellen Designstudenten wissen oder nicht – ich bin mir sicher, dass dieser instinktive Ansatz am Bauhaus durch die Lehrmethoden bis heute weitergegeben wird.


Interview von Marte Kräher