Am 9. Juli 2017 wurde das Welterbe Bauhaus um die Laubenganghäuser in Dessau und die Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes in Bernau erweitert. Beide entstanden unter dem zweiten Bauhaus-Direktor Hannes Meyer durch die Bauabteilung am Bauhaus. Wir haben mit Winfried Brenne (WB) und Lena Eppinger (LE) vom Büro Brenne Architekten gesprochen, das für die denkmalgerechte Sanierung der Bundesschule in Bernau verantwortlich zeichnet. Unter Federführung der Stiftung Bauhaus Dessau haben sie den Antrag für die Erweiterung des Welterbes Bauhaus erarbeitet.

Das Laubenganghaus in Dessau / Foto: M_H.DE (Wikimedia Commons)
Das Laubenganghaus in Dessau / Foto: M_H.DE (Wikimedia Commons)

Die Bundesschule in Bernau beschäftigt Sie schon seit vielen Jahren. Nun waren Sie beide im Juli auf der 41. Sitzung des Welterbekomitee der UNESCO in Krakau als Zuschauer zugegen. Was war das für ein Gefühl?

WB: Was wir in Krakau erleben konnten, war ein klares Votum. Die Entscheidung für die Aufnahme in die Welterbeliste war wirklich eindeutig.

LE: Die Bewerbung war ein sehr langer Prozess und inzwischen hatte man schon ein bisschen Abstand. Aber wenn man in dieser Sitzung ist, ist dieses erste Gefühl schon, wow, das ist eine sehr ernste Sache. Da sitzen die Vertragsstaaten der UNESCO und schauen sich das alles genau an und geben sehr ernsthafte Statements zu diesen Bewerbungen und Nominierungen. Diese Ernsthaftigkeit in der Diskussion und die Diszipliniertheit in der Auseinandersetzung mit den einzelnen Bewerbungen, das hat mich fasziniert.

Der Antrag auf Erweiterung des Welterbes Bauhaus wurde im Februar 2016 von der Bundesrepublik Deutschland bei der UNESCO eingereicht. Wie ist der Weg dahin verlaufen?

WB: Die ehemalige Bundesschule des ADGB wurde bereits 1977 unter Denkmalschutz gestellt, aber erst ungefähr Mitte der 2000er Jahre wurde klar, welche Qualität die Anlage besitzt. Das war vor allem der fachlichen Arbeit des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege und dem langjährigen ehrenamtlichen Engagement des 1990 gegründeten Vereins baudenkmal bundesschule bernau e.V. zu verdanken. Gleichzeitig hatte sich mit der Handwerkskammer Berlin damals ein Investor gefunden, der eine anspruchsvolle denkmalgerechte Sanierung der Bundesschule mittrug und mit einer Nutzung als Internat für Auszubildende an die ursprüngliche Funktion des Gebäudes anknüpfte. Auf politischer Ebene engagierte sich besonders der damalige Landeskonservator Brandenburgs Prof. Dr. Detlef Karg für den Welterbe-Status – aber man wartete zunächst die denkmalgerechte Sanierung ab, die wir 2007 für das Schulgebäude und 2010 dann auch für die Lehrerhäuser abschließen konnten. Parallel dazu setzte man sich auch in Dessau für die Erweiterung des Welterbes Bauhaus ein. 2013/14 wurde dann zum ersten Mal eine entsprechende Empfehlung durch ICOMOS, die Berater-Organisation der UNESCO, formuliert.

In welchem Zustand befand sich die Bundesschule vor der Wiederherstellung?

LE: Nach der Wende 1989 hat man dieses Gebäude von Hannes Meyer und Hans Wittwer gar nicht erkannt, weil es vollkommen verbaut war. Durch die Freilegung kam die authentische Substanz zum Großteil überhaupt erst wieder zum Vorschein.

WB: Damals ging es darum die Bausubstanz kennen zu lernen und für die Nutzung durch die Handwerkskammer zu erschließen. Bei unserer Grundlagenarbeit für die Wiederherstellung und der intensiven Recherche vor allem der Bauunterlagen stellte sich allmählich das Besondere dieses Gebäudes heraus. Wir entdeckten, was für eine enorme Robustheit das Gebäude in seiner Ausführungsqualität besass. Sehr viele Architekturelemente zeigen sichtbar ihre Materialität aus Beton, Glas, Ziegel. Alles das konnten wir damals mehr oder weniger so übertragen. Wir haben die Gebrauchsspuren gelassen und nicht alles geglättet. Hinterher war dieser Eindruck so stark, dass wir für diese Gebäudeanlage vom World Monuments Fund, einer privaten Stiftung zur Erhaltung von Denkmalen mit Sitz in New York, sogar einen Preis bekommen haben.

Im Juni 2014 wurde die Erweiterung des Welterbes Bauhaus von der Kultusministerkonferenz zur Aufnahme in die Liste als UNESCO-Welterbe vorgeschlagen. Wie muss man sich den anschließenden Prozess der Antragstellung bei der UNESCO vorstellen? Wer ist alles beteiligt?

LE: Da es sich um einen Erweiterungsantrag zu den schon bestehenden Bauhaus-Welterbestätten in Dessau und Weimar handelte, waren drei Bundesländer beteiligt: Thüringen, Sachsen- Anhalt und durch Bernau kam Brandenburg neu dazu. Das Land Sachsen-Anhalt hatte die Schirmherrschaft über die Antragstellung und übertrug die Durchführung der Stiftung Bauhaus Dessau. Dort koordinierte und betreute die wissenschaftliche Mitarbeiterin und Bauforscherin Monika Markgraf den Prozess von fachlicher Seite. Wir waren mit der praktischen Umsetzung und Organisation des Antragsverfahrens beauftragt und arbeiteten eng mit der Stiftung zusammen. Das Ganze ging Ende 2014 los und für die Bearbeitung des Dokuments blieb etwa ein Jahr Zeit.

Wie nähert man sich einer solchen Aufgabe an?

LE: Eine große Schwierigkeit war es am Anfang, die Begrifflichkeiten der UNESCO richtig zu verstehen und richtig zu interpretieren. Der „außergewöhnlich universelle Wert“ (Outstanding Universal Value, OUV) ist der zentrale Begriff für die Definition von Welterbe. Aber was das eigentlich ist und wie man das definiert und argumentiert, das ist sehr schwierig. Dieser Wert darf sich natürlich nicht nur auf Deutschland beschränken, sondern muss auch über die Grenzen hinaus wertvoll für die Menschheit sein. Als einen der ersten Schritte hat die Stiftung Bauhaus Dessau deshalb einen Workshop mit internationalen Fachleuten veranstaltet, um den Beitrag von Hannes Meyer zum Bauhaus kritisch zu diskutieren.

WB: Hier begann sich die Entwurfsthematik bei Hannes Meyer als Besonderheit heraus zu kristallisieren: die gebaute Pädagogik. Hannes Meyer hat nicht nur versucht, eine Bauaufgabe mit einem bestimmten Inhalt zu lösen. Sondern er hat auf Überlegungen des Reformpädagogen Johann Heinrich Pestalozzi zurückgegriffen und Wege gesucht, wie sich das pädagogische Konzept auch in der Gebäudestruktur widerspiegeln konnte.

LE: Die gebaute Pädagogik spiegelt sich aber auch in der Umsetzung. An Planung, Bau und Gestaltung der neu in das Welterbe aufgenommenen Bauten waren nicht nur der Bauhaus-Direktor Hannes Meyer und im Fall der Bundesschule auch der Leiter der Bauabteilung Hans Wittwer beteiligt. An beiden Projekten wirkten die Studenten der Bauabteilung vom Entwurf bis zur Baudurchführung maßgeblich und oft eigenverantwortlich mit. So erfuhren sie eine praktische Ausbildung unter realen Bedingungen.

ADGB-Gewerkschaftsschule in Bernau, Architektur: Hannes Meyer und Hans Wittwer, 1928 / Foto: Christoph Petras, 2011. Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar.
ADGB-Gewerkschaftsschule in Bernau, Architektur: Hannes Meyer und Hans Wittwer, 1928 / Foto: Christoph Petras, 2011. Bauhaus Kooperation Berlin Dessau Weimar.

Gibt es für dieses pädagogische Konzept auch andere Beispiele?

LE: In einer Vergleichsstudie haben wir weltweit nach vergleichbaren Objekten gesucht. Man muss dabei andere Welterbestätten betrachten und alle Stätten prüfen, die sich ebenfalls um den Status als UNESCO-Welterbe bewerben. Darüber hinaus kommen natürlich auch Objekte ohne Welterbestatus in Frage – weltweit. Mit dem Bauhaus lässt sich jedoch nichts vergleichen. Es gab andere bedeutende Architektur- oder Gestaltungsschulen wie zum Beispiel das Black Mountain College. Doch das entstand etwas später. Einige Protagonisten des Bauhauses waren dort tätig, so dass es an manche Ideen des Bauhauses anknüpfte. Doch diese Verbindung von wegweisender moderner Gestaltung und praxisorientierter Pädagogik brachte nur das Bauhaus hervor.

Was sind darüberhinaus die wichtigsten Punkte in so einem Antrag auf Welterbe?

LE: Zunächst muss man das Schutzgut mit geographischen Angaben und sehr genauen Karten bestimmen, die Baugeschichte beschreiben und mit Bildern und Plänen veranschaulichen. Das wichtigste Kapitel ist dann natürlich die Begründung für die Eintragung in die Welterbeliste. Durch den Erweiterungsantrag musste man sich hier auf den ursprünglichen Antrag für das Welterbe Bauhaus von 1994 beziehen und darauf aufbauen. Dann wird der Zustand der Gebäude betrachtet und belegt, dass das Schutzgut auch wirklich geschützt ist. Aber auch die Öffentlichkeitsarbeit und Vermittlung spielt eine wichtige Rolle und man muss das auch nachweisen. Der UNESCO ist es wichtig, dass man nicht auf eine akademische Art und Weise über diese Gebäude spricht, sondern dass das auch unten ankommt und an den Laien vermittelt wird. Denn es gibt natürlich einen Bildungsanspruch von der UNESCO.

WB: Zentral für die Begründung war dieses Bild, wie sich die Pädagogik in die Architektur hineingetragen hat und die Umsetzung im Entwurfsprozess. Das haben Hannes Meyer und Hans Wittwer damals alles in den Grundrissen zum Entwurf für den Wettbewerb in Bernau dargestellt. Alles das ist von Meyer schon in eine Form gegossen worden, die zeigt, dass daraus diese Gestaltsprache des Hauses entwickelt wurde. Da gibt es Zeichnungen, die das sehr schön zeigen.

Wie verhält es sich bei den Laubenganghäusern in Dessau? Hier handelt es sich ja nicht um einen Schulbau, sondern um eine Wohnnutzung.

LE: Die Laubenganghäuser vertreten die Moderne auf der Welterbeliste als Gebäudegruppe mit sozialem Anspruch. Ein ganz wesentlicher Anspruch der Moderne war es ja, das Leben zu verbessern. Hier ging es um Wohnen für das Existenzminimum. Auch die fünf Laubenganghäuser sind als Produkt kollektiver Arbeit der Bauhausstudierenden entstanden, die, in Gruppen organisiert, die Planungsanforderungen vom Städtebau bis zur Innenraumgestaltung analysierten und so eine Lösung für diese Bauaufgabe fanden, die bis jetzt funktioniert. Die fünf Häuser sind auch heute voll vermietet und viele der Bewohner wohnen dort schon ihr ganzes Leben oder sehr lange und sind eng damit verbunden. Das ist auch ein Wert, der nicht unter den Tisch fallen sollte.

Vorhin wurde auch der Aspekt der Vermittlung angesprochen. Vieles von dem, was Sie gerade erklärt haben, ist den Gebäuden nicht anzusehen. Wie wird das an die Besucher herangetragen?

LE: Die Stiftung Bauhaus Dessau bringt das in einer Ausstellung im Konsumgebäude der Siedlung Dessau-Törten mit Führungen und in einer kleinen Musterwohnung in den Laubenganghäusern nahe und leistet mit Ausstellungen, künstlerischen und sozialen Aktivitäten, Forschung und nicht zuletzt ihrem kulturtouristischen Angebot wirklich exzellente Öffentlichkeitsarbeit. In Bernau wird diese Vermittlungsarbeit mit Publikationen, Führungen und Ausstellungen durch den Verein baudenkmal bundesschule bernau e.V. geleistet. Dieser wurde für sein unermüdliches, ehrenamtliches Engagement 2008 sogar mit dem Preis des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz ausgezeichnet.

Sie haben als Büro den langen Weg zum UNESCO Welterbe auf den zwei wichtigen Stationen der Wiederherstellung der Bundesschule und der Antragstellung für Erweiterung des Welterbes Bauhaus ein Stück mit begleitet. Was nehmen Sie als Erfahrung mit?

LE: Der Welterbe-Antrag hat einiges bewegt und das finde ich auch den großen Wert von solchen Bewerbungen oder überhaupt von dem Status des UNESCO Welterbes. Zum einen ist die Politik sensibilisiert dafür, was diese Orte auszeichnet. Zum anderen hat sich durch den Bewerbungsprozess für die Welterbeliste ein bundesländerübergreifendes Netzwerk aus vielen Partnern und Beteiligten installiert, die sehr gut zusammengearbeitet haben. Das ist auch eine wesentliche Erfahrung, die dieser Antrag für mich mit hervorgebracht hat: dass die vielen Beteiligten sehr gut zusammenarbeiten und damit die Voraussetzung für ein lebendiges, gut geschütztes Welterbe Bauhaus schaffen.

Vielen Dank für das Gespräch.

UNESCO-Welterbe:

Die UNESCO ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Sie wurde 1945 gegründet mit dem Ziel, „durch Förderung der Zusammenarbeit zwischen den Völkern in Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Wahrung des Friedens und der Sicherheit beizutragen". 1972 haben die Mitgliedsstaaten die sogenannte Welterbekonvention verabschiedet. Ihr Ziel ist es, für die Menschheit bedeutendes Kultur- und Naturerbe zu schützen und für zukünftige Generationen zu bewahren. Seither wurden mehr als 1.000 Stätten weltweit in der UNESCO-Welterbeliste eingetragen.

Das Bauhaus mit seinen Stätten in Weimar und Dessau zählt seit 1996 zum UNESCO-Welterbe. Dazu gehören in Weimar das Haus am Horn und die beiden von Henry van de Velde errichteten Gebäude für die Kunstschule und Kunstgewerbeschule sowie in Dessau das Bauhausgebäude und die Meisterhäuser. Anfang Juli 2017 wurde das bestehende Welterbe Bauhaus um die fünf Laubenganghäuser in Dessau und die ehemalige Bundesschule des ADGB in Bernau bei Berlin erweitert.

„Sie (die Bauhausbauten) sind deshalb bedeutende Denkmale nicht nur der Kunst-, sondern auch der Ideengeschichte unseres Jahrhunderts. Mögen sich die ins Politische und Soziale zielenden gesellschaftsreformerischen Ideen des Bauhauses auch als Wunschträume erwiesen haben– seine Utopie wurde doch zumindest insoweit Wirklichkeit, als sie Architektur entstehen ließ, die durch ihre sachliche Freundlichkeit bis heute in ihren Bann schlägt und als kulturelles Erbe des zu Ende gehenden 20. Jahrhunderts den Menschen aller Nationen gehört.“ (aus der Beschreibung des Herausragenden Universellen Wertes der Welterbestätte Bauhaus)

 

[NO 2017]