Anlässlich des Studientags zur Ausstellung „New Bauhaus Chicago“ im Bauhaus-Archiv Berlin am Freitag, den 23. Februar 2018 sprach Sabine Schnakenberg über den amerikanischen Fotografen Harry Callahan und seine Beziehung zum Bauhaus.

Harry Callan (2. v. l.), Porträtstudie von György Kepes, 1938, späterer Abzug / Foto: Bauhaus-Archiv, Berlin © Juliet Stone
Harry Callan (2. v. l.), Porträtstudie von György Kepes, 1938, späterer Abzug / Foto: Bauhaus-Archiv, Berlin © Juliet Stone

Sabine Schnakenberg ist eine der ausgewählten Rednerinnen, die an diesem Tag vor Publikum im derzeit noch geöffneten Bauhaus-Archiv in Berlin vortrug. Neben der Direktorin des Bauhaus-Archivs, Dr. Annemarie Jaeggi und anderen Experten, hielt die Sammlungskuratorin der Deichtorhallen Hamburg einen Vortrag über das künstlerische Schaffen des Amerikaners Harry Callahan. Sabine Schnakenberg weiß, wovon sie spricht: Die von ihr kuratierte Retrospektive zu Callahans Schaffen im Jahr 2013 im Hamburger Haus der Photographie war die bisher weltweit umfangreichste Werkschau des Fotografen, der von 1947 – 1961 am New Bauhaus Chicago unterrichtete.

Frau Schnakenberg, der Fotograf Harry Callahan war Autodidakt und wurde 1947 von László Moholy-Nagy gefragt, ob er den Vorsitz für die Fotografie-Klasse der Chicagoer School of Design übernehmen wollte. Wäre so eine Karriere heute noch möglich?

Eher nicht. Aber Callahan war durchaus kein Anfänger mehr. Ab 1938 fotografierte er; die gesamte Entwicklung, in der er mit Schwarz-Weiß, verschiedenen Ansichten und abstrakten Elementen experimentierte, war bis 1949 voll entwickelt. In kürzester Zeit fand er alle für sich wesentlichen Dinge über das Medium heraus. Und Sie müssen bedenken, dass das Individuum selber damals eine viel größere Rolle spielte: Die Persönlichkeit war das, was zählte. Man musste nicht zwingend eine klassische Ausbildung haben, sondern die Institution motivierte einen von Anfang an dazu, sich selbst einzubringen. Die Chicagoer „New Vision“ war durch László Moholy-Nagy zu diesem Zeitpunkt ja schon geprägt. Aber natürlich, so ein Engagement vom Fleck weg wäre heute sicher schwieriger.

Was war Moholy-Nagys Intention, Callahan an die School of Design zu holen?

Moholy-Nagy hat einfach die Sachen gesehen, die Callahan gemacht hat und gesagt: „Den nehme ich.“ Persönlich waren die beiden sich vorher noch nie über den Weg gelaufen. Aber Moholy-Nagy war überzeugt, dass Callahan der Richtige ist, dass er Potential hat. Die Chicagoer waren von der Begeisterung für Fotografie, auch für die Technik an sich, getrieben. Von der Magie, die Fotografie in sich trägt, dass man Bilder verändern und immer wieder neu begreifen kann. Diese Begeisterung wurde am New Bauhaus voll ausgelebt.

Hat Callahan das New Bauhaus in Chicago weiter gebracht?

Er hat es gefüllt. Moholy-Nagy war – neben seinem künstlerischen Schaffen – der Theoretiker, dank ihm können wir heute hier im Bauhaus-Archiv viel nachlesen und nachvollziehen. Callahan war da eher nonverbal, aber er hat diese theoretische Vorlage intuitiv mit Inhalten gefüllt. Er war zwar extrem introvertiert, aber er konnte anhand von Beispielen genau zeigen, was gemeint war. Es gibt Berichte von Studententreffen, wo man abends zusammen saß und Callahan alle möglichen Prints ausbreitete und einfach zeigte, was er meinte. Die Fotografie und er, das war eine Person, da musste nicht viel gesprochen werden.

Und was hat das Bauhaus für Callahan getan?

Ganz einfach: Ein vernünftiges Einkommen und gesellschaftliche Anerkennung. Lange Zeit hat die Familie Callahan ausschließlich von dem Geld von Callahans Frau Elenor gelebt, die als Sekretärin arbeitete – und das in den Fünfzigern. Sie können sich vorstellen, was es bedeutete, wenn ein Ehemann statt Geld zu verdienen seine Tage am Strand oder in der Stadt mit Fotografieren und Laufen verbringt. Gesellschaftlich sind Sie da als Familie ausgeschlossen. Von daher war die Anstellung in Chicago nicht nur eine wirtschaftliche Verbesserung, sondern auch eine Positionierung in der Gesellschaft. Zum Überleben war das für die Familie extrem wichtig.

Altmeister versus Fotografie heute: Die Deichtorhallen zeigen derzeit eine Ausstellung von zeitgenössischen, jungen Fotografen. Spielt Bauhaus da noch eine Rolle?

Der Bauhaus-Gedanke schwingt oft implizit mit, und es gibt sogar Künstler, die sich explizit auf das Bauhaus beziehen. Kolja Linowitzki beispielsweise, der mit seinen Arbeiten die Fotografie von Lucia Moholy weiterentwickelt. Mit dem Licht vom Handy belichte er beispielsweise seine Abzüge und experimentiert so mit analoger Fototechnik und Entwicklung. Es gibt überhaupt eine Tendenz, Historisches wieder zu rezipieren. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Fotografie ist für viele Newcomer ein Thema.

Frau Schnakenberg, vielen Dank für das Gespräch.

[CG 2018]