Mit der interaktiven Ausstellung „smart materials satellites. Material als Experiment“ hat sich die Stiftung Bauhaus Dessau zur Aufgabe gemacht, Naturwissenschaft, Design und Kunst einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen.

Fiktive Materialien „Mutable Drugs“ / Foto: Clemens Winkler
Fiktive Materialien „Mutable Drugs“ / Foto: Clemens Winkler

Was hätte Jacques Tati zu klugen, intelligenten oder gar schlauen Materialien gesagt? Sein halb belustigender, halb besorgniserregender Film „Mon oncle“ ist ein einziger ästhetischer Alarm. Der eigentliche Star des Films: ein Haus. Besser gesagt: die Karikatur eines Hauses irgendwo in einem gerade neu entstandenen Wohnviertel von Paris. Und dieses Haus hat eine enorme Ausdruckskraft – besonders nachts, wenn es mit seinen erleuchteten Bullaugen forschend in die Gegend schaut.

„Mon oncle“ entstand in den 1950er-Jahren. Seitdem haben sich die technischen Raffinements weiterentwickelt. Längst sind animistisch-mitdenkende Häuser und mechanisch-intelligente Fassaden nicht mehr die einzigen kuriosen Darsteller auf der Bühne der Baukunst. Das sogenannte „smarte Material“ ist eine schwer fassbare Materie, zumindest für Laien. Faszinierend und doch irgendwie unnahbar, hat sie längst ihren Platz in der Praxis von Architektur und Gestaltung gefunden. Magnetorheologische Flüssigkeiten zum Beispiel sind schon seit den 1940er-Jahren bekannt und werden heute unter anderem in der Medizintechnik für Prothesen verwendet.

Lapatsch/Unger, „Forgotten Collection“, Prozess, 2016 / Foto: Lapatsch/Unger
Lapatsch/Unger, „Forgotten Collection“, Prozess, 2016 / Foto: Lapatsch/Unger

Klimaschutz durch intelligentes Design

Wie schwierig es aber ist, Materialien dieser Art in das alltägliche und urbane Leben zu integrieren, und wie gering deshalb ihre Präsenz hierzulande ist, zeigen interdisziplinär arbeitende Menschen wie Allison Dring und Daniel Schwaag. Ihr Studio „elegant embellishments“ widmet sich der Frage, was funktional-dekorative Architekturelemente in Verbindung mit Materialien zur Verbesserung der Umweltverhältnisse beitragen können. „Deutschland ist ein risikoscheues Land“, so Allison Dring. [1] Die Architektin, die unter anderem auch mit dem Materialchemiker Prof. Dr. Arne Thomas von der TU Berlin zusammengearbeitet hat, kann sich auf eigene Erfahrungen berufen.

Ihre weiße Fassadeninstallation „prosolve 370e“, die an eine vorgehängte Spitzendecke erinnert, reinigt über eine Beschichtung aus Titandioxid die verschmutzte Stadtluft. Die erste erfolgreiche Anwendung erfolgte an einem Krankenhaus im fernen Mexico-Stadt. Umso erstaunlicher ist es, dass die Reaktion im eigenen Lande nicht in die Gänge kam. Ein Interessent im Stuttgarter Raum entschied sich am Ende gegen die Neuheit. Dieser initiative Mut, so die Befürchtung, hätte am Ende auf ein Problem hingewiesen, welches das produzierende Unternehmen mit zu verantworten hat. So wird Fortschritt zu einem Problem, obwohl „prosolve 370e“ – wie der Name schon anklingen lässt – ein solches gerade gelöst hätte.

„ShapeShift
„ShapeShift", Chair for CAAD, 2010 / ETH Zürich, M. Kretzer, E. Augustynowicz, S. Georgakopoulou, D. Rossi. S. Sixt

„smart materials satellites“

Für das Ursprungsland des Bauhauses, eines Ortes der Experimente und Innovationen, sind das nachdenklich stimmende Zustände. Der unverkrampfte und freudige Umgang mit Visionen und Erneuerungen hat es offensichtlich noch immer schwer – was sicherlich ein Ausstellungsthema für sich wäre. Die Dessauer Schau „smart materials satellites: Material als Experiment“ zeigt in den folgenden drei Monaten erst einmal, was im Rahmen von Architektur, Kunst und Design schon heute möglich ist.

Gemeinsam mit der weißensee kunsthochschule berlin hat sich die Stiftung Bauhaus Dessau zur Aufgabe gemacht, mit der interaktiven Ausstellung „smart materials satellites. Material als Experiment“, den aktuellen Wissensstand aus den Bereichen Naturwissenschaft, Design und Kunst einer breiten Öffentlichkeit näherzubringen.

Zu den Exponaten gehören Arbeiten von den Designern Paula van Brummelen, Clemens Winkler, Manuel Kretzer und Lapatsch/Unger. Daneben sind auch Werke der Künstler Marit Wolters und Wagehe Raufi zu sehen, die im Juni die erste Forschungsresidenz des SYN Award | sms angetreten haben und seitdem in der Dessauer Meisterhaussiedlung im Haus Muche/Schlemmer an ihren Konzepten arbeiten. Als Teil ihrer Bauhaus Residenz werden sie die Ausstellung über die gesamte Dauer begleiten.

Ausstellungsort ist ein Haus aus Stahl, das 1926/27 von den Bauhäuslern Georg Muche und Richard Paulick als Materialexperiment in Dessau-Törten errichtet wurde. In diesem dem Anlass würdigen Rahmen werden Fragen gestellt wie: Was macht ein Material intelligent? Wie beeinflussen „smart materials“ unser Leben? Wie können wir sie dazu nutzen, unsere Zukunft intelligenter und nachhaltiger zu gestalten?

Paula van Brummelen, „Responsive Surface
Paula van Brummelen, „Responsive Surface", 2016 / weißensee kunsthochschule berlin, Text- und Flächendesign, Paula van Brummelen

Material als Experiment

In der Ausstellung wird das Format der Werkstoffwochen an die Materialexperimente des historischen Bauhauses erinnern. Ein Hauch von „Werkstatt-Feeling“ ist ebenfalls Teil des Konzepts: Das Ambiente der Ausstellung ist das eines Forschungslabors. So haben die Besucher die Möglichkeit, mit anzupacken. Sie können sich an Experimenten beteiligen und auch mit Experten sprechen. Und ganz im Geist des gemeinschaftlich arbeitenden Bauhauses werden ihre Beiträge Teil der Ausstellung. Somit wachsen die kollektiven Forschungsergebnisse über drei Monate kontinuierlich an.

Das Bauhaus war wohl kaum eine Bildungsstätte, die man risikoscheu nennen kann. Die Ausstellung „smart materials satellites: Material als Experiment“ erinnert an das Kulturgut Bauhaus und gibt neue Impulse für eine experimentierfreudige Öffentlichkeit. Jacques Tati hätte an der Ausstellung mit Sicherheit seine Freude gehabt.

https://www.youtube.com/watch?v=LE9t98Gox60

 

smart materials satellites. Material als Experiment

13. Juli – 22. Oktober 2017
Mi. / So. 12–18 Uhr
Eintritt frei
Stahlhaus, Siedlung Dessau-Törten

 

[ÖÖ 2017]

 

[1] http://www.fassaden-blog.de/interview-allison-dring-elegant-embellishments/