Der internationale Weltlehrertag am 5. Oktober erinnert jedes Jahr an die wichtige Rolle von Pädagogen für qualitativ hochwertige Bildung. Aus diesem Anlass trafen wir ein junges Architektenduo aus Brno, und wollten wissen, ob und welche Rolle die Ideen des Bauhauses noch heute bei der Ausbildung in tschechischen Architekturschulen spielen.

Krematorium in Brno / Foto: Michal Klajban (Hikingisgood.com)
Krematorium in Brno / Foto: Michal Klajban (Hikingisgood.com)

Ondřej Chybík (OC) und Michal Krištof (MK) sind zwei junge Architekten mit Bürositz im tschechischen Brno. Bei der zweitgrößten Stadt des Landes spitzen Architekten weltweit die Ohren: 1870 kam hier der bekannte Architekturkritiker Adolf Loos zur Welt und zwischen 1929 und 1930 entstand an diesem Ort ein Wohnhaus für eine wohlhabende jüdische Familie, die es sich leisten konnte, Mies van der Rohe dafür zu engagieren. Erst 2012 wurde sie renoviert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, die Villa Tugendhat – von der Michal Krištof sagt, es sei ein Muss, ihren Grundriss aus dem Kopf zeichnen zu können. Es gibt viele Schnittstellen zwischen Brno und dem Bauhaus, wobei der häufig anzutreffende „Tschechische Funktionalismus“ eine der wichtigsten ist. Landesweite Bekanntheit und auch allmähliche internationale Aufmerksamkeit erlangten Chybik + Kristof spätestens mit ihrem Wohnhausprojekt „Waltrovka“ in Prag, das 2016 fertiggestellt wurde. Womit man wieder an einem weiteren Kreuzungspunkt angelangt wäre, denn beim Anblick der Fassaden von Waltrovka schweifen die Gedanken in Richtung Dessauer Bauhaus ab und bleiben an den Balkonen vom „Prellerhaus“ hängen.

Ondřej Chybík und Michal Krištof, wenn man das Atelierhaus in Dessau mit einer der Fassaden Ihres Wohnausprojekts Waltrovka in Prag vergleicht, finden sich auffallende Parallelen. Kubisch, weiß, schlicht, und natürlich die Balkone. Was denken Sie über diese Ähnlichkeit im Ausdruck?

OC: Die Form von Waltrovka ist eine treue Widerspiegelung der inneren Komposition der Gebäude. Dies ist ein Wohnhaus bestehend aus erschwinglichen Wohnungen. In formaler Hinsicht werden einfache Volumen ergänzt durch plastische Körper, die Balkone. Abgesehen davon gab es eine weitere wichtige Sache, die wir in der Gestaltung berücksichtigt haben. Wir wollten ein Wohnhaus mit einem gemeinsamen Innenhof, der vorwiegend von den Bewohnern genutzt wird.

Wohnhaus Waltrovka in Prag. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Studio Flusser
Wohnhaus Waltrovka in Prag. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Studio Flusser

Die Komposition der Balkone des Dessauer Atelierhauses besteht aus einem strengen Gitter, während sie bei Waltrovka ein wenig aufgelockert wirkt. Was denken Sie über dieses Balkonthema der beiden Fassaden?

OC: Um sicherzustellen, dass die Wohnungen nicht zu teuer sind - bezahlbares Wohnen ist ja ein Thema, das weltweit aktuell ist – und um zu gewährleisten, dass das Haus dennoch genügend Plastizität besitzt, haben wir großzügige Balkone genutzt. Sie sind es tatsächlich, die dem Gebäude sein prägnantes Aussehen geben.

MK: Die Nutzung dieser Funktion ‚Balkon‘ hat natürlich Tradition in der modernen Architektur. Eines der besonderen Bestrebungen bei diesem Projekt war es, einen Kontrast zwischen Licht und Schatten zu schaffen und dabei die elementare Einfachheit des Gebäudes zu bewahren. Darüber hinaus ist dies unser erstes großes Projekt, das wir nach Abschluss der Universität entworfen und gewonnen haben. Wir sind wirklich froh darüber, dass es uns gelungen ist, der Versuchung zu widerstehen, es umzugestalten.

Die Balkone waren bei den Bauhaus-Studenten sehr beliebt. Wie nutzen die Bewohner von Waltrovka ihre Balkone?

OC: Oft sind Balkone wirklich winzig und das Einzige, was man mit ihnen anstellen kann, ist, sie als Speicher für Dinge zu benutzen, für die man keine Verwendung mehr hat. Unsere Balkone aber sind groß genug, um mit einem großen Esstisch ausgestattet zu werden. Es sind Orte, an denen ganze Familien wirklich Zeit verbringen können und damit den Wohnraum der Apartments merklich vergrößern.

MK: Außerdem können hier interessante Interaktionen zwischen den Bewohnern stattfinden, obwohl es stimmt, dass wir perforiertes Blech verwendet haben, um direkte Einblicke zu verhindern und ein gewisses Maß an Privatsphäre zu wahren.

Wohnhaus Waltrovka in Prag. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Studio Flusser
Wohnhaus Waltrovka in Prag. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Studio Flusser

Sie haben beide Architektur in Brno studiert. Inwieweit hat Sie der Tschechische Funktionalismus geformt? Was interessiert Sie am meisten daran?

OC: Funktionalistische Architektur hat in Brno große Präsenz. Der neue Stil wurde als Kontrast zur historisierenden Architektur des Habsburger Reiches gesehen. Diese moderne Architektur signalisierte Veränderung. Sie repräsentierte den neugebildeten Staat sowie die Tatsache, dass die Menschen in der Tschechoslowakei von Österreich-Ungarn befreit waren.

MK: Was wirklich faszinierend war, war die Reaktion auf diesen weit reichenden sozialen Wandel. Und auch wir versuchen immer noch, Architektur als Ausdruck von Trends und Bewegungen innerhalb der Gesellschaft aufzufassen. In formaler Hinsicht ist es die Einfachheit der Architekturformen beim Tschechischen Funktionalismus und die Umsetzung von technologischen Entdeckungen, die äußerst attraktiv sind.

War Ihnen bewusst, dass die Fakultät für Architektur der Hochschule für Technik in Brno im selben Jahr wie das Bauhaus in Weimar, also 1919, gegründet wurde?

OC: Das ist ein großartiger Punkt. In der Tat teilen beide Schulen mehr als nur dasselbe Gründungsjahr. Beide Schulen rühmten sich außergewöhnlicher Persönlichkeiten, die nicht nur ihre Generationen prägten, sondern auch für die Architekten der Gegenwart als Vorbilder dienen. Darüber hinaus haben beide Schulen soziale Veränderungen und Bewegungen dargestellt und haben den Ruf, Pioniere der modernsten technischen und formalen Ansätze der Architektur zu sein.

Wie stark wurde das Bauhaus während Ihres Studiums in Brno behandelt?

MK: Das Bauhaus war der sprichwörtliche rote Faden, der durch unser ganzes Studium ging. Es wurde aber nicht als der einzige Ansatz konzipiert. Vielmehr wurde das Bauhaus als ein Erbe gesehen, auf dem man bauen kann. Und ehrlich gesagt, auch wenn es stimmt, dass es uns beeinflusst hat, glaube ich nicht, dass dieser Einfluss so stark war wie bei den vorherigen Generationen von Architekten.

Ondrej Chybík (links) und Michal Krištof. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. Photo © Tomáš Škoda, Economia
Ondrej Chybík (links) und Michal Krištof. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. Photo © Tomáš Škoda, Economia

Gibt es Persönlichkeiten und Gebäude des Tschechischen Funktionalismus, die für Sie besonders wichtig sind?

OC: Von denen gibt es viele und die meisten kann man hier in Brno finden. Für uns ist Ernst Wiesner vielleicht der interessanteste Architekt, der die Elemente der modernen und klassischen Architektur kombinierte. Ich halte das Brno-Krematorium für sein Magnum Opus wegen seiner zahlreichen symbolischen Besonderheiten, außergewöhnlich ausdrucksvollen Form und seiner modernen Entwurfshaltung.

Was bedeutet das Bauhaus für Sie?

OC: Für mich repräsentiert das Bauhaus eine Ära. Es ist ein politisches und architektonisches Manifest, eine Art Lackmuspapier der modernen Gesellschaft. Der Wunsch der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg, die Grenzen in Wissenschaft, Technik, Kunst und Architektur zu erweitern, diente als Matrix, die zu diesem Stil führte.

In Brno steht die Villa Tugendhat von Mies van der Rohe. Sie wurde 1930 fertiggestellt, im Jahr, als Mies ans Bauhaus berufen wurde. Seit 2012 ist das Gebäude wieder öffentlich zugänglich. Da Sie in der gleichen Stadt leben: Haben Sie besondere Erfahrungen oder Erinnerungen mit diesem Gebäude?

MK: Die Villa Tugendhat ist ein bedeutendes Meisterwerk, nicht nur für Brno. Sie hat in gewissem Maße Generationen von Architekten auf der ganzen Welt geprägt. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass es für Architekten ein Muss ist, den Grundriss dieser Villa aus dem Kopf zeichnen zu können.

OC: Man sollte auch erwähnen, dass die Geschichte der Villa ziemlich kompliziert ist. Die Familie Tugendhat lebte hier nur für ein paar Jahre. Sie waren einflussreiche jüdische Fabrikbesitzer, die Brünn kurz vor dem Zweiten Weltkrieg verlassen mussten. Während des Krieges wurde die Villa von Nazi-Führern benutzt und nach ihrem Ende beherbergte sie eine öffentliche Ballettschule und eine Kureinrichtung. Meine Großeltern erzählten mir, dass es ein Ort war, an dem sie nach dem Krieg tanzten.

MK: Die Villa spielte auch eine bedeutende Rolle in der Geschichte der modernen Tschechoslowakei. Im Garten der Villa wurde von den damaligen Premierministern 1993 ein Vertrag unterzeichnet, der das Land zweiteilen sollte. Seit einer gründlichen und erfolgreichen Restaurierung ist die Villa für die Öffentlichkeit wieder zugänglich. Darüber hinaus findet hier eine große Anzahl von kulturellen und gesellschaftlichen Veranstaltungen statt, und wir können nur sagen, wir haben viele angenehme Erfahrungen mit diesen Ereignissen. Wir sind sehr froh, dass wir die Villa wieder nutzen können, trotz der Tatsache, dass ihr ursprünglicher Zweck anders war. Wir glauben, dass die sozialen Funktionen, die sie jetzt erfüllt, dem gerecht wird, wofür die Villa steht. Jeder Besuch in der Villa führt sie mir näher ans Herz und zweifellos beeinflusst sie, wie ich als Architekt denke.

Gallery of Furniture in Brno. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Lukas Pelech
Gallery of Furniture in Brno. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers. / Foto: Lukas Pelech

Das Bauhaus wird oft als nüchtern, rational, puristisch und reduziert angesehen. Gleichzeitig aber hatte das Bauhaus vor allem in den ersten Perioden einen sehr experimentellen Charakter. Was denken Sie darüber – wie wichtig sind Innovation und Experimentierfreude und wie wichtig ist Ihnen Rationalität?

OC: Beides ist wichtig. Wir glauben, dass eine Kombination von beidem eine der möglichen Definitionen von Architektur ist. Unsere Bestrebung ist es, innovative Lösungen und Ansätze in sinnvoller und ökonomischer Weise zu erproben.

MK: So haben wir etwa bei einer Fassade für einen Showroom einer Firma, die Stühle produziert, ihre eigenen Stühle verwendet.

OC: Ein weiteres interessantes Beispiel ist unser Recyclingzentrum. Abgesehen davon, dass es sich hier um einen Ort handelt, wo man Abfälle entsorgt, ist dieses Recyclingzentrum auch eine Galerie, die ihre Besucher über alle Aspekte und Prozesse der Abfallentsorgung unterrichtet.

Gallery of Trash. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers
Gallery of Trash. Courtesy of Chybik + Kristof Architects & Urban Designers

Laszlo Moholy-Nagy hat Karel Teige einmal als einen tschechischen Apollinaire bezeichnet – er würde neue Einblicke in Verbindungen bringen und neue Verbindungen schaffen und wäre außerdem einer der am besten informierten Männer von Europa [1]. Kein Wunder also, dass Karel Teige 1929/30 im Dessauer Bauhaus Gastprofessor war (mit einem Kurs über zeitgenössische Literatur und Typografie). Später schrieb er in einem seiner Texte über sein Bauhaus-Erlebnis [2]: „Heute arbeiten hier mehr als zweihundert Studenten aus vielen verschiedenen Ländern. Es gibt keinerlei Absichten, ein regressives Quotensystem einzuführen. Vielmehr bemüht sich das Bauhaus, die höchstmögliche Anzahl ausländischer Studierender anzulocken. Ein Drittel der Studentenschaft (darunter sieben aus der Tschechoslowakei) sind Ausländer. Das Bauhaus ist zu einem echten Babylon und cosmopolis geworden.“[3]

Was denken Sie über diese Querverbindungen und über Karel Teiges Beobachtungen?

OC: Verbinden von Kulturen und Austausch von Informationen sind in der heutigen Welt zwingend erforderlich. Sowohl Michal als auch ich haben das erlebt, als wir Studenten und Praktikanten waren. Michal arbeitete für Bjarke Ingels, ein total internationales Studio in Kopenhagen. Und ich habe ein Postgraduierten-Programm an der ETH in Zürich absolviert. Es waren dort 14 Leute und jeder stammte aus einem anderen Erdteil. Ein Architekt muss sein lokales Gebiet kennen lernen, um global arbeiten zu können und umgekehrt. Auch wenn du nur in deinem Land aktiv bist, musst du dir bewusst sein, was im Rest der Welt vor sich geht, weil alle Dinge miteinander verbunden sind. Denken Sie nur daran wie das Zeitalter Anthropozän definiert ist. Der Einfluss unserer Zivilisation auf den Planeten ist so groß, dass sich seine geologische Zusammensetzung verändert hat. Ich denke, Architekten und Stadtentwickler haben so viel Macht in ihren Händen, um diesen Planeten zu einem besseren Ort zu machen.

MK: Und für interkontinentale Auseinandersetzungen dieser Art war das Bauhaus einer der ersten Orte der Welt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

[ÖÖ 2017]

 

[1] Avant-Garde and Criticism, Edited by Klaus Beekman and Jan de Vries, Amsterdam New York, NY 2007, p. 278

[2] Ursprüngliche Veröffentlichung: „Deset let Bauhausu”, Stavba 8 (1929–30), p. 328

[3] „Today more than two hundred students from many different countries work here. There is no intention of introducing a regressive quota system; rather, the Bauhaus strives to attract the highest possible number of foreign students.  One-third of the student body (including seven from Czechoslovakia) are foreigners. The Bauhaus has become a real Babylon and cosmopolis.“ (https://modernistarchitecture.wordpress.com/2010/10/21/karel-teige%E2%80%99s-%E2%80%9Cten-years-of-the-bauhaus%E2%80%9D-1929-1930/