In einem königlichen Park Londons verbindet der preisgekrönte Architekt Francis Kéré aus Burkina Faso afrikanische Tradition mit Innovation. Mit seinem Serpentine Pavilion verfolgt er eine gestalterische Idee, die schon in seinen Lehrerhäusern spürbar wurde. 100 jahre bauhaus hat sich vor Ort nach dem Bauhaus-Spirit von heute umgesehen.

Serpentine Pavilion 2017, designed by Francis Kéré. Serpentine Gallery, London (23 June ñ 8 October 2017) © Kéré Architecture, Photography © 2017 Iwan Baan
Serpentine Pavilion 2017, designed by Francis Kéré. Serpentine Gallery, London (23 June ñ 8 October 2017) © Kéré Architecture, Photography © 2017 Iwan Baan

„Gemeinschaftlich arbeiten ist die Grundlage meiner Kultur“, sagt Francis Kéré und drückt damit den Kerngedanken und das Motiv seiner Arbeit aus. Francis Kéré gehört zu den Architekten, die im dauerhaft vorübergehenden Zustand leben. Ein anstrengendes und doch inspirierendes Dasein zwischen Burkina Faso und Deutschland. Der leibhaftige Transfer sozusagen. Und sein temporärer Pavillon, der dieses Jahr im Londoner Kensington Gardens errichtet wurde, ist ein weiteres Kind dieses überaus fruchtbaren In-Between. Kéré ist ein Vorbild für viele und für viele seiner Landsleute sogar ein Held.

Alles begann mit einer Tischlerausbildung, die der junge Häuptlingssohn aus Gando erhielt. Sie war es, die ihn über ein Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft (im Zusammenhang mit dem Deutschen Entwicklungsdienst) nach Berlin führen sollte. Dort beendete er seine Schreinerlehre und wurde schließlich zu dem, womit er in seiner Kindheit geliebäugelt hatte: Architekt. Und eigentlich war er es sogar noch vor seinem Diplom an der Technischen Universität Berlin; bereits nach seinem zweiten Ausbildungsjahr begann sein Schulprojekt für Gando. Und das ganze Dorf hatte mitangepackt, wenn auch anfangs mit Skepsis. Denn wie hatte sich das der Architekt vorgestellt, gehörte eine echte Schule nicht aus Beton gemacht, würde der Regen das Material aus Erde nicht wegspülen? Aber Mut und Einsatz wurden am Ende sogar mit einem renommierten internationalen Architekturpreis belohnt. Mit Wänden aus Lehm und einer ausgeklügelt natürlichen Belüftung brachte ihm 2004 sein ‚Herzensprojekt‘ - das Schulgebäude, das Francis Kéré sich selbst gewünscht hätte - den Aga Khan Award for Architecture ein.

Gando Primary School; Gando, Burkina Faso, 2001 © Simeon Duchoud
Gando Primary School; Gando, Burkina Faso, 2001 © Simeon Duchoud

Wie sehr Architektur und die Psychologie des Lernens miteinander verbunden sind, hat Francis Kéré am eigenen Leibe in Burkina Faso erleben müssen. „In einem Raum, in dem mehr als 40 Grad herrschen, können Kinder nicht lernen. Ich habe als Kind in einer solchen Klasse gesessen, das war ein Brutkasten“, sagt er. Schulbildung war in einer Region, in der es kein fließendes Wasser und kein Strom gab, ein Problem. Aber nach dem gemeinsamen Bau des Schulgebäudes blieb immer noch ein weiteres Hindernis: Wie konnte man nur die Lehrer des Landes nach Gando locken? Die Lösung bestand darin, ihnen Unterkünfte vor Ort anzubieten. Und auch sie wurden gebaut und diesmal gab es zur natürlichen Ventilation ein Doppeldach-System. Kühlschränke von Gando – so nannte man sie schon bald. Walter Gropius hatte einst in Dessau mit einer ähnlichen Aufgabe zu tun. Wenn auch nicht aus einer Not heraus, mit der sich sein afrikanischer Kollege konfrontiert sah. Aber die ‚Meisterhäuser à la Kéré‘ können es in ihrer rationalen Ausstrahlung durchaus mit den Dessauer Meisterhäusern aufnehmen. Und was den kollektiven Geist des Bauens anbelangt - jenem Aspekt also, der dem Bauhaus so wichtig war - liegt Gando mit Sicherheit vorn.

Gando Lehrerhäuser von Francis Kéré: photos@Erik-Jan Ouwerkerk
Gando Lehrerhäuser von Francis Kéré: photos@Erik-Jan Ouwerkerk

Während der heißen Tage in meinem Dorf in Burkina Faso versammeln sich alle unter einem Baum. So ungefähr fasst der Architekt, der übrigens auch ein begnadeter Geschichtenerzähler ist, das Leitmotiv für seine ganz persönliche Interpretation des Serpentine Pavilions zusammen. Und je länger man sich den diesjährigen Entwurf ansieht, desto mehr könnte man sich vorstellen, dass das der ideale Ort für einen Geschichtenerzähler wäre; er würde irgendwo in der Mitte unter dem runden Baldachin stehen oder sitzen und jeder Spaziergänger im Kensington Gardens wäre eingeladen, sich dem Kreis um ihn herum anzuschließen und zuzuhören.

Der Kreis, streng genommen eine Ellipse, ist bei diesem Entwurf wichtig und hat eine symbolische Kraft. Natürlich steht er für das soziale Beisammensein, aber was Francis Kéré hier mit der menschlichen Form der Versammlung meint, überträgt sich gleichsam poetisch auf die Elemente der Natur. Genauer gesagt auf das Wasser, das in der Mitte der trichterförmigen Konstruktion aufgefangen und gesammelt wird für praktische Zwecke.

Kéré verbindet Tradition mit Innovation. Auch beim Serpentine Pavilion sind verschiedene kulturelle Motive mit neuen Funktionen verwoben. Die dreieckig gezackten Muster, die den Entwurf wie ein Ganzkörper-Ornament durchziehen, erinnern beispielsweise an die Wandbemalungen der Lehmhäuser von Tiébélé, einer Gemeinde im Süden von Burkina Faso. Diese geometrisch angelegten Abstände zwischen den Holzmodulen der vier Wände sorgen dabei für Durchlässigkeit. Womit der Architekt einem weiteren Naturelement huldigt, der Luft. Aber auch dem Licht, das bei nächtlicher Beleuchtung die grafische Perforierung der Wände aufglimmen lässt.

Serpentine Pavilion 2017, designed by Francis Kéré. Serpentine Gallery, London (23 June ñ 8 October 2017) © Kéré Architecture, Photography © 2017 Iwan Baan
Serpentine Pavilion 2017, designed by Francis Kéré. Serpentine Gallery, London (23 June ñ 8 October 2017) © Kéré Architecture, Photography © 2017 Iwan Baan

Dasselbe geschieht dem fischgrätenartigen Muster aus Kanthölzern unterhalb des Baldachins. Es schimmert und vibriert je nach Blickwinkel, auch bei Tag. Überhaupt ist der gesamte Entwurf so: durchlässig, luftig und offen. Das ganz und gar sichtbare Innenleben des Baldachins bildet dabei keine Ausnahme. Die Hauptstruktur des Pavillons besteht aus einem leichten Raumfachwerk, ähnlich den "fliegenden" Dachkonstruktionen von Kérés vorherigen Projekten. Obwohl der Stahl sehr dünn und zart erscheint, ist er doch stark genug. So stark, dass er ein 10 Meter auskragendes Dach halten kann, das Assoziationen an einen einsamen Baum in der afrikanischen Savanne weckt.

Als er aufwuchs hörte Francis Kéré in seinem Dorf die Geschichte, wie wichtig die Farbe Indigoblau für seine Kultur war. Wenn es etwa um wichtige Verabredungen ging, griffen die jungen Männer nach einem besonderen Kleidungsstück und das war Blau. Was lag für ein Gebäude näher als bei einem solch ehrenhaften Anlass und Rahmen, einem königlichen Park wie Kensington Gardens, etwas Blaues zu tragen? Die Wahl der Gestaltungsmittel kann manchmal eben auch narrative Gründe haben…

Apropos narrativ, was beim Serpentine Pavilion 2017 hervorsticht, ist die Klarheit der Sprache - die ist für Francis Kéré schon immer wichtig gewesen. Aber nicht nur an seiner Architektur und an der im letzten Jahr erschienen Monographie „Radically Simple“ kann man das ablesen. Auch seine eigenen Worte zeugen davon. In seinen Interviews und Statements betont er immer wieder wie ‚einfach‘ seine Werke und Ideen sind. Mies van der Rohe, den der afrikanische Architekt übrigens schon als Student sehr schätzte, hätte wahrscheinlich über Kérés Lieblingsvokabel geschmunzelt. 

 

Serpentine Pavilion
23. Juni 2017 – 8. Oktober 2017

Zur Webseite des Pavillons.

 

[ÖÖ 2017]