Plastik im Bauhaus

Moderne konservieren

Thomas Meyer/OSTKREUZ, 2019 / © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Direktorenbüro Walter Gropius im Bauhaus Dessau

Absatz 1 – 3

Zweimal im Jahr nimmt ein Mann in Berlin den Zug nach Dessau, im Aktenkoffer Harz. Der Mann, Dietmar Linke, geht an den Ausstellungen und geführten Gruppen im Bauhaus-Gebäude vorbei, direkt in das alte Büro von Walter Gropius. Dort angekommen, behandelt er mit dem Harz die Flecken und Risse auf dem Boden. Die Oberfläche weist Belastungsrisse auf wie allzu trockenes Leder. Sie besteht aus einem Material, das seine Wunden zeigt.

Der Triolinboden im alten Gropius-Büro ist aus einem frühen Polymerverbundwerkstoff: Dahinter verbirgt sich Nitrocellulose, besser bekannt als Zelluloid, kombiniert mit Kork, Sägemehl oder Torf sowie einem Weichmacher. Der Boden ist über einem Stoffgewebe verlegt.

Die Identifizierung des Materials war unproblematisch. 2004 haben Monika Markgraf und Bettina Liets, Konservatorinnen bei der Stiftung Bauhaus Dessau, die Böden im Hauptgebäude ausgebessert. Im alten Gropius-Büro fanden sie ein Etikett mit den Worten „Triolin-Boden“ und der Herstellerbezeichnung Köln-Rottweil AG. Sie schickten Dietmar Linke Fotos und Materialproben. Chemische Tests und Recherchen in Bibliotheken bestätigten die Angaben.

Absatz 4 – 5

In Deutschland gab es nach dem Ersten Weltkrieg große Mengen an Nitrocellulose. Offensichtlich erkundeten die Kunststoffproduzenten neue Wege in der Materialforschung, und Anfang der 1920er Jahre wurde der Markt mit Produkten aus Zelluloid überschwemmt. Kunststoffböden wurden bewusst Designern angeboten und waren bei Bauhaus-Architekten beliebt. Georg Muche stattete die Küche im Haus am Horn 1923 mit Triolin aus. Gropius wählte es für die Meisterhäuser sowie für sein Büro auf der Brücke. Beide Bauhäusler assoziierten Kunststoffe mit industrieller Massenproduktion und Fortschritt.

Wenn die Öffentlichkeit heute gealterten, verwitterten Beton schätzen kann, könnten dann nicht Konservator*innen auch Kunststoffen das Altern erlauben? „Ja, man sollte zulassen, dass Polymere und Verbundwerkstoffe altern, aber nicht, wenn dadurch dauerhafte Schäden am Objekt entstehen.“ Und hier kommt Dietmar, einer der wenigen Kunststoffkonservatoren in Deutschland, mit seinem Restaurationsharz ins Spiel.

Thomas Meyer/OSTKREUZ, 2019 / © VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Fußboden im Direktorenbüro von Walter Gropius im Bauhaus Dessau

Rest

Und was hält sie von der verbreiteten Meinung, Kunststoffe seinen steril und künstlich? „Triolin besteht tatsächlich auch aus natürlichen Bestandteilen wie Kork und reagiert auf Materialien, die wir als organisch betrachten können“, sagt Monika Markgraf. „Manche der Flecken und Risse in Gropius‘ Büro sind durch kleine Steine unter dem Bodenbelag entstanden.“ Besucher pressen mit jedem Fußtritt den Kunststoff gegen die Steinchen, und das führt mit der Zeit zu Schwärzung und Marmorierung. Die Oberfläche des Triolin-Belags reagiert also auf die natürlichen Materialien, mit denen er in Kontakt kommt, ähnlich wie Holzmaserung, die auf Beton aufgebracht wird.

Über die Materialien des Bauhauses ist auch empirisch einiges bekannt. Wenn sie bei Recherchen im Gebäude auf frühe Polymerkunststoffe wie Triolin stoßen, können die Konservator*innen arbeitstechnische oder physische Eingriffe planen und gelegentlich auch Fachleute wie Dietmar Linke dazu holen. Die Fachleute bringen nicht nur Harz mit, sondern auch jahrelange Erfahrung mit Materialverhalten.

Für die Stiftung Bauhaus Dessau verbindet die Geschichte eines Gebäudes historische und politische Ideale mit kontingenten Faktoren, etwa mit den Menschen, die das Gebäude am Ende bewohnen. So gesehen, ist der Ansatz für die Besucherführung überraschend locker. Die Konservator*innen in Dessau, die dank des neuen Bauhaus Museums viel Raum gewonnen haben, wollen offensichtlich, dass die Besucher eine Leistung genießen, die in gewisser Weise noch beeindruckender ist als die Eröffnung des neuen Museums: den verbesserten öffentlichen Zugang zu zwölf originalen Bauhaus-Bauten. Selbst die typische Glasfassade spielt in diesem großartigen Öffnungsprozess eine Rolle: Die für Ausstellungen benutzten Trennwände, die das Glas lange verdunkelten, sind jetzt verschwunden. Sie ist wieder durchsichtig.

Ein scheinbar bescheidener physischer Eingriff, der diese Freiheit für die Besucher ermöglicht, ist die verbesserte Klimaanlage, die die Luftfeuchtigkeit im „Direktorzimmer“ von Gropius herabsetzt. Letzteres ist für die Konservator*innen am Bauhaus Dessau offensichtlich von Vorteil, denn sie müssen in Zukunft seltener ihre Overalls anziehen und selbst Hand anlegen. Ihre Fähigkeit aber, Dinge zu sehen, die andere übersehen, wird zweifellos überdauern. Es ist unwahrscheinlich, aber durchaus möglich, dass der Topf mit Harz, den Dietmar Linke in seinem Koffer mitbringt, etwas kleiner ist, wenn er nächstes Jahr zurückkehrt, um den Boden zu reparieren.

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