bauhaustapete – neu aufgerollt

Rasch-Archiv 1931

Text

Als Tapetenfabrikant Emil Rasch im Januar 1929 nach Dessau reiste und dort Bauhausdirektor Hannes Meyer aufsuchte, war sein Ansinnen ebenso kühn wie visionär: die „Tapetengegner am Bauhaus“, wie Rasch sie nannte, von den Vorzügen eines guten Wandschmucks zu überzeugen. Und: gemeinsam ein neues, innovatives Produkt zu kreieren – die Bauhaustapete.

Tapeten waren bislang zumeist eine teure und aufwendig hergestellte Angelegenheit, die vor allem in bürgerlichen Haushalten zu finden war. Ornamental oder mit großen floralen Mustern versehen, spiegelten sie jenen wilhelminischen Geschmacksgeist wider, der den Avantgardisten unter den Architekten suspekt waren. „Der moderne Mensch hat weiße Wände“, konstatierte Josef Frank angesichts der Stuttgarter Weißenhofsiedlung 1927. In dieser wie auch in anderen Großsiedlungen, die ab Mitte der 1920er-Jahre in ganz Deutschland entstanden, herrschte der Wandanstrich vor – egal ob weiß oder monochrom.

bauhaustapete – neu aufgerollt

Die Ausstellung im Museumsquartier Osnabrück spannt den Bogen von der Geschichte des Projektes, ihren Akteur*innen und der Werbekampagne über die aktuelle Neuauflage der bauhaustapete bis hin zu der Frage nach Spuren des Bauhauses in unserem heutigen Alltag.

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„bauhaustapeten: rationeller als anstrich“

Erst mit der industriell gefertigten und kostengünstigen „Siedlungstapete“, die zunächst im Zuge des Siedlungsbaus in Frankfurt am Main unter Stadtbaurat Ernst May verwendet wurde, änderten sich langsam die Sehgewohnheiten. Die dezenten Muster sorgten für die von den Architekten geforderten ruhigen Wände.

Und hier setzte Emil Rasch an, der angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage nach einem neuen Absatzmarkt suchte. Seine Schwester Maria, die von 1919 bis 1923 am Bauhaus studierte, hatte schon früher das Fehlen „guter Flächenmuster“ bemängelt. Sie war es auch, die den Kontakt zu Hannes Meyer vermittelte. Dass sich die Tapete besonders gut als günstiger Industriebaustoff für die Volkswohnung eignete, überzeugte letztlich den Bauhausdirektor. Der Vertrag wurde im März 1929 geschlossen, die Vorarbeiten begannen alsbald.

Rasch-Archiv 1930

„Für Menschen von Geschmack“

Doch wie sich dem Medium Tapete als Bauhäusler nähern? Ein „aufgeklebtes, einförmiges Papierhemd“, das sich über die lebendige Wandfläche legte, kam für Hinnerk Scheper, den Leiter der Werkstatt für Wandmalerei, nicht in Frage. Vielmehr dachte er an die formgebende Wirkung von Farbe und Struktur im Raum, wie sie in der Werkstatt entwickelt wurde: Seine Idee war es, diese vom Putz auf das Papier zu übertragen.

Und so waren den Studierenden keine Grenzen gesetzt, als sie im Wettbewerb um die beste Bauhaustapete rangen. Besonders erfolgreich war dabei Hans Fischli, der zwei Drittel aller ausgelobten Preise erhielt: „Ich nahm Papier, ich mischte Farbbreie, ich trug sie auf, ich wartete die richtige Phase des Eintrocknens ab und fuhr mit meiner Egge, dem Ding voller Ecken, über das feuchte Feld. Ich wurde raffiniert legte andersfarbige Brücken und zog kreuz und quer in Wellenbewegungen darüber.“ Andere Gestalter arbeiteten mit Schwämmen oder Kämmen, mit Strukturen von durchgedrückten Stoffen und Fäden oder Körnern, die überspritzt wurden. Der Bauhäusler Howard Dearsteyne wiederum verwendete die Rückseite eines Linoleumsstücks als Druckvorlage.

Bis zur Umsetzung der Ideen galt es, sich mit den Tapetendruckern zu verständigen: Die Entwürfe mussten für die Serienproduktion vereinfacht und angepasst werden. Walzen wurden eigens angefertigt, geeignetes Papier und Farben ausgesucht, die Kolorierung ständig überwacht. So entstand die „blaue Bauhaus-Karte“, die erste Tapetenkollektion: Querschraffuren, feine Strichelungen, Punktrasterungen in 14 unterschiedlichen Mustern und in je 5 bis 15 Farbnuancen.

Rasch-Archiv 1934

„nur echt mit dem wort ‚bauhaus‘ am rand jeder rolle“

„Die Bezeichnung Bauhaus-Tapeten hat im Kampf gegen den Wandanstrich, im Kampf gegen eine tapetenfeindliche Grundeinstellung moderner Architekten geradezu Wunder gewirkt“, lobte die in Stuttgart erscheinende Deutsche Tapeten-Zeitung, als die Kollektion im September 1929 auf den Markt kam. Noch waren die Händler sehr zögerlich, doch Emil Rasch parierte schnell: Er umging den Zwischenhandel, indem er Architekten und Bauherren direkt adressierte und Reklame in großem Maße schaltete. 

Als gewinnbringend erwies sich dabei der mit dem Bauhaus geschlossene Vertrag: Neben einer vereinbarten Gewinnmarge erhielt das Bauhaus weitere 5 Prozent für Werbung. Zudem sicherte es sich das Vorrecht für die Gestaltung der Bauhauswerbung. Damit änderten sich auch die Schwerpunkte des Reklameunterrichts unter Joost Schmidt: Plakate, Musterbücher und Anzeigen standen nunmehr im Vordergrund. Die Rasch-Anzeigen für Bauhaustapeten entwickelten bald ihre eigene Handschrift und stachen durch ihre geradlinige, konsequent gesetzte Typografie und eine elegante, zweifarbige Textgestaltung aus der Vielzahl anderer Annoncen heraus.

Sammlung Freese, 1930

„der bauhaustapete gehört die zukunft“

„der bauhaustapete gehört die zukunft“, hieß es in der Rasch-Reklame von 1931. Und die Zahlen sprachen für sich: Im ersten Quartal 1930 stieg der Umsatz bereits um 50 Prozent, zum Jahresende wuchs er bis auf 300 Prozent. Bauhaustapeten schmückten die Wohnungen der Siedlung Dammerstock in Karlsruhe; sie zierten die Rothenburg-Siedlung bei Kassel und viele weitere Siedlungen in Frankfurt, Stuttgart, Mannheim, Berlin, Leipzig, Köln und Düsseldorf. 1931 wurden sie bei der Berliner Bauausstellung mit einem Ehrenpreis bedacht. Gestaltung, niedriger Preis, eine große Reklameoffensive und nicht zuletzt der Markenname „Bauhaus“ ließen die Tapete zum erfolgreichsten Produkt der Hochschule werden.

1932 dann die Zäsur: Am 1. Oktober 1932 schlossen die Nationalsozialisten das Bauhaus in Dessau. Als Direktor der Hochschule führte Ludwig Mies van der Rohe das Bauhaus in eigener Regie in Berlin weiter – und übernahm damit auch den Vertrag mit der Hannoverschen Tapetenfabrik. Nachdem im April 1933 Berliner Bauhausgebäude durchsucht und versiegelt worden war, kündigten Emil Rasch und Mies van der Rohe kurz darauf ihren Vertrag. Mit einer einmaligen Abschlagszahlung erwarb der Tapetenfabrikant alle Rechte und entzog dem Staat damit auch jeden Zugriff auf das Produkt. Die Bauhaustapete überdauerte die Zeitläufte: Bis auf eine kriegsbedingte Schließung zwischen 1944 und 1948 wurde sie nach früheren Standards weiterproduziert. Denn: „bauhaus. dieser name bürgt für qualität, geschmack u. preiswürdigkeit. die vorbildlichen standardqualitäten.“

[AB 2019]

  1. Literatur:
  2. Möller, Werner: Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Strategien zur Bauhaustapete, in: Bauhaustapete. Reklame & Erfolg einer Marke, Köln, S. 21–56
  3. Scheper, Renate: Wandmalerei und Tapete, in: Ebd., S. 87–97
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