Learning by Doing

Teamwork und Perspektivwechsel durch Gestaltung

© Meltem Eti Proto
Eindrücke der Ausstellung des Bauhaus-Projekts „Producing Together“ in Istanbul

Inwiefern hat die Feier von 100 jahre bauhaus und das Jubiläumsprogramm auf der ganzen Welt Ihre eigene Vorstellung vom Bauhaus verändert?

Ich finde es sehr wertvoll, mich an das Bauhaus zu erinnern, das die Designwelt mit den Anforderungen seiner Zeit beeinflusst und geleitet hat. Ich war Studentin und bin seit 28 Jahren Professorin an der Fakultät für bildende Künste der Marmara-Universität in Istanbul, die 1957 auf der Grundlage des pädagogischen Ansatzes des Bauhauses gegründet wurde. Für mich stellt der pädagogische Ansatz des gemeinsamen Produzierens eine starke Nachwirkung des Bauhauses im Programm der Abteilung für Innenarchitektur an der Fakultät für bildende Künste der Marmara-Universität dar.

Das 100-jährige Jubiläum des Bauhauses und sein weltweites Programm bestärkt mich im „Learning by Doing“-Ansatz auf Grundlage der innovativen Prinzipien des Bauhauses – gerade in einer Zeit, in der die junge Generation aus „Digital Natives“ besteht und fast ihr ganzes Leben in digitalen Technologien verbracht hat, in denen Mobilität lebenswichtig für das Leben und Lernen ist. Ich denke, dass die Koordination von Hand und Denken, die durch konkretes „Machen“ ausgelöst wird und die wir in der Designausbildung immer betont haben, heute noch viel wichtiger ist als früher.

Welche neuen Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Unsere Fakultät beteiligte sich mit verschiedenen Projekten an der Feier der Gründung des Bauhauses vor 100 Jahren. Das erste davon ist das „MEMORY“-Projekt, das von Prof. Dr. İnci Deniz Ilgın, einem Mitglied des Departments für Innenarchitektur, initiiert wurde. Ziel dieses Projekts ist es, die Erfahrungen der ursprünglich als Staatliche Schule für Angewandte Künste vor 62 Jahren gegründeten Fakultät, des wohl repräsentativsten Beispiels für Bauhauspädagogik in der Türkei, zu archivieren und sichtbar zu machen. Dieses Projekt ist ein großer Gewinn in Bezug auf die Dokumentation des Beitrags der Fakultät für bildende Künste der Marmara-Universität zur Kunst- und Designausbildung  in der Türkei.

Das andere Projekt heißt „UNDERSTANDING BAUHAUS Producing Together“, das sich zum Ziel gesetzt hat, ikonisch gewordene Bauhaus-Möbel zu reproduzieren. In diesem Projekt wurden unter meiner Leitung von Studierenden der Innenarchitektur während des Herstellungsprozesses der Möbel im Maßstab 1:1 viele Erkenntnisse gewonnen. Während die Studierenden technische Zeichnungen dieser Möbel anfertigten, begriffen sie die ihnen innenwohnende Beziehung von Verhältnis und Proportion, die die Designwelt des letzten Jahrhunderts prägte. Sie sammelten Erfahrungen bezüglich der Bedeutung von Teamwork in der Produktionsphase, der Umsetzung technischer Zeichnungsdetails im Herstellungsprozess und der Dynamik der Beziehung zwischen „Meister“ und „Schüler“. 

Die Studierenden erlangten ein tieferes Verständnis für alle Phasen der Möbelherstellung – vom Entwurf bis zur Produktion, erlebten den Werkstattgeist und verbesserten ihre Teamfähigkeit, während sie Details wie die Interaktion von Gestaltung und Material und das Management der Produktions- und Montagephasen kennenlernten. In dieser Studie, in der wir Bauhausprinzipien in der Designausbildung vermitteln, wurden die Studierenden mit Fragen in Bezug auf Gestaltung, Herstellung und Kommunikation vertraut und lernten zugleich eine fachliche Disziplin.

© Meltem Eti Proto
Eindrücke der Ausstellung des Bauhaus-Projekts „Producing Together“ in Istanbul
© Meltem Eti Proto
Eindrücke der Ausstellung des Bauhaus-Projekts „Producing Together“ in Istanbul

Welche vielleicht unerwarteten Perspektiven auf das Bauhaus hat Ihnen 100 jahre bauhaus eröffnet?

Eine wichtige Errungenschaft des Projekts, das ich selbst geleitet habe, war für mich das Feedback meiner Studierenden. Ihre Bewertungen und ihre Unterstützung durch Rückmeldungen bestätigen, wie nützlich und lohnend dieses Projekt war. Hier ein paar Beispiele: 

– „Zuallererst haben wir konkrete und verlässliche Daten über den Realisierungsprozess von Gestaltung gewinnen können.“

– „Es war eine unglaubliche Erfahrung, die Phasen der Möbelherstellung in einem realen Arbeitsumfeld zu erleben." 

– „Während der Zusammenarbeit haben wir die Erfahrung gemacht, verschiedene Perspektiven einzunehmen, unterschiedliche Methoden auszuprobieren und widersprüchlich zu interpretieren. Dabei haben wir den Produktionsprozess durch echte Teamarbeit und Aufgabenteilung verkürzt.“

– „Wir haben gelernt, wie wichtig es ist, als Klasse zusammenzuarbeiten und Zeitmanagement in der Gruppe zu betreiben. Diese Arbeit hat uns gezeigt, wie angenehm und effektiv der Werkstatt-Spirit sein kann, während wir gleichzeitig erfolgreich ein Möbelstück produzieren.“

– „Das Teamwork und die Beteiligung an jedem einzelnen Produktionsschritt waren immens zufriedenstellend.“

Die Möbel, die während des Projekts von unseren Studierenden der 3. Klasse hergestellt wurden, wurden im Anschluss in Istanbul ausgestellt und danach auch in unserem Department eingesetzt, um für alle Studierende nachvollziehbar zu sein. Die Aufnahme dieser Möbel in die Sammlung unserer Fakultät wird zur Kontinuität der Bauhaus-Schule beitragen und ein wichtiges Ergebnis des Projekts sein. Das Projekt, das die Kontinuität des Bauhaus-Werkstattprinzips sicherstellen soll, wird die Kommunikation auf dem Campus verbessern. Im Rahmen dieses Projekts werden wir auch weiterhin Möbelentwürfe aus verschiedenen Epochen produzieren und auf dem Campus zugänglich machen. 

Frage 4

Vielen Dank für das Gespräch!

    [NF 2019; übersetzt von NF]

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