„Albers war Poet und Moralist“

Estate of Rudy Burckhardt / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Rudy Burckhardt, Josef Albers, 1950, Foundation Rudy Burckhardt, „Josef Albers malt ein Homage!“, Silbergelatineabzug, 1950

Herr Darwent, warum Josef Albers? Erzählen Sie uns von Ihrer ersten Begegnung mit dem Werk dieses vielseitigen Künstlers.

Vor einiger Zeit habe ich ein Buch über Mondrian geschrieben. Dafür besuchte ich die Josef und Anni Albers Foundation in Connecticut, die ein Aufenthaltsstipendium für Schriftsteller anbietet; ich ging also dorthin, um über Mondrian zu schreiben. Als Künstler war mir Albers’ Arbeit vertraut, aber ich hatte noch nie alles von ihm gesehen. In der Stiftung hatte ich dann Gelegenheit dazu und fand sie wunderbar! Alles, was ich wirklich kannte, waren seine „Hommage to the Square“ und seine Drucke, und plötzlich realisierte ich die Fülle seines vielseitigen Schaffens. Dann bat mich die Stiftung, über ihn zu schreiben, und ich stimmte zu. 

Das Erbe der Bauhäusler wird in vielen Fällen von den Hinterbliebenen streng bewacht. Für Ihre Biografie haben Sie bisher unpubliziertes Archivmaterial zusammengetragen. Wie sind Sie an die Dokumente gelangt?

Nun ja, ich bin über zahlreiche Stellen an das Material gekommen. Natürlich über das Bauhaus-Archiv in Berlin und die Stiftung Bauhaus Dessau und alle weiteren großen Bauhaus-Archive, Harvard zum Beispiel, weil Gropius viel Material in Harvard gelassen hat. Aber hauptsächlich war es die Albers-Stiftung. Josef Albers, der ein unersättlicher Archivar war, hat jedes Papier, jedes Bild – einfach alles aufbewahrt. Es ist ein exzellentes Archiv.

Wie lange haben Sie daran gearbeitet?

Vier Jahre. Das Buch wird am 4. Oktober von Thames & Hudson veröffentlicht.

Josef Albers, „Kinetic VIb“, 1945, Öl auf Masonit, Josef Albers Museum Quadrat Bottrop
The Josef and Anni Albers Foundation / Foto: Werner J. Hannappel / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Josef Albers, „Kinetic VIb“, 1945, Öl auf Masonit, Josef Albers Museum Quadrat Bottrop

Der Aufbau Ihrer Biographie scheint sich an den Stationen der Bauhausschulen und den Nachfolgeschulen – inklusive dem Black Mountain College – zu orientieren. Wie wichtig war das Bauhaus in Albers’ Leben?

Das ist eine interessante Frage. Er war hauptsächlich Autodidakt. Er pflegte zu sagen, „Ich stamme nur von Adam und meinem Vater ab und das ist alles!“. Er sagte auch, „ich habe nie mit Kandinsky studiert, ich habe nie mit Klee studiert…“. Er mochte es, den Eindruck zu erwecken, dass niemand Einfluss auf seine Arbeiten genommen hatte.

Nun, kein Künstler mag es, verglichen zu werden.

Das Problem war, dass er, als er nach Amerika kam, mehr als Artefakt gesehen wurde statt als Künstler. Er war jemand, der vom Bauhaus kam, und ich glaube, das störte ihn. Weil er mehr war als nur das. Ich glaube, als er nach Amerika kam, empfand er das Bauhaus als eine schwere Bürde. Eine lange Antwort auf Ihre Frage, was ihm das Bauhaus bedeutet haben mag. Natürlich hat es ihm viel bedeutet, auch wenn er das verneinen würde. Seine ganzen Werke am Bauhaus – Typoschriften, Möbel, Tassen, er hat vieles produziert – waren aus Glas, von Beginn an, 1920 bis 1933. Er mochte die industrielle Qualität von Glas, aber ihn faszinierte auch die Vieldeutigkeit von Glas: Man kann die Oberfläche sehen oder man kann einfach hindurchsehen. Bis zu seinem Tod blieb seine Kunst so.

Welcher Aspekt hat Sie an der Person Albers am meisten fasziniert?

Er war schwer durchschaubar, er hat sich sehr geschützt. Es war daher auch schwer, über ihn zu schreiben, da er sehr zurückgezogen lebte. Er war so etwas wie eine lebende Performance. Es gab Künstler, Menschen wie John Cage, die ans Black Mountain College kamen und behaupteten, die Performancekunst erfunden zu haben, aber ich glaube, dass Josef, vor allem in Amerika, das Deutschsein darstellte und performte. Natürlich ist das schwer herauszufinden, da er es nicht mochte, über persönliche Angelegenheiten zu reden. Die Deutschen würden das „Innerlichkeit“ nennen. Er hasste deswegen auch den Expressionismus, er empfand ihn als hemmungslos. Einfach alles, was mit seiner eigenen Person zu tut hatte, mochte er nicht. Er führte auch kein Tagebuch, also musste man ihn auf Basis seiner Schriften und seiner Aussagen rekonstruieren. Die Arbeit an seiner Biografie war mehr die Arbeit eines Archäologen als die eines Biografen. 

Ich glaube, dass es typisch für diese Zeit war und vor allem für Bauhäusler, die eigene Person eher im Hintergrund zu lassen. Wieder eine Eigenschaft, die er eigentlich am Bauhaus gelernt hat, denken Sie an die späteren Autorschaftstheorien in den Sechzigern.

Ja, das ist schwer für uns, das nachzuvollziehen. Als Anni und Josef zum ersten Mal in Mexiko waren, verliebten sie sich in die mexikanische Kunst. Was sie besonders daran mochten war, dass Autorschaft und Urheberschaft irrelevant waren. Wenn man ein Gefäß anfertigte, signierte man es nicht, selbst wenn man Tausende davon anfertigte. Es hatte etwas Industrielles. Das Konzept, dass der Urheber nicht von Bedeutung ist, hat auch einen moralischen Charakter.

Einblick in die Ausstellung „Josef Albers. Interaction“
Kulturstiftung Ruhr, Essen 2018
Einblick in die Ausstellung „Josef Albers. Interaction“

Für die Retrospektive „Josef Albers. Interaction“ in der Essener Villa Hügel haben Sie ein Kapitel im Ausstellungskatalog geschrieben, das sich mit Albers’ katholischem Glauben befasst – wie wichtig war Religion und deren Ausübung im Schaffen Albers?

Mit Sicherheit war er kein spiritueller Mensch und wäre er es gewesen, hätte er es nicht zugegeben, das wäre nämlich genau diese „Innerlichkeit“ gewesen, die er hasste. Aber ich glaube, dass für Albers die tägliche Praxis der Erschaffung von Kunst und dasselbe Bild wieder und wieder zu malen, Teil seiner Religiosität war – vergleichbar damit, wie andere etwa den Rosenkranz beten. Also, ich würde das Wort spirituell nicht benutzen, aber es hat sicherlich etwas Religiöses.

Sie waren außerdem an dem Ausstellungsfilm „Josef Albers – Outside the Square“ von Ralph Goertz beteiligt und haben das Script für seinen Film geschrieben. Darin wird erklärt, dass Albers einige seiner Bilder auf Material aus dem Baugewerbe malte statt auf Leinwand. Ist dies ein später Versuch, sich wieder an die Lehre des Bauhauses zu erinnern und Material und Kunst in Einklang zu bringen?

Ich kann nur etwas zu seiner Arbeitsweise sagen: Auf der Rückseite jedes Bildes, vor allem nach 1940, pflegte Albers seine „Rezepturen“ aufzuschreiben. Er notierte die Farben die er nutzte, die Personen, die sie angerührt hatten. Er schrieb zum Beispiel „Krombacher, Salbei Grün, 2“ so dass jeder seine Bilder malen konnte. Im politischen Sinne ist das sehr komplex, weil er eine starke anti-kommunistische Einstellung hatte, anders als Max Bill zum Beispiel, und dennoch praktizierte er als Künstler sehr sozialistisch und veröffentlichte all seine Geheimnisse.

Josef Albers, "Homage to the Square", 1976, Öl auf Masonit, The Josef and Anni Albers Foundation
The Josef and Anni Albers Foundation / VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Josef Albers, "Homage to the Square", 1976, Öl auf Masonit, The Josef and Anni Albers Foundation

Die Ausstellung beschäftigt sich hauptsächlich mit Albers’ Zugang zum Thema „Farbe“ und seiner „Hommage to the Square“. Wo lässt sich Albers' Werk kunsthistorisch einordnen?

Auch da möchte ich nur eine indirekte Antwort geben, die aber viel aussagt: Meine Kollegin und ich standen vor seiner „Hommage to the Square“ in Amerika, und als sie sie betrachtete, sagte sie: „Es ist so ein romantisches Werk!“ Ich dachte mir, dass das sehr interessant sei. Aber natürlich, Albers ist romantisch auf eine sehr alte und altmodische Weise. Dem ist so, denn Albers legt sich die Vorstellung von Perfektion beim Malen des Quadrats auf, mit dem Wissen, dass es nie perfekt sein kann. Die Ecken weichen immer etwas ab und er mochte das Wort „Schwindel“. Er setzte an, etwas zu malen und im Geiste wusste er bereits, wie es aussehen würde, und dann stellte sich das Bild als Schwindel heraus, es täusche ihn…. wie ein Trick. Es steckt Humor dahinter, aber ich würde auch sagen, dass er ein Moralist und Poet war.

Interview Ende

Danke für das Gespräch, Mr. Darwent.

[CG 2018]

Der Film

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