Avantgarde am Niederrhein

Interview

Frau Lange, warum sollte man ausgerechnet nach Krefeld kommen, um Mies van der Rohe zu entdecken?

Mies erhaltenes europäisches Oeuvre ist klein, es umfasst – ohne seine frühen Berliner Villen – nur neun Bauten, drei davon stehen in Krefeld: Sein einziges Villenensemble bestehend aus Haus Lange und Haus Esters, 1927–1930, und sein einziger Industriebau, das sogenannte Färberei- und HE Gebäude der Vereinigte Seidenwebereien AG, 1930–1931/1935. Wer Mies' Architektur studieren will, kommt also an Krefeld gar nicht vorbei.

Museen Haus Lange und Haus Esters, Krefeld, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe, 1927–30. Foto: Volker Döhne / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
Foto: Volker Döhne / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
Museen Haus Lange und Haus Esters, Krefeld, Architektur: Ludwig Mies van der Rohe, 1927–30. Foto: Volker Döhne / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.

Wie kam es zu dieser Verbindung zwischen Mies und Krefeld? Was für ein Flair herrschte damals in der Stadt? Was für Personen oder Netzwerke standen dahinter?

Der eigentliche Motor dieser Entwicklung in den Zwanziger Jahren war die europaweit agierende Seidenindustrie, deren Zentrum sich damals in Krefeld befand – und ihre kunstaffinen Protagonisten. Aber sie entstand nicht aus dem Nichts. Bereits seit der Reformbewegung der Jahrhundertwende hatte der umtriebige Museumsmann Friedrich Deneken in Krefeld den Boden bereitet für eine gewisse Offenheit der Krefelder Industrie gegenüber avantgardistischen Tendenzen in Kunst und „Design“, wie wir es heute nennen würden. Der Werkbund war seit seiner Gründung durch eine informelle Ortsgruppe aktiv. Bereits seit 1922 bestanden nachweislich Verbindungen zum Bauhaus. Gleichzeitig spielte die zeitgenössische Kunst eine große Rolle.

Neben den drei gebauten Projekten erhielt Mies ab 1927 noch sechs weitere Aufträge von den Krefelder Seidenfabrikanten.

Ja, in diesen Jahren entstanden auch zwei bahnbrechende Ausstellungsarchitekturen – das Café Samt und Seide als Repräsentationsstand des Vereins deutscher Seidenweberein anlässlich der Ausstellung „Die Mode der Dame“ in der Berliner Funkhalle (1927) sowie der Beitrag der Seidenindustrie zur Weltausstellung in Barcelona 1929. Ein Jahr später folgte dann eine komplette Wohnungseinrichtung, die einen repräsentativen Querschnitt durch Mies möbelkünstlerisches Werk darstellt. Hinzu kommen die Entwürfe für ein Hofhaus und einen Verwaltungsbau sowie der in seiner Bedeutung lange unterschätze Entwurf für ein Golfclubhaus.

Café Samt & Seide, Berlin, Ausstellungsgestaltung: Lilly Reich und Ludwig Mies van der Rohe, 1927 © Globophot / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
© Globophot / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
Café Samt & Seide, Berlin, Ausstellungsgestaltung: Lilly Reich und Ludwig Mies van der Rohe, 1927 © Globophot / © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.

Ihr Urgroßvater, der Seidenfabrikant Hermann Lange, spielte damals eine zentrale Rolle. Warum wollte er sein Wohnhaus unbedingt von Mies van der Rohe bauen lassen?

Als Herman Lange und Josef Esters sich um 1924 auf die Suche nach einem passenden Architekten für ihre geplanten Wohnhäuser machten, bewegte Lange sich bereits seit vielen Jahren als Sammler in der Szene der Avantgardekunst. Diese Auseinandersetzung hatte seinen Blick geschult und seinen Intellekt geformt. Esters sammelte ebenfalls Kunst, aber es bestand eine Art Arbeitsteilung zwischen den beiden: Lange war für künstlerische, Esters für finanzielle Fragen zuständig.
Die Suche nach einem Architekten führte beide übrigens erst zu J.J.P.Oud und auch zu Theo van Doesburg, dem wichtigsten Vertreter der niederländischen de Stijl Gruppe. Die beiden Freunde und Gründer der Vereinigten Seidenwebereien AG suchten also eindeutig einen „Avantgardisten“. Warum sie sich schließlich für Mies entschieden, ist nicht bekannt. Die Besichtigung von Haus Wolf 1927, das Mies gerade in Guben fertigstellte, scheint hier eine Rolle gespielt zu haben.

Wann sind Sie selbst das erste Mal auf Mies aufmerksam geworden? War das ein Thema innerhalb der Familie?

Eine Thema war es nicht, aber Mies war uns natürlich ein Begriff – auch Lilly Reich, Mies bedeutende Partnerin. Die Möbel, die beide im Rahmen ihrer Aufträge für die Familie entworfen hatten, blieben ja weiter in Benutzung.
Die Häuser Lange und Esters besuchte ich als junger Mensch regelmäßig, jedoch nicht wegen ihrer Architektur, sondern um Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zu sehen. Haus Lange hatte sich seit den 1950er-Jahren unter den Direktoren Paul Wember und später Gerhard Storck zu einem bedeutenden Ausstellungsort der Avantgardekunst entwickelt. 1980 kam Haus Esters dazu.
Meine fachliche Auseinandersetzung mit der Architektur und dem Möbeldesign von Mies und Lilly Reich begann aber erst vor rund zehn Jahren.

Was ist Ihre Lieblingsgeschichte zu Mies in Krefeld?

Eine spezielle Lieblingsgeschichte habe ich nicht, aber die umfangreiche Korrespondenz zwischen Architekt, Bauherr und Mitarbeitern, die Bauprojekte immer begleitet, ist voller zum Teil amüsanter Passagen, die nicht nur wichtige Informationen zur Baugeschichte liefern, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen ermöglichen: Ob es ein Mitarbeiter ist, der sich über Mies aufregt oder Theo van Doesburg, der vor einem Kollegen prahlt, er habe einen ganz dicken Auftrag am Haken bei dem „Geld keine Rolle spielt“. Gemeint waren Lange und Esters.

Ludwig Mies van der Rohe während der Arbeit am Haus Esters, ca. 1927/28 © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.
© VG Bild-Kunst Bonn, 2017
Ludwig Mies van der Rohe während der Arbeit am Haus Esters, ca. 1927/28 © VG Bild-Kunst Bonn, 2017.

2010 haben Sie den Verein Projekt MIK e.V. gegründet. Wie kam es dazu?

Es hatte sich gezeigt, dass die Erforschung der Krefelder Projekte von Mies und Reich nicht nur die Fachwelt interessierte. Diese verschüttete Geschichte von der Verbindung der künstlerischen Avantgarde mit der Seidenindustrie in Krefeld, die ja bis in die 1960er Jahre-bedeutend blieb und ein wichtiger Arbeitgeber war, stieß auch lokal auf großes Interesse. Vor diesem Hintergrund entstand die Idee, dem Thema eine Ausstellung zu widmen. Die Vereinsgründung erfolgte aus dem ganz praktischen Grund, dieses und weitere Ausstellungsvorhaben verwirklichen zu können.

2013 hat der Verein für die Ausstellung „Mies 1:1 das Golfclub Projekt“ einen nie realisierten Wettbewerbsbeitrag von Mies aus dem Jahr 1930 für ein Golfclubhaus in Krefeld als lebensgroßes Architekturmodell am originalen Standort umgesetzt. Dazu zeigen wir hier auch den Dokumentarfilm von Helge Drafz. Aber welche Idee stand hinter diesem enormen Vorhaben?

Sowohl Architekturausstellungen als auch dokumentarische Ausstellungen sind schwierige Unterfangen, die sich häufig nur dem Fachpublikum erschließen. Wir haben deshalb den Ausstellungsgedanken umgedreht:
Als temporäre Vergegenwärtigung eines Entwurf von Mies durch die belgischen Architekten Robbrecht en Daem erzählte das 1:1 Modell wortlos mehr über die Mies' sche Idee von Raum, als Pläne, Fotografien oder Modelle es jemals hätten zeigen können.
Der Entwurf für den Golfclub ist von außergewöhnlicher Qualität und führt wie ein Manifest die Mies' sche Idee von Architektur auf dem Höhepunkt ihrer europäischen Entwicklung vor.

Für Ihren Beitrag zum Bauhaus Jubiläum 2019 werden Sie mit dem Künstler Thomas Schütte zusammenarbeiten. Was hat den Anstoß dazu gegeben? Thomas Schütte war ja bereits 2013 einer Ihrer Gäste auf einem Symposium im begehbaren Golfclub-Modell.

Uns interessiert Thomas Schüttes komplexes künstlerisches Denken und sein Umgang mit Architektur. Das Bauhaus wurde als Schule für Gestaltung konzipiert doch in der Lehre spielten bedeutende Vertreter der bildenden Kunst wie Paul Klee und Wassily Kandinsky eine große Rolle. Auch im Krefelder Netzwerk nahm die bildende Kunst eine zentrale Position ein. Sie forderte und formte das Denken vieler seiner Akteure.
Nicht Architektur oder Design sondern die bildende Kunst ist daher Ort und Ausgangspunkt unserer Auseinandersetzung mit dem Bauhaus und seiner Wirkung in Krefeld.

headline

Frau Lange, wir danken Ihnen für das Gespräch.

[NO 2016]

Kontakt

Projekt Mies in Krefeld e.V
Christiane Lange
E-Mail

Projekt Mies in Krefeld e.V.

Krefelder Kunstmuseen Haus Lange und Haus Esters

Wilhelmshofallee 91-97
47800 Krefeld

Öffnungszeiten (bei Ausstellungen): Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Montag geschlossen

"Ludwig Mies van der Rohe Architektur für die Seidenindustrie"
Christiane Lange, 
Nicolai Verlag 2011
ISBN 978-3-89479-668-6

Zum Seitenanfang