Die Unbekannte im Stahlrohrsessel

Anastasia Dittmann
Porträt Nina Wiedemeyer

Frau Wiedemeyer, 14 Jahre Bauhaus-Produktion stehen 100 Jahren Bauhaus-Rezeption gegenüber. Wie lässt sich diese Diskrepanz in einer Ausstellung auflösen?

„original bauhaus“ interessiert sich genau für diese Spannung. Das Bauhaus war zuallererst eine Schule, die radikal neue Ideen für die Gestaltung von Umwelt und Gesellschaft entwickelte. Um Produktion ging es damals gar nicht in erster Linie. Das Beste, was einer Schule passieren kann, ist, dass ihre Ideen weitergetragen werden. Und genau das ist im Falle des Bauhauses passiert. „original bauhaus“ geht diesen Verbindungen zwischen Idee und Rezeption, Original und Reproduktion, Unikat und Serie nach.

Sie zeigen mehr als 1000 Exponate aus dem Reichtum des Bauhaus-Archivs. Was mussten die Arbeiten „mitbringen“, um in die Ausstellung aufgenommen zu werden? Was hat die Diskussion über die Zusammenstellung der Arbeiten befeuert?

Die Arbeiten erzählen alle etwas über das Verhältnis von Produktion und Reproduktion am Bauhaus. Das können Bauhaus-Postkarten vom neuen Schulgebäude in Dessau sein, die die Bauhäusler*innen in die Welt schickten und Gropius' Bau damit bekannt machten. Das kann eine originalgetreue Kopie der berühmtem „Bauhaustreppe“ von Oskar Schlemmer sein, die dessen Bruder Casca Schlemmer in den 1950er Jahren für die Familie malte. Das kann ein Landhaus im westfälischen Siegerland sein, das dem Weimarer Haus Am Horn wie ein ungleicher Zwilling ähnelt und die Frage aufwirft: Wenn sich der Architekt das Weimarer Musterhaus zum Vorbild nahm, wieso hat er es dann in entscheidenden Elementen abgeändert?

Verraten Sie uns das vergessene Bauhaus-Original, das Sie im Rahmen von „original bauhaus“ am stärksten fasziniert?

Aus den Vorkurs-Übungen der Student*innen am Bauhaus erfährt man unglaublich viel, und es ist eine große Freude, sie zu betrachten. Da gibt es nicht nur abstrakte Bewegungsstudien, Papierfaltungen oder Farbkontraste, wie man es vielleicht erwartet. Sondern auch präzise Tierstudien in Kohle, Formanalysen von Gemälden Alter Meister oder zum Beispiel einen Madonnenkopf, gezeichnet von Gunta Stölzl, die später für ihre abstrakt gemusterten Teppiche bekannt wurde. Hier wird deutlich, wie vielseitig die Lehre am Bauhaus war, und wie viel Wert auf die Übung gelegt wurde, auch im Sinne der Nachahmung, der Wiederholung, des Studierens.

Eine Rolle spielt auch die Sitzende im Stahlrohrsessel, die bekannteste Unbekannte des Bauhauses. Wer ist der Mensch hinter der Maske?

Die Sitzende im Stahlrohrsessel hat es zu einiger Berühmtheit gebracht, sie taucht in unzähligen Publikationen auf. Schon das Bauhaus selbst hat das Foto von Erich Consemüller für eine Selbstdarstellung in einer Zeitschrift benutzt. Und das war, auch nach heutigen Maßstäben, eine sehr gute Marketingstrategie: Mit der jungen Frau im kurzen Rock mit rätselhafter Maske zeigt sich das Bauhaus chic und gewitzt. „original bauhaus“ hat einige Vorschläge parat, wer sich hinter der Maske verbergen könnte. Und wer ganz sichergehen will, kann sich in der Ausstellung selbst als Frau mit Maske fotografieren – dann weiß man hinterher auf jeden Fall, wer der Mensch hinter der Maske ist!

Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926. Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin
Dr. Stephan Consemüller
Sitzende mit Bühnenmaske von Oskar Schlemmer im Stahlrohrsessel von Marcel Breuer, um 1926. Foto: Erich Consemüller, Bauhaus-Archiv Berlin

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Vielen Dank für das Gespräch, Frau Wiedemeyer!

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