Hat das Bauhaus unsere Städte zerstört?

Streiflichter einer alten Debatte

Bruno Glätsch (https://pixabay.com/users/bru-no-1161770/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=3491512) via Pixabay (https://pixabay.com/?utm_source=link-attribution&utm_medium=referral&utm_campaign=image&utm_content=3491512)
Die Stadt der Moderne – „das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen”?

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Allen Leserinnen und Lesern, die unsere Titelfrage als lästiges Clickbaiting oder gar als reaktionäre Provokation empfinden mögen, sei versichert: Natürlich hat das Bauhaus unsere Städte nicht zerstört. Die gestalterischen Prinzipien aber, die am Bauhaus vertreten oder gar entwickelt wurden, stehen zweifellos in einer fruchtbaren Beziehung zu jenen gesellschaftlichen und architektonischen Vorstellungen, die wenig später den modernen Städtebau bestimmen sollten – und die in den vergangenen 50 Jahren Gegenstand zahlreicher Debatten und fundamentaler Kritik geworden sind.

Zitat 1

Alle Ideologien der 1920er und 1930er hatten eines gemeinsam: Sie wollten einen ‚neuen Menschen‘ schaffen. Neu, völlig neu. Ein brandneues menschliches Wesen, das sich ganz der Partei verschrieben hat. Rot, Schwarz oder Braun spielten keine Rolle. Es ist klar, dass sich die Architektur einer solchen totalitären Atmosphäre nicht entziehen konnte. Architektur wurde zum effektivsten Werkzeug, um die neue Gesellschaft zu formen. Und die Moderne war ein perfektes Produkt einer solchen Zeit.

Gabrielle Tagliaventi, Architekt und Stadtplaner, Vertreter der Bewegung „European Urban Renaissance“

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Hat also – ganz allgemein – „die Moderne“ unsere Städte zerstört? Dieser Behauptung wäre wohl nur dann beizupflichten, wenn man, was durchaus geschieht, auch den Nationalsozialismus als „moderne Ideologie“ klassifizieren möchte.[1] Denn das häufig zitierte Bonmot von James Stirling, es sei die wichtigste Aufgabe der Gegenwart, die deutschen Städte „von den Nachkriegsschäden zu befreien, die die moderne Architektur angerichtet hat“, verdreht Ursache und Wirkung und hat angesichts der erschütternden Zerstörungen europäischer Großstädte im von den Nazis entfesselten Bombenkrieg doch einen spürbar zynischen Beigeschmack.

Was aber wollte der moderne Städtebau – und wie haben sich dessen Visionen auf unsere Art zu bauen und zu leben ausgewirkt? Ausgangspunkt der Reformbestrebungen waren die engen und ungesunden Lebensverhältnisse, die durch die industrielle Revolution in den rasch anwachsenden Großstädten entstanden waren; nach 1875 stieg in nur 35 Jahren die Einwohnerschaft von Städten wie Leipzig oder Essen um das Vier- oder Fünffache.[2] Der Bauboom, der in Folge dieser Entwicklung einsetzte, führte trotz Investitionen in Kanalisation und Trinkwasserversorgung und die Bismarck’sche Krankenversicherung gerade in den Quartieren der Arbeiterschaft zu teilweise katastrophalen hygienischen Lebensbedingungen.

Zitat 2

Inspiriert vom Maschinenzeitalter und motiviert von der Bedeutung von Einfachheit und Funktionalität, führte diese neue Architekturbewegung die Städte in das Konzept des guten Designs für alle sozialen Schichten ein. Klare Geometrien und fließende Innenräume wurden mit grünen städtischen Räumen kombiniert, um ein einzigartiges modernes Erlebnis für die Kinder des 20. Jahrhunderts zu schaffen. Das Bauhaus erlaubte auch die Beseitigung sozialer Klassenunterschiede, die das Kennzeichen klassischer Architektur waren, und machte gutes Design für alle zugänglich.

Ali Modarres, Direktor für Urban Studies und Vizekanzler für Monnunity Engagement an der University of Washington Tacoma

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Wenn manche Kritiker der Moderne daran gehen, den „Hinterhof zu verklären“[3] (Wolf Jobst Siedler), so haftet dieser Perspektive daher immer auch etwas Ahistorisches, Ästhetisierendes an. Das vormoderne Gegenstück zur Grünfläche zwischen langen, der Sonne zugewandten Häuserzeilen war eben nicht „Riehmers Hofgarten“[4]. Das große Versäumnis der Kaiserzeit, eine städtebauliche Neugründung Berlins vorzunehmen, führte schon dem Stadthistoriker Hans Reuter zufolge zu einer „großen Zerstörung Berlins“, deren Vollendung nicht etwa die Moderne oder die alliierten Bomber, sondern Wilhelm II. besiegelt hätte.[5] Diese Zerstörung aufzuhalten, ja sie umzukehren und für neue Lebensqualität in den boomenden Städten zu sorgen, war das erklärte Ziel jener Stadtplanung, wie sie vielen Bauhäuslern und den Unterzeichnern der „Charta von Athen“ vorschwebte. 

Dieses als Manifest des modernen Städtebaus geltende Abschlussdokument des vierten Internationalen Kongresses Moderner Architektur (CIAM) wurde just in jenem Sommer verabschiedet, da sich das Bauhaus unter dem Druck der inzwischen regierenden Nationalsozialisten selbst auflöste. Auch wenn mit László Moholy-Nagy und den Bauhausschülern Hubert Hoffmann, Wilhelm Hess und Jan van der Linden die Visionen der ehemaligen Hochschule in Athen auch personell vertreten waren: Die Forderungen der dort versammelten Architekten und Städteplaner waren weniger „Bauhaus“ denn avantgardistisches Gemeingut. „Nicht die Originalität der Fragestellung, sondern die gezielte Aneignung und pointierte Interpretation des Themas darf als die eigentliche Leistung des Kongresses gelten“, so Gregor Harbusch. Ein Gemeingut übrigens, das auch die Grenzen politischer Gesinnung zu überschreiten verstand.

© Stefan Becker (instagram.com/_stefan_becker_)
Gebäudekomplex in Hong Kong: Ein Hinterhof der Moderne?

Zitat 3

Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, dass das weltberühmte Fertighandbuch von Ernst Neufert 1939 unter der Leitung von Albert Speer in Berlin erschien. ‚Der Neufert‘ wurde zum weltweiten Bezugspunkt für die Gestaltung der Neuen Architektur, als der Zweite Weltkrieg die städtische Umgebung für Experimente der Moderne zur Verfügung stellte.

Gabriele Tagliaventi

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Zentrales Anliegen der modernen Urbanisten von Ludwig Hilberseimer bis Le Corbusier war die Stadt als funktionale Einheit. Dazu sollten, grob vereinfacht, die Hauptfunktionen Wohnen, Arbeiten und Erholen räumlich voneinander getrennt werden, um jedem dieser Bereiche die ihm angemessene Gestalt verleihen zu können. Während die Innenstadt dem Handel, der Kultur und der Verwaltung vorbehalten sein sollte, galt es, außerhalb eines gemischten Gürtels um die Innenstadt mit Industrie und Handel exklusive Wohnquartiere anzulegen, die ganz im Gegensatz zu den Mietskasernen der Vergangenheit von weiten Grünanlagen, viel Licht und für alle Bewohner gleichermaßen geltende hygienische und technische Vorzüge gekennzeichnet sein sollten. 

Durch den Wiederaufbau der im Zuge des Kriegs zerstörten Städte konnten die in der Zwischenkriegszeit ersonnenen Prinzipien schon bald in der Praxis getestet werden. Diese ab 1950 einsetzende „fortschrittliche Moderne“[6] (Joachim Schöffel) erodierte jedoch angesichts der negativen Entwicklungen, die in den kommenden Jahrzehnten vielerorts sichtbar wurden, darunter die Verödung von Innenstädten, die Bildung sozialer Brennpunkte und all jene klimatischen Konsequenzen, die eine „autogerechte Stadt“ mit sich brachte. Die Kritik an den Städten der Moderne, die sich im Laufe der 1960er-Jahre an Werken wie Jane Jacobs „The Death and Life of Great American Cities“ und Wolf Jobst Siedlers „Die gemordete Stadt“ entfachte und in den 1970er-Jahren nicht mehr zu überhören war, zielte nicht selten auf ihre „Unwirtlichkeit“[7] (Alexander Mitscherlich). 

Zitat 4

Wurden die Städte also von der Moderne zerstört? Die Antwort ist kompliziert. In vielen Fällen beruhte das, was in Städten rund um den Globus gebaut wurde, auf der Einfachheit der Form in Anlehnung an das Bauhaus, vernachlässigte jedoch die Qualität des Bauens und die Bedeutung des Handwerks. Was den Ruf des Bauhauses schmälerte, waren zwei seiner Obsessionen: die Maschine und der Fokus auf die Massenproduktion. Ersteres gab dem autoorientierten Städtebau Raum, während letzteres minderwertiges Wohnen ermöglichte. Aus ästhetischer Sicht machte eine globale Einheitlichkeit der Form das Bauhaus zu einem Relikt im Zeitalter des kulturellen Bewusstseins und der Feier der Vielfalt.

Ali Modarres

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Von der Rückkehr zur Blockrandbebauung über neoklassizistische Fassaden bis hin zum rekonstruierten Stadtschloss: Fast jedes Tabu moderner Stadtplanung wurde in den letzten Jahrzehnten auf dem Altar der Restauration geopfert – nicht nur, aber auch einer Öffentlichkeit zuliebe, die sich zunehmend modernekritisch zeigt.[8] Doch spätestens seit Verabschiedung der Leipzig-Charta (2007) gelten auch in Fachkreisen die Vorzeichen in puncto Stadtplanung als vertauscht: „Die Zeit einzeln optimierter Wohn- und Geschäftsviertel, überdimensionierter Einkaufszentren und großer Verkehrsflächen ist vorbei.”[9] Damit einher ging eine radikale Kritik der Stadt, die sich nicht an der „kritischen Rekonstruktion“ erschöpft, sondern mit der Frage nach dem Eigentum und Bodenbesitz „das Stadtverständnis in seinem Kern berührt“, wie Jürgen Tietz anlässlich der Ausstellung „The Dialog City: Berlin wird Berlin“ 2016 bemerkte.[10]

„Man dachte, es sei rational, Städte großflächig am Reißbrett zu planen und gigantische Siedlungen mit Hochhäusern wie Plattenbauten zu errichten,“ so Jan Gehl, Stadtplaner und prominenter Vertreter einer fahrrad- und fußgängergerechten Stadt. „Aber die Menschen sind nicht rational. Sie stimmen mit den Füßen ab und gehen dorthin, wo es lebenswert ist. Deshalb gelten solche Hochhausviertel heute auch als ziemlich unattraktiv.“[11] Sollte es den Stadtplanern der Zukunft tatsächlich gelingen, aus den Fehlern der Moderne zu lernen und unsere Städte zu Lebensräumen der viel beschworenen „Urbanen Mischung“ zu machen, wären Bauhäusler wie Walter Gropius wohl kaum abgeneigt: „Die Krankheit unserer heutigen Städte und Siedlungen“, so der Bauhausgründer 1956, „ist das traurige Resultat unseres Versagens, menschliche Grundbedürfnisse über wirtschaftliche und industrielle Forderungen zu stellen.“ Wichtiger als all der abgeschlagene Stuck war ihm noch immer das, was sich hinter den Fassaden abspielte.

Wo aber kunstsinnige Stimmen moderne Städte in Museen einer guten alten Zeit verwandeln oder identitätsstiftende Architekturen über die wahren Interessen einer pluralen Stadtgemeinschaft hinwegtäuschen sollen, würden sie wohl darauf pochen, die „Heimat Stadt“ auch weiterhin mit den Augen ihrer zeitlosen Neugier zu betrachten: „Stadtkultur ist immer eine Kultur gewesen der Auseinandersetzung mit dem Fremden. Man kann Städte geradezu definieren als Orte, wo Fremde wohnen, vor aller Zuwanderung. Stadt beginnt dort, wo Bewohner einander nicht mehr kennen. Deswegen sind Städte Orte, wo Menschen gelernt haben, mit Fremdheit halbwegs zivil umzugehen.“[12] (Walter Siebel)

  1. [1] Norbert Frei, Wie modern war der Nationalsozialismus?, in: Geschichte und Gesellschaft (1993), 367-387.
  2. [2] Mehr zum „Wachstum deutscher Großstädte (1875–1910)”
  3. [3] Wolf Jobst Siedler und Elisabeth Niggemeyer, Die gemordene Stadt, München 1978, 9.
  4. [4] Mehr zu „Riehmers Hofgarten”
  5. [5] Hans Reuther, Die große Zerstörung Berlins. Zweihundert Jahre Stadtbaugeschichte, Frankfurt 1985, 74.
  6. [6] Symbol und Bühne der Stadt – Die historische Mitte im Wandel städtebaulicher Leitbilder. Eine Untersuchung bundesdeutscher Städte seit ihrer Kriegszerstörung, Dissertation, Darmstadt 2003.
  7. [7] Alexander Mitscherlich, Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Frankfurt 1999.
  8. [8] Siehe zuletzt der Disput zu „Rechten Räumen”, der von der Zeitschrift ARCH+ initiiert und von Journalisten wie Thomas Steinfeld (Süddeutsche Zeitung, 6. Juni 2019) zurückgewiesen wurde.
  9. [9] Mehr zur „Leipzig-Charta”
  10. [10] Jürgen Tietz, Ruinenbaumeister, in: NZZ (20.10.2015)
  11. [11] Stefan Kesselhut, Wo ist denn hier noch Platz? (Interview mit Jan Gel), in: Fluten (17.09.2015)
  12. [12] Walter Siebel, Die Kultur der Stadt, Berlin 2015.

[NF 2019]

  1. [Link] Zum Verlust moderner Bausubstanz in der Gegenwart
  2. [Link] Zur aktuellen Städtebauförderung
  3. [Link] Zur abgesagten IBA 2020 in Berlin
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