Lászlo oder Lucia?

Interview mit Susanne Radelhof

Klassik Stiftung Weimar / Dr. Stephan Consemüller
Marcel Breuer mit seinem "Harem" (v.l.: Marta Erps-Breuer, Katt Both und Ruth Hollos-Consemüller) / Foto: Erich Consemüller, um 1927.

Absatz 1

Inspiriert von der aufkommenden Auseinandersetzung mit den Frauen am Bauhaus hat die Filmemacherin Susanne Radelhof in ihrer Dokumentation »Bauhausfrauen« im 100. Jahr des Bauhauses einen konkreteren Blick auf diese Thematik geworfen. Wir haben mit ihr gesprochen.

Koberstein Film
Freie Autorin und Producerin Susanne Radelhof

Frau Radelhof, Sie haben selbst Medienkultur und Visuelle Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar studiert. Wären Sie gerne 1919 eine der ersten Studentinnen am Bauhaus gewesen?

Ich wäre natürlich neugierig, so in eine andere Zeit hineinzuschauen, aber ich bin dann doch dankbar für die Zeit, in der ich studieren konnte. Es war 1919 sicher wahnsinnig intensiv, dieser neue Aufbruch aus den Kriegserfahrungen heraus, aber ich bin dankbar, dass die Frauen damals am Bauhaus den Weg soweit geebnet haben, dass ich mir im Studium nichts erkämpfen musste, bloß weil ich eine Frau bin.

Für die Frauen in Deutschland war 1919 ein signifikantes Jahr. Das Frauenwahlrecht wurde eingeführt, die Sozialdemokratin Marie Juchacz sprach am 19. Februar 1919 als erste Frau in einem demokratisch gewählten deutschen Parlament. Dem Lockruf ans Bauhaus, einer Hochschule, die allen Begabten gleichsam den Zugang erlauben sollte, folgten zum ersten Semester mehr Frauen als Männer. Der Studienbetrieb begann mit 84 Studentinnen und 79 Studenten. Wie erklären Sie sich, warum sich anfänglich so viele Frauen am Bauhaus eingeschrieben hatten?

Ich sehe dafür mehrere Gründe. Einerseits hat Walter Gropius große Versprechen proklamiert. Nur wenige Kunsthochschulen ließen damals überhaupt Frauen zu. Bis dato konnten Frauen nur sehr teuren Unterricht an Kunstgewerbeschulen nehmen, wurden künstlerisch nicht anerkannt. Und nun bot das Bauhaus den Frauen die Chance zu einer handfesten künstlerischen Ausbildung, das war phänomenal. Gleichzeitig muss man auch die Zeichen der Zeit sehen: Viele Männer waren noch gar nicht aus dem Krieg zurückgekehrt und kamen erst später ans Bauhaus. Es gibt Zeitzeugnisse von Männern, die in ihrer Kriegsuniform nach Weimar kamen, die hatten gar keine andere Kleidung. Sie haben sich dann die Kragen abgeschnitten, die Uniform umgefärbt. Aus den traumatischen Erfahrungen mit dem Krieg entstand ja dann auch dieser Wunsch nach einer neuen Gesellschaft. Es sollte nicht nur darum gehen, schöne Dinge zu gestalten, sondern neue Formen zu finden. Auch des Zusammenlebens, der Gemeinschaft.

Joost Siedhoff, Sohn von Alma Siedhoff-Buscher, in der Dokumentation "Bauhausfrauen"
Marcus Winterbauer / Koberstein
Joost Siedhoff, Sohn von Alma Siedhoff-Buscher, in der Dokumentation "Bauhausfrauen"

Der Wunsch, die Welt zu verändern, mit alten Traditionen zu brechen und eine neue, egalitäre Gesellschaftsform herbeizuführen, scheiterte jedoch bei der Gleichberechtigung. Schon 1920 relativiert Gropius sein anfängliches Versprechen. Unter Angabe von sonderbaren Argumenten – Johannes Itten war überzeugt davon, Frauen würden nicht dreidimensional sehen können, Paul Klee hielt Genie für männlich, allgemein war man der Meinung, Frauen würden sich nicht für schwere Arbeiten eignen – werden nur noch ein Drittel der Plätze an Frauen vergeben. Und diese verbleibenden Frauen wurden den Webstühlen zugeteilt. Die neu gegründete Textilklasse wurde zur „Frauenklasse“. Warum gab Gropius seine Vision so schnell auf?

Von Anfang an musste Walter Gropius um das Ansehen seiner Schule kämpfen und bemühte sich, nach allen Seiten hin diplomatisch zu sein. Das Land Thüringen, das die Schule finanzierte, blickte kritisch auf das Bauhaus. In der Provinz war man noch sehr konservativ und zugeknöpft, es gab in Weimar deutlich mehr Gegenwind, als dies in einer Metropole der Fall gewesen wäre. Und gerade wegen dieser Überzahl an Frauen fürchtete Gropius, man würde das Bauhaus als dilettantische Kunstgewerbeschule abstempeln. Daran sieht man, dass es bis dahin noch kein Selbstverständnis von Künstlerinnen gab. Um das Ansehen seiner Schule zu wahren, hat Gropius die Wirkungsfelder von Bauhäuslerinnen wie Weberei, Textildesign oder auch die Entwicklung von Kinderspielzeug immer erst, wenn überhaupt, an letzter Stelle genannt – obwohl diese frauengeprägten Bereiche finanziell sehr erfolgreich waren. Es gab für Gropius eine ganz klare Hierarchie in den Gewerken: Ganz oben stand die Architektur und alles, was mit Bau zu tun hat.

Heute würde man von Mobbing sprechen.

Mit unserem heutigen Blick würde man auf jeden Fall von Mobbing und eindeutiger Genderpolitik sprechen. Aber klar, damals, vor 100 Jahren, waren Geschlechtervorstellungen verinnerlicht, die nicht hinterfragt wurden. Es gibt Meisterratsprotokolle aus dieser Zeit, in der die Diskussion um „die Frauenfrage“ festgehalten ist. Da gab es Vorschläge wie die Erhöhung des Schulgeldes für Frauen oder 1921 sogar den Vorstoß, Frauen gänzlich aus dem Bauhaus auszuschließen. Traurig ist zu sehen, wie auch die Frauen die klare Geschlechter-Dualität übernommen hatten. Es gibt Briefe und Tagebucheinträge der Bauhäuslerinnen, in denen ihre Zweifel am eigenen Talent nachzulesen sind.

Bauhausfrauen Treppe T.L. Feininger
Marcus Winterbauer / Koberstein
Bauhausfrauen Treppe T.L. Feininger

Was, meinen Sie, hat sich in den letzten 100 Jahren in Bezug auf die Sichtbarkeit von Frauen in der Kunst verändert?

Bevor ich mit der Arbeit an »Die Bauhausfrauen« anfing, war ich diesbezüglich etwas unbedarft. Ich war der Meinung, im Vergleich zu anderen Ländern und anderen Zeiten sähe es bei uns doch ganz gut aus. Mit der Auseinandersetzung mit dem Thema hat sich das aber verschoben. Natürlich hat sich viel getan, vieles ist selbstverständlicher geworden – von einer Chancengleichheit sind wir aber noch weit weg. An den Hochschulen sind die Frauen im Film- oder auch Kunstbereich eindeutig in der Überzahl. Sobald man aber in die Arbeitswelt kommt, sieht es ganz anders aus: Gerade in meiner Disziplin, dem Film, gibt es sehr wenig Frauen in kreativen Schlüsselpositionen wie Kamera oder Regie – der Dokumentarfilm steht da wenigstens noch etwas besser da als der Spielfilm.

Natürlich gibt es auch am Bauhaus Erfolgsgeschichten von Frauen. Mit Gunta Stölzl bekam die Weberei 1927 eine Meisterin – die erste weibliche Lehrkraft am Bauhaus. Sie wurde finanziell und rechtlich ihren männlichen Kollegen nicht gleichgestellt, aber sie setzte sich durch und erstritt sich dasselbe Gehalt. Oder denken wir an die Holzbildhauerin Alma Siedhoff-Buscher. Sie hatte für das Haus Am Horn modulare Kindermöbel entwickelt. Sie gehörte auch zu den Frauen, die versuchten, mit Kind am Bauhaus weiterzuarbeiten, an der fehlenden Vereinbarkeit dann aber scheiterten. Ebenso war das Medium Fotografie stark von Frauen besetzt. Im Gegensatz zu anderen etablierten Disziplinen gab es hier noch keine Vorbilder. War das eine Chance für die Frauen?

Definitiv. Das noch junge Medium Fotografie wurde von vielen Männern am Bauhaus anfangs nicht ernst genommen. Es hatte noch kein Ansehen und gab so den Bauhäuslerinnen die Möglichkeit, sich auszuprobieren, ein Feld für sich zu erschließen. Es gibt tolle Beispiele wie Lucia Moholy, die zwar nicht Studentin am Bauhaus war, aber Leben und Werke des Bauhauses umfassend fotografisch dokumentierte – mit einer ganz neuen Sachlichkeit. Heute kennen wir vor allem ihren berühmten Mann, László Moholy-Nagy, dabei hat das Paar viele Fotoexperimente gemeinsam durchgeführt, sie hat seine Dunkelkammerarbeiten übernommen und war ausgebildete Fotografin, er nicht! Oder auch das Duo ringl + pit, eigentlich Grete Stern und Ellen Auerbach, die sich gerade in der Werbefotografie einen ganz eigenen Namen gemacht hatten. Oder auch Gertrud Arndt, die eigentlich Architektin werden wollte, das aber nicht durfte und sich dann leidenschaftlich der Fotografie widmete und heute als Vorläuferin von Cindy Sherman gehandelt wird.

Monika Stadler, Tochter von Gunta Stölzl, in der Dokumentation "Bauhausfrauen"
Marcus Winterbauer / Koberstein
Monika Stadler, Tochter von Gunta Stölzl, in der Dokumentation "Bauhausfrauen"

Wagen wir ein Gedankenspiel: Wie könnte die Rezeption des Bauhauses heute aussehen, wenn den Frauen mehr Raum gelassen worden wäre? Sähen wir heute ein anderes Bauhaus?

Das ist keine einfache Frage. Ich würde sagen, das Bauhaus, wie es in der Öffentlichkeit angekommen ist, wurde sehr reduziert auf die nüchterne, reduzierte Architektur, auf funktionales Design. Lange wurde es als »seelenlos« verfemt. Noch heute sind so viele Leute überrascht, wenn sie sehen wie expressionistisch, wild und bunt das Bauhaus war. Mir persönlich fehlt oft die Sichtbarkeit der Bandbreite der Bauhauskunst, also der Blick auf die Fotografien, die Textilkunst, auf das Verspielte. Eben gerade auf die Bereiche, in denen Frauen aufgetreten sind.

Haben Sie, Frau Radelhof, in der Auseinandersetzung mit den weiblichen Geschichten des Bauhauses, eine »Lieblings-Bauhäuslerin«?

Auch wenn es langweilig klingt, aber mich haben alle Bauhausfrauen, über die ich recherchiert habe, wahnsinnig fasziniert. Vor allem ihre Haltung. Diese Frauen haben Wege beschritten, die noch nicht existierten, sie haben Gesellschaftsnormen getrotzt, mit ihren Familien gebrochen und sind ihren Ideen und Visionen gefolgt – fern von Vorbildern, wie junge Frauen sie heute haben. Sie wollten die Welt gestalten, Kunst machen, um jeden Preis – wie inspirierend! Dabei war eine Bauhäuslerin besonders bedingungslos: Friedl Dicker, ein wahres Multitalent und von allen Zeitgenossen als kraftvoll und lebenslustig beschrieben. Für mich ein wahrer kreativer Wildfang. Alles, was sie angefasst hat, wurde zu Gold. Und selbst unter den furchtbarsten existentiellen Bedingungen im KZ Theresienstadt blieb sie kreativ und gab den internierten Kindern Zeichenunterricht und schrieb kunsttheoretische Betrachtungen mitten im Holocaust. Und die dann auf so tragische Weise ihrem Untergang entgegenrannte, sie folgte ja ihrem Mann freiwillig nach Auschwitz und wurde dort vergast. Ich finde es ganz wichtig, dass man diese Geschichte kennt.

 

Bauhausfrauen - im Schatten der Männer

Inhalt von Youtube laden

Datenschutzhinweis

Wenn Sie unsere YouTube-Videos abspielen, werden Informationen über Ihre Nutzung von YouTube an den Betreiber in den USA übertragen und unter Umständen gespeichert.

Vorschau vor Abspielung des Videos

    [AV 2019]

    Zum Seitenanfang