Mystik und Mazdaznan

Wie spirituell war das Bauhaus?

© VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Itten junior als Messias? Die Zeugung und Geburt des Erstgeborenen wurde bei den überzeugten Anhängern des Mazdaznan-Kults nicht dem Zufall überlassen. (Johannes Itten, Kinderbild, 1921/1922, Foto: Kunsthaus Zürich, © VG Bild-Kunst, Bonn 2019)

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Hundert Jahre nach seiner Gründung gilt das Bauhaus nicht nur als Musterbeispiel funktionaler Gestaltung und einer auf Empirie basierenden Pädagogik. Die im Rahmen seiner Ausbildung verfolgte Einheit von Kunst und Handwerk, später dann von Kunst und Technik ließ das Bauhaus geradezu zu einer Marke des aufgeklärten Materialismus der Moderne werden. Kein Wunder: Galt die 1933 unter politischem Druck aufgelöste Institution doch lange Zeit als weltanschauliches Gegenbild zur Irrationalität der Nazis und ihrer fanatischen Sehnsucht nach politischer Mythologie und gesellschaftlichem Pathos.

Dass das Gegenteil von nationalsozialisischer Emphase auch am Bauhaus nicht immer zu nüchternem Realismus führte, bezeugt der Brief eines jungen Bauhäuslers aus dem Jahr 1932: „und dann hörte ich hannes meyer. er berichtete von seiner arbeit in rußland d.h. er malte wunschträume, zeichnete ein idealreich. billig und sehr naiv. volksredner. - ich denke an mies van der rohe. und ärgere mich, daß ich mich über so einen menschen aufgehalten habe, so ein furz.“[1] Doch nicht nur die den Zorn des jungen Studenten wie der neuen Machthaber entfesselnden „kommunistischen Umtriebe“ des späten Bauhauses rücken die strikte Rationalität seiner Lehre in die Sphäre der Hagiographie. Schon seine Anfänge in Weimar (1919–1923) waren tief geprägt von romantischen bis vernunftwidrigen Tendenzen.

Von alten Weisheiten und neuen Religionen

„Wohl gab es ein Mittel, das Geheimnis zu erkennen, nämlich: das Geheimnis zu enthüllen. Aber das enthüllte Geheimnis ist kein Geheimnis mehr. Das Geheimnis ist zerstört. Es ist dies die Art, mit dem Leben fertig zu werden, die das Leben zerstört.“ Für Lothar Schreyer, seit 1921 Leiter der Bauhausbühne, schien nicht die Aufklärung, sondern die Verklärung das Mittel seiner Zeit zu sein. Und so fährt der Autor des am Bauhaus so krachend gefloppten „Mondspiels“, einer Mischung von Minimal Dance[2] und kultischer Übung[3], fort: „Etwas anderes wollen die Menschen nun: Sie wollen das Geheimnis nicht durch eine Enthüllung zerstören, sondern sie wollen selbst das geheimnisvolle Leben leben, das der Sinn der Mystik ist.“[4]

Gilt die mystische Bauhausbühne durch die Neuausrichtung unter Schleyers Nachfolger Oskar Schlemmer heute als nahezu vergessen, ist es ein weiterer Meister der Anfangsjahre, der gerne im Kontext eines „irrationalen Bauhauses“ genannt wird: Johannes Itten. Der Grund hierfür: Der Erfinder und erste Leiter des berühmten Vorkurses war bekennender Anhänger einer neureligiösen Bewegung, die Schreyers christliches Spektrum um die nah- und fernöstliche Sphäre erweiterte. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts von den USA nach Europa geschwappte Bewegung mit dem klingenden Namen Mazdaznan (gesprochen „Masdasnân“) war kaum älter als die meisten Lehrenden am Bauhaus selbst.

Bauhaus-Archiv Berlin / © Michael Schreyer, Hamburg
Maria im Mond (Figurine für das Bühnenwerk „Mondspiel“), Autor: Lothar Schreyer, 1923.

Eine bessere Zukunft für alle – die weiß sind

Mazdaznan (etwa „Meistergedanke“) vereinte in sich die Ambivalenzen einer Zeit, die sich nach Fortschritt und Rückbindung zugleich sehnte. Das Ziel der vom deutschen Auswanderer Otto Harnisch gegründeten „Lebenskunde" war die physische, geistige und spirituelle Entwicklung des Menschen auf Basis von vegetarischer Ernährung, Atem- und Bewegungsübungen. „Deswegen bietet uns Mazdaznan keine Ideen und Theorien an, wohl aber eine Atemlehre, eine Diät- oder Ernährungslehre und Übungen aller Art (…), die so berechnet sind, „daß sie dem Blutlaufsystem, dem Nervensystem und dem Drüsensystem zu Hilfe kommen, damit sich die Gehirnintelligenzen erweitert wirksam machen.“[5] Das Interesse vieler Bauhäusler, von Georg Muche bis hin zu Walter Gropius, an einer die pädagogischen Ideale der Hochschule auch philosophisch untermauernden Lebenspraxis scheint auf den ersten Blick verständlich.

Doch der Blick in eine 1930 erschienene Publikation des Leipziger Mazdaznan-Verlags verrät, dass auch die auf Weltfrieden und Bewahrung der Natur fokussierte Strömung ihre historischen Schattenseiten hatte. Während der Autor des Buchs, Religionsgründer Otto Harnisch, die universalistische Komponente seiner Botschaft in den Vordergrund stellt („Mazdaznan ist (...) die frohe Botschaft der Errettung des Menschen ohne Ansehen seines Alters, Geschlechtes, Standes, Berufes, Bekenntnisses oder anderer vorübergehender Umstände und Zustände“[6]), korrigiert die Herausgeberin Frieda Ammann, den Geist ihrer Zeit erkennend: „Aus dem Borne ewiger Weisheit schöpfend, breitete unser hochgelehrter Meister auf seiner Europareise 1929 all die kostbaren Erfahrungen und Beobachtungen vor uns aus, die (…) unter die ganze weiße Menschheit hinausgetragen werden sollen…“[7]

Dass Ittens Begeisterung für Harnischs Ernährungs- und Heilslehre auch rassistische Implikationen mit sich brachte, belegt ein 1994 veröffentlichtes Redemanuskript des Bauhausmeisters. Unter dem Titel „Die Kunst der Gegenwart und die dreifache Grundlage des Menschen“ notierte er sich für seinen am 17. November 1922 am Bauhaus öffentlich gehaltenen Vortrag: „Weiße Rasse erkannte Gott in sich/ Inspiration/ und Offenbarungsgabe/ Sammlung aller Sinne/ vollkommenes Denken./ Atemlehre Herz Die wahre Religion erst bei den Ariern. Aber auch die wahre Kunst.“[8] In Anbetracht des aufrichtigen Interesses vieler Bauhäusler an afrikanischer Kunst hilft es auch nicht, dass der Rassismus des Mazdaznan Juden ausdrücklich zur „weißen Rasse“ zählte.

Bauhaus als Séance und Inspiration

Auch das im Rückblick entwickelte Narrativ, mit dem Ausscheiden Johannes Ittens und Lothar Schreyers hätte sich das Bauhaus spätestens 1923 auf seine rationalistische Seite konzentriert, erweist sich bei näherer Betrachtung als Schimäre. „Selbst in seiner Fokussierung auf ‚Kunst und Technologie, eine neue Einheit‘ bestand die Auseinandersetzung des Bauhauses mit dem Spirituellen eindeutig fort“[9], so Elizabeth Otto in ihrem 2019 erschienenen Buch „Haunted Bauhaus“. Als Belege führt sie nicht nur die kontinuierliche Beschäftigung vieler Bauhäusler mit „Lebensreform-bezogenen Praktiken“ an, sondern auch Archivfunde wie die Zeichnung der „Sieben Chakras“ von Joost Schmidt aus dem Jahr 1930 oder Xanti Schawinskys „Geisterfotografien“ aus dem frisch bezogenen Bauhaus in Dessau – ganz in spiritistischer Tradition des 19. Jahrhunderts. 

Wie Otto zu Beginn ihrer Beschwörung der „Bauhaus Spirits“ darlegt, beschränkt sich die Wirkung vermeintlich „irrationaler Umtriebe“ aber nicht auf diese kunstgeschichtlich sicher spannenden Experimente. Vielmehr sei die Offenheit für spirituelle Themen ein grundsätzlicher Zug vieler Bauhäusler gewesen, der sich nicht als Nebeneffekt, sondern vielmehr als verbindendes Element der Bauhausgründer äußerte. Kandinsky etwa, dessen Aufsatz „Über das Geistige in der Kunst“[10] schon vor Beginn des Ersten Weltkriegs für Furore gesorgt hatte, gab an, seine abstrakten Gemälde mit Formen zu füllen, die aus dem Unbewussten stammten und mehr mit Gefühl denn mit Logik zu tun hätten. „Es ist erwähnenswert, dass sich die Arbeit und Pädagogik eines der einflussreichsten Bauhaus-Meister auf Anti-Rationalität konzentriert,“ so Otto, „ein starker Kontrast zu den Stereotypen des Bauhaus.“ [11] Und selbst für den gern als rationalistisches Gegenstück zu seinem Vorgänger Itten inszenierten László Moholy-Nagy ist ein im September 1926 in Auftrag gegebenes ausführliches Horoskop erhalten, das dem Bauhausmeister u.a. „die Fähigkeit, eigene kreative Arbeit zu produzieren“ in Verbindung „mit einem Talent für das Unterrichten“ bescheinigt.[12]

Auch Paul Klee zählt zweifellos zu den „religiös Begabten“ am Bauhaus. Bekannt ist sein Werk „Angelus Novus”, das Walter Benjamin 1921 erworben hatte und diesen seither zu Arbeiten über die Kabbala, Angelogie und Dämonologie veranlasste. Noch im Jahr seines Freitods inspirierte ihn das Bild des Bauhausmeisters zu seiner epochalen Schilderung des „Engels der Geschichte“: „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann.“[13] Mythologische Fabelwesen und Götter sind ebenso wie geheimnisvolle Phänomene immer wieder Gegenstand in Klees Bildern. Wohl nicht umsonst wurde er in Ernst Kállais legendärer Karrikatur kurzerhand zum „Bauhausbuddha“ erklärt.

Bauhausbuddha

Auch Paul Klee zählt zweifellos zu den „religiös Begabten“ am Bauhaus. Bekannt ist sein Werk „Angelus Novus”, das Walter Benjamin 1921 erworben hatte und diesen seither zu Arbeiten über die Kabbala, Angelogie und Dämonologie veranlasste. Noch im Jahr seines Freitods inspirierte ihn das Bild des Bauhausmeisters zu seiner epochalen Schilderung des „Engels der Geschichte“: „Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.“[13] Mythologische Fabelwesen und Götter sind ebenso wie geheimnisvolle Phänomene immer wieder Gegenstand in Klees Bildern. Wohl nicht umsonst wurde er in Ernst Kállais legendärer Karrikatur kurzerhand zum „Bauhausbuddha“ erklärt.

© für Kállai: unbekannt / Bildnachweis: Bauhaus-Archiv Berlin
Karikatur auf Paul Klee: „Der Bauhausbuddha“. Fotografie einer verschollenen Zeichnung und Fotocollage, Datierung: 1928 - 1929, Maße: Abzugmaß (HxB): 7 x 5 cm, Rahmenmaß (HxBxT): 51,2 x 36,2 x 2,5 cm; Sign./Beschriftung: Im Original unten betitelt, rückseitig bezeichnet: „Klee“; Technik/Material: Silbergelatinepapier

Später Widerspruch

Als die Stadt München im Jahr 2012 eine Straße nach Johannes Itten benennen wollte, rächte sich die Begeisterung des ansonsten hoch verehrten Bauhausmeisters für die rassistischen Ansichten des Mazdaznan übrigens zum vorerst letzten Mal: Nach heftigen Protesten der Presse machte der zuständige Stadtbaurat den bereits beschlossenen Namen wieder rückgängig. Die an den Domagk-Ateliers vorbeiführende Straße heißt heute Margarete-Schütte-Lihotzky-Straße. Als diese Änderung bekannt wurde, brach im Internet neue Empörung aus: „Wer kann sich diesen Namen merken? Welches Kind könnte ihn aussprechen? Wer kann ihn fehlerfrei schreiben? Wer kann ihn im Vorbeifahren auf einem Schild lesen?“[14]

Irrationalität mag dem Bauhaus nicht fremd gewesen sein – aber wie es scheint, hat diese in den vergangenen 100 Jahren noch einmal kräftig zugenommen.

  1. [1] Hans Keßler, die letzten zwei jahre des bauhauses / the last two years of the bauhaus, Berlin 2013, 10.
  2. [2] Joachim Noller, Klang/Bewegung. Musik und Tanz im modernen Gesamtkunstwerk, in: Constantin Floros/Friedric Geiger/Thomas Schäfer (Hrsg.): Komposition als Kommunikation. Zur Musik des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 2000, 21.
  3. [3] Juan Allende-Blin, Gesamtkunstwerke – von Wagners Musikdramen zu Schreyers Bühnenrevolution, in: Hans Günther (Hrsg.), Gesamtkunstwerk. Zwischen Synästhesie und Mythos, Bielefeld 1994, 178 ff.
  4. [4] Lothar Schreyer, Deutsche Mystik, Berlin 1925, 7.
  5. [5] Dr. O. Z. A. Hanish, „Mazdaznan“ – Der Ruf an die Welt. Die frohe Botschaft der Errettung des Menschen, Leipzig 1930, 11.
  6. [6] Ebenda, 9.
  7. [7] Ebenda, 5.
  8. [8] Rolf Bothe/Peter Hahn/Hans Christoph von Tavel (Hg.), Das frühe Bauhaus und Johannes Itten, Ostfildern-Ruit 1994, 446f.
  9. [9] Elizabeth Otto, Haunted Bauhaus. Occult Spirituality, Gender Fluidity, Queer Identities, and Radical Politics, Cambridge 2019, 46.
  10. [10] Hier gibt es Kandinskys vollständiges Werk als PDF.
  11. [11] Elizabeth Otto, Haunted Bauhaus. Occult Spirituality, Gender Fluidity, Queer Identities, and Radical Politics, Cambridge 2019, 42.
  12. [12] Theo Spengler, Horocope from Mr. and Mrs. Moholy-Nagy, Sept. 1, 1926, 17. Estate of Laszlo Moholy-Nagy, Ann Arbor.
  13. [13] Walter Benjamin, Gesammelte Schriften, herausgegeben von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser (werkausgabe edition suhrkamp), Frankfurt/Main 1980, Band I.2, 697.
  14. [14] Wortlaut einer 2014 gestarteten Onlinepetition.

[NF 2019]

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