„Nur durch unsere Fragen und unsere Neugier wird Geschichte relevant für uns.“

Interview mit Ines Weizman

Bauhaus-Universität Weimar
Prof. Dr. phil. Ines Weizman

Ein internationales Kolloquium im Jubiläumsjahr – dominiert da der Rückblick, oder die aktuelle Relevanz des Bauhauses, Frau Weizman?

Eine wissenschaftliche Konferenz wie dieses Kolloquium schaut natürlich zurück, aber die Art und Weise, wie wir zurückschauen, worauf wir unseren Fokus legen und die neuen Methoden wie wir diese Geschichte erkunden, involviert ja auch neues Wissen, neue Rechercheformate und neue theoretische Konzepte, wie die komplexe Geschichte der Moderne heute gelesen und analysiert werden kann.

Was sind das für Rechercheformate?

Ich denke, wenn wir uns heute mit einer Ideengeschichte wie der des Bauhauses beschäftigen, bedienen wir uns ganz automatisch der neuen Medien, wir recherchieren im Internet, suchen in Onlinearchiven, erkunden die Geschichte durch Bilder, Filme und vielleicht Filmaufnahmen. Wenn wir auch nicht mehr die Bauhäusler*innen befragen können, können wir noch mit Familien sprechen, oder mit Sammlern von Kunstwerken oder Bewohnern von Häusern, die uns vom Werk der Künstler und Architekten erzählen können. Dazu kommt, dass die Werke sich ja selbst auch in diesen hundert Jahren verändert haben. Sie zeigen die Spuren ihrer Wertschätzung und der politischen Zeiten, die sie durchstanden haben. Diese Spuren zu lesen, ist mir wichtig.

XIV. Internationales Bauhaus-Kolloquium, 2016
Tobias Adam
XIV. Internationales Bauhaus-Kolloquium, 2016

Gibt es überhaupt noch Aspekte des historischen Phänomens Bauhaus, die bislang nicht diskutiert wurden?

Ja gewiss. Da gibt es noch so viele Zusammenhänge, die hier erforscht werden können. Ohne die noch unvollständige Geschichte der Werke oder Personen des Bauhauses zu benennen, bleiben trotz der bereits vorliegenden Forschungen allein in Weimar am Ort des Anfangs des Bauhauses die Schnittstellen mit den Vorgängerinstitutionen wie der Kunstschule und der Kunstgewerbeschule unter der Leitung von Henry van de Velde höchst interessant, aber auch die Nachgeschichte des Bauhauses, in der Nachfolgeinstitution, der Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst unter Otto Bartning, und auch der Umgang mit dem Bauhaus unter den Nationalsozialisten und an den späteren Architekturschulen in Weimar. Ähnlich könnte man sich auch mit der Vor-und Nachgeschichte des Bauhauses in Dessau und Berlin beschäftigen. Im diesjährigen Kolloquium werden wir mit einer Fokussierung auf das Jahr 1919 beginnen und uns noch einmal in die Anfangszeit des Bauhauses begeben. Aber es wird auch um das schwierige Verhältnis des Bauhauses zur Industrie und zu seiner Zusammenarbeit mit eigentlich wirtschaftlich kapitalistischen Interessen gehen.

Welches Gebiet reizt Sie als Forscherin besonders?

Ich beschäftige mich unter anderem mit der Exilgeschichte von Architekt*innen und Architekten, die 1933 gezwungen waren aus Deutschland zu fliehen. Es zeigt sich, dass noch viel Forschungs-und Dokumentationsarbeit zu leisten ist, um die Geschichten des Werkes von Protagonisten in Deutschland und auf den Wegen des Exils nachzuzeichnen.

Auf was freuen Sie sich im Rahmen des Kolloquiums?

Ich freue mich natürlich darauf, Referenten kennenzulernen, die ich sonst nur aus ihren Büchern oder Ausstellungprojekten und Filmen kenne. Ganz besonders freue ich mich auf die exklusive Filmvorschau eines Films aus Chicago über László Moholy-Nagy, der dieses Jahr in die Kinos kommen wird und den uns der Producer Marquise Stillwell vorstellen wird. Das wird etwas Besonderes sein.

Internationales Bauhaus-Kolloquium
Design: Happy Little Accidents
Internationales Bauhaus-Kolloquium

Nimmt das Thema der Bauhaus-Frauen einen speziellen Raum ein?

Frauen werden auf drei verschiedene Weisen präsent sein. Einmal als Referentinnen, da haben wir diesmal, wie beim letzten Mal 2016, im Kolloquium wieder Frauen in der Mehrzahl. Die Sektion, die von mir geleitet wird, wird allein Frauen haben. In dieser Sektion wird es auch um Frauen und um Genderpolitik am Bauhaus gehen. Ich freue mich sehr, Elizabeth Otto dabei zu haben, die zum Queer Bauhaus sprechen wir und die ja zur Zeit eine Ausstellung in Erfurt im Angermuseum zu Bauhäuslerinnen zeigt. Ja und drittens, als feministische Theorie und Epistemologie, als eine Methode, situierte Erfahrung zu rekonstruieren und Wissen zu generieren.

Sie leben in Weimar und London. Blickt man da anders auf die Debatte des deutschen Feuilletons, das sich in kleinen Teilen über das „Über-Bauhaus-Jubiläum“ beschwert hat?

Ehrlich gesagt, ist in London vor lauter Brexit Diskussion in den Medien zur Zeit kaum etwas von diesem Trubel zu hören. Es gab eine wunderschöne große Ausstellung zu Annie Albers in der Tate Modern, die vom Publikum ganz begeistert aufgenommen wurde. Ich denke, man interessiert sich dort schon sehr für die Bauhausgeschichte, gerade auch weil so viele Emigrées vom Bauhaus wie Walter und Ise Gropius, Marcel Breuer, László Moholy-Nagy und Lucia Moholy, Margaret Leischner oder Edith Tudor-Hart ja auch nach London kamen und teilweise auch in Großbritannien blieben.

XIV. Internationales Bauhaus-Kolloquium, 2016
Jonas Žukauskas
XIV. Internationales Bauhaus-Kolloquium, 2016

Kleine Prognose: Wie geht es mit dem Bauhaus nach 2019 weiter?

Ich denke nach 2019 geht es erst richtig los. Die vielen wunderbaren Ausstellungen und Projekte zum Jubiläum zeigen doch, dass es weltweit noch so viele Fragen an die Bauhausgeschichte gibt. Archive und Privatsammlungen haben vielleicht gerade erst im Zuge dieser Feierlichkeiten entdeckt, dass sie Dokumente oder Objekte haben, die bisher noch keine Beachtung oder Einordnung in die Geschichte erhalten haben. Und mit jeder neuen Entdeckung ergeben sich doch auch immer wieder neue Zusammenhänge und Fragen, die die Geschichte ja auch zu einer dynamischen Angelegenheit macht. Nur durch unsere Fragen, unsere Suche und unsere Neugier wird Geschichte relevant für uns. Sie ist ja nicht einfach nur da, um studiert zu werden, sondern es geht darum, diese Geschichte auch durch unsere Fragen aus der Gegenwart zu bereichern.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Weizman!

Ines Weizman ist Direktorin des Centre for Documentary Architecture (CDA). Sie lehrt an der Bauhaus-Universität Weimar als Professorin für Architekturtheorie und ist Co-Direktorin des Bauhaus-Instituts für Geschichte und Theorie der Architektur und Planung. Sie studierte in Weimar, Paris und Cambridge, unterrichtete an der Architectural Association, dem Goldsmiths College London, dem Berlage Institute of Architecture in Rotterdam und der CASS School of Art and Architecture, London Metropolitan University. Neben mehreren Büchern veröffentlichte sie u.a. Texte in AA Files, ADD BEYOND, AD Magazine, JAE, Future Anterior, Harvard Design Magazine, Perspecta, Volume, The Routledge Companion to Photography and Visual Culture und The Sage Handbook of Architectural Theory erschienen. Ihre Installation »‘Repeat Yourself’: Loos, Law and the Culture of the Copy« war zuerst auf der Architekturbiennale von Venedig 2012 im Arsenale zu sehen, anschließend auch im Architekturzentrum Wien und an der Columbia University, New York. 2016 konzipierte sie das XIII. Internationale Bauhaus-Kolloquium mit dem Titel »Dust and Data«, zu dem 2019 eine Publikation (Spector Books) erscheinen wird. Beim XIV. Internationalen Bauhaus-Kolloquium 2019 ist sie erneut Konferenzdirektorin. Im September 2019 wird sie als Kuratorin die Ausstellung des Centre for Documentary Architecture „The Matter of Data. Auf den Spuren der Bauhausmoderne“ im Bauhaus Museum Weimar und im Liebling Haus - The White City Center in Tel Aviv vorstellen.

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