Und es wurde Licht

Sammlung Zweck&Form / Foto: Sven Adelaide / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Marianne Brandt und Hin Bredendieck, Nachttischleuchte, Kandem Nr. 702, 1928-29

Absatz 1 – 3

Am 4. Dezember 1926, das Bauhaus ist gerade von Weimar nach Dessau gezogen, wird Walter Gropius’ Bauhausgebäude eingeweiht. Fünf ornament- und kompromisslose Bauten, klar in ihrer Form und modular verbunden. Die einzelnen Gebäudeteile sind nach Funktion voneinander getrennt und stehen damit – nach dem Grundsatz »form follows function« – für die Prinzipien des Internationalen Stils.

Die Aufregung über den Bau ist groß – besonders wegen der durchgängigen Glasvorhangfassade des Werkstattgebäudes. Diese monumentale, transparente Fläche ist etwas gänzlich Neuartiges. Sie überwindet die Unterscheidung von Außen- und Innenraum und macht Platz für ein im Bauhaus ganz wichtiges Element: Das Licht.

Bereits bei der Gründung des Bauhauses war der Einbezug von Tages- und Sonnenlicht in die Architektur ein wichtiges Thema. Das Spiel von Licht und Schatten, von Tages- und Nachtlicht sollte bei Entwürfen berücksichtigt werden. Nicht zuletzt soll die Lichtdurchlässigkeit den Bauten etwas Filigranes, Transparentes, Leichtes geben. Man zieht sich nicht in seine Höhle zurück, sondern tritt in Interaktion mit seiner Umgebung. Das „Neue Bauen” mit seinem Wunsch nach „Licht, Luft, Sonne” sucht nach neuen Wohnformen jenseits der Mietskasernen.

Arbeiten mit Licht

Der Umgang mit Licht im Bauhaus wurde vor neue Möglichkeiten gestellt, als in den 1920er Jahren die Haushalte nach und nach elektrifiziert wurden. Was die Beleuchtung von Innenräumen anging, hatten die Bauhaus-Vertreterinnen und -Vertreter bis dahin an Designs von zeitgemäßen Lichtquellen wie Kerzenständern gearbeitet. 1923 übernahm László Moholy-Nagy die Leitung der Metallwerkstatt im Bauhaus und gab wichtige Impulse für die Gestaltung von Leuchten und Lampen. Hier konnte das Bauhaus auf die Bedürfnisse des neuen Massenmarkts reagieren. Und auch bei der Entwicklung neuartiger Leuchten stand immer der Bauhaus-Grundsatz, die Kombination von Kunst und Handwerk und der Anspruch sowohl an Design als auch Praktikabilität im Vordergrund.

Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016
Porträt László Moholy-Nagy / Foto: Lucia Moholy, 1926.

Arbeiten mit Licht

Die Industrialisierung brachte es mit sich, dass länger und bis spät in die Dunkelheit gearbeitet wurde – auch in den Bauhaus-Werkstätten. Deckenlicht und Pendelleuchten erhellten die Arbeitsplätze nicht genügend. Außerdem spendeten sie lediglich Licht von oben; Körper und Kopf verschatteten den Blick auf das Werkstück.

Aus diesen neuen Lichtbedürfnissen entwickelte der Ingenieur und Designer Curt Fischer, Gründer der Midgard Licht GmbH, erste lenkbare Lichtquellen. Bereits 1919 ließ er seine berühmte Scherenleuchte patentieren, die es ermöglichte, den Lichtschein ganz nah an sich und seine zu fertigenden Objekte heranzuziehen. Diesem innovativen Entwurf folgten weitere Modelle. Das als „Peitsche” benannte Modell 113 fand bald Einzug in die Metallwerkstatt des Bauhauses. Damit schließt sich ein Kreis: Die Erfindung von künstlichen, schwenk- und lenkbaren Leuchten ermöglichte die über das Tageslicht hinausreichende Arbeit an neuen Formen des elektrischen Lichts. Und so erstrahlte das Bauhausgebäude auch des Nachts wie ein von innen leuchtender „Riesenlichtkubus” und das „Arbeiten mit Licht” wird zur Doppeldeutigkeit.

Diane Chaudouet – Fiat Lux Berlin
Tischleuchte Midgard 113, „Peitsche“, um 1925, Curt Fischer

Ein wiederentdeckter Bauhäusler

Die im Bauhaus entwickelten Leuchten waren nie nur praktische Beleuchtungsgegenstände, sondern sollten auch den modernen Designansprüchen genügen und als dekorative Objekte wahrgenommen werden. Damals entstandene Leuchten wie die Kugelleuchte von Carl Jakob Jucker und Wilhelm Wagenfeld sowie Lampen der kommissarischen Leiterin der Metallwerkstatt, Marianne Brandt, sind bis heute Klassiker. Die berühmte »Wagenfeld« allerdings galt zu ihrer Entstehungszeit als weder funktional noch modern. Dadurch, dass sie kein gezieltes Licht verströmt, ist sie nicht praktisch als Lichtquelle, sondern eher formschön als Skulptur.

Ab 1927 hatte auch der Ostfriese Hin Bredendieck seinen Platz in der Metallwerkstatt am Bauhaus. Eigentlich wollte der gelernte Möbelschreiner mit Holz arbeiten, wurde aber von Laszló Moholy-Nagy motiviert, etwas Neues auszuprobieren. Nachdem er zuvor diverse Kunstgewerbeschulen abgebrochen hatte (er wollte »nicht verzieren«), fand Bredendieck hier schnell seinen Platz. Er brachte neue Ideen und Lösungen bei der Entwicklung von Lampen und Leuchten ein und legte den Grundstein für seine spätere Aufgabe als Gründungsdirektor des Instituts für Industriedesign am Georgia Institute of Technology in Atlanta.

Landesmuseum Oldenburg
Portrait Hin Bredendieck (1904 Aurich - Atlanta 1995), unbekannter Fotograf (Hermann Gautel?), um 1929
Werke von Hin Bredendieck sind noch bis zum 4. August 2019 in Oldenburg zu sehen

Arbeiten von Wilhelm Wagenfeld sind bis zum 27. Oktober 2019 in Bremen ausgestellt

Veranstaltung

Ein erst 2018 entdeckter Nachlass Hin Bredendiecks eröffnet ganz neue Perspektiven auf die Entwicklung dieses 1937 nach Amerika emigrierten Bauhäuslers und Leuchtendesigners. Seinem Werdegang und Einfluss auf das Bauhaus – nicht zuletzt in den USA – ist die Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg” (27. April bis 4. August 2019 im Augusteum) gewidmet.

Allumfassendes Leuchten

Vor allem der Lehrmeister Bredendiecks, László Moholy-Nagy, war vom Thema Licht, dessen Brechung, Fixierung und Reflexion fasziniert und brachte es in viele seiner Arbeiten ein. Der gebürtige Ungar arbeitete künstlerisch interdisziplinär, beschäftigte sich mit Malerei und Grafikdesign, mit Film und Fotografie. Zu Beginn des Bauhauses wurden Fotografien lediglich zur Dokumentation entstandener Werke genutzt. Ab 1923 fing Moholy-Nagy an, mit der Disziplin als ästhetisches Phänomen zu experimentieren und die Fotografie in die Lehre zu integrieren. Er hielt das fotografische Verfahren für „gegenüber den bisher bekannten optischen Gestaltungsmitteln. (...) Schon allein die unendlich feinen Abstufungen der Hell-Dunkel-Variationen, die das Fenomen Licht in fast immateriell wirkender Strahlung zur Gestalt bringen, würden genügen, eine neue Art des Sehens (...) aufzurichten.”
Immer wieder erdachte er neue Formen, das Sehen zu verändern und mit Licht Kunst zu machen. 1930 präsentierte er seinen »Licht-Raum-Modulator«, ein »Apparat zur Demonstration von Licht- und Bewegungserscheinungen«. Dieses Lichtrequisit war auch fester Bestandteil von Moholy-Nagys „Raum der Gegenwart”, einem Raumkunstwerk aus kinetischen Wänden, Filmprojektionen, Fotografien, gewellten Glaswänden und dem Modulator. In seiner Gesamtheit ist dieser Raum ein Vorreiter der Auseinandersetzung mit Präsentation im Raum, legt einen Grundstein für das Thema Ausstellungsdesign und moderne Szenographie.

Bauhaus-Archiv Berlin / Moholy-Nagy gemeinfrei / abgelaufen 2016
Licht-Raum-Modulator, Autor: László Moholy-Nagy, 1922–1930, Replik 1970.

letzten Absätze

Auch der als Bühnenbildner bekannt gewordene Bauhaus-Maler Oskar Schlemmer entwickelte neue Bühnenbilder und Ausdrucksformen im Theater mithilfe von künstlichem Licht. Die Bewegung von Figuren im Raum ließen sich durch fokussiertes Licht gezielter nachvollziehen und begünstigten ein tieferes Raumgefühl. Als Protest gegen die androhende Schließung des Bauhauses durch die nationalsozialistische Mehrheit erschuf Schlemmer sein Werk »Die Bauhaustreppe«: Mehrere stilisierte Personen in Rückenansicht gehen ein lichtdurchflutetes Treppenhaus hoch. Hierin entdeckt die Kunsthistorikerin Karin von Maur die »Verdichtung der Idee des Bauhauses«. Diese Idee soll die Finsternis des Nationalsozialismus überdauern und die Jugend in eine »lichtere Zukunft« führen. Das Bauhaus selbst als Licht.

Bauhaus-Archiv Berlin / © gemeinfrei
Bauhaustreppe, Autor: Oskar Schlemmer, 1932.

headline

Der Übergang vom natürlichen zum elektrischen Licht, die gesamtheitliche Beschäftigung mit Architektur, Kunst, Design und Handwerk, ermöglichte es dem Bauhaus, Licht viel größer zu denken denn als reine Beleuchtung. Licht ist im Bauhaus sowohl praktische Lichtquelle als auch ästhetische Erfahrung. Als Letzteres einerseits im Sinne von leuchtenden Kunstgegenständen und anderseits als Erfahrung des Lichteinfalls. Dieses Spielen mit Lichteinfall, -lenkung und präziser Positionierung eröffnet ganz neue Möglichkeiten, Räume zu erleben, Raumgefühle zu etablieren. Dies sowohl in der Architektur als auch auf der Bühne oder der Aufbereitung von Ausstellungen. Nicht zuletzt ist Licht selbst Quelle von Kunst, sagte doch László Moholy-Nagy über das Medium Fotografie „Dieses Jahrhundert gehört dem Licht. Die Fotografie ist die erste Form der Lichtgestaltung.” So wurde im Bauhaus nicht nur Licht. Sondern es wurde Raum und Kunst und Möglichkeit.

Bauhaus-Archiv Berlin
Oskar Schlemmer in einer Selbstinszenierung für die Mappe "9 jahre bauhaus. eine chronik" (Abschiedsgeschenk der Bauhäusler für Walter Gropius), Fotograf: unbekannt, um 1928.

    [AV 2019]

    Weitere Artikel zum Thema:

    1923–1928

    Vorkurs László Moholy-Nagy

    1923 übernahm László Moholy-Nagy die Leitung des Vorkurses und verlegte den Schwerpunkt von künstlerischen auf technische Fragen. Romantik und Naturgefühl wurden nun durch Rationalität ersetzt.

    Mehr erfahren
    Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017
    Franz Ehrlich, 1929–1930

    Durchdringungs- und Beleuchtungsstudie

    Mehr erfahren
    Bauhaus-Archiv Berlin / © Stiftung Bauhaus Dessau
    1923–1928 Studierende am Bauhaus / 1928–1929 stellvertretende Leiterin Metall

    Marianne Brandt

    László Moholy-Nagy erkannte schon früh ihr einzigartiges Talent. Durch ihn angeregt, studierte Brandt in der Männerdomäne Metallwerkstatt – und war erfolgreicher als manch einer ihrer Kommilitonen.

    Mehr erfahren
    Bauhaus-Archiv Berlin / © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

    Die „Schule im Walde“ als sozialpädagogisches Ideal

    Mit Hannes Meyer und Hans Wittwer kehrte eine funktionellen Auffassung des Bauens am Bauhaus ein. Ihre Studierenden erstellten Funktionsdiagramme: Tabellen und Grafiken, in denen Informationen zum Baugrund, zum Fortlauf der Sonne und vor allem zu den Bedürfnissen der zukünftigen Bewohner festgehalten wurden. Architektur wurde zur Bauwissenschaft. Ein Musterbeispiel hierfür ist die Bundesschule des ADGB. Ihre konsequente Planung von innen nach außen wird in Walter Peterhans’ Fotografien manifest.

    Mehr erfahren
    Walter Peterhans Estate, Museum Folkwang, Essen
    Zum Seitenanfang